Arbeitsmarkt Wirtschaftsboom geht an Delmenhorster Langzeitarbeitslosen vorbei

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Zahlen der Agentur für Arbeit zeigen, dass gerade ältere und ungelernte Arbeitslose trotz guter Konjunktur abgehängt werden und kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Foto: Julian Stratenschulte/dpaZahlen der Agentur für Arbeit zeigen, dass gerade ältere und ungelernte Arbeitslose trotz guter Konjunktur abgehängt werden und kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Delmenhorst. Der Arbeitsmarkt brummt. Die wirtschaftlichen Kennzahlen stehen, so gut, wie seit 25 Jahren nicht. Allerdings geht dieser Trend an Langzeitarbeitslosen weitestgehend vorbei. Am schwierigsten haben es ältere und ungelernte Arbeitslose. Das zeigen Zahlen der Agentur für Arbeit.

Die Wirtschaft boomt. In Delmenhorst ist die konjunkturelle Lage derzeit so gut, dass 21.000 Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung haben. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit kräftig gesunken auf zuletzt 9,3 Prozent – ein für Delmenhorst sehr guter Wert. Rund 3600 Menschen sind derzeit ohne Arbeit. Beide Werte sind so niedrig wie zuletzt 1993. Das geht aus Statistiken der Stadt hervor.

Langzeitarbeitslose profitieren praktisch nicht vom Wirtschaftsboom

Doch auch wenn die wirtschaftlichen Kennzahlen für die Stadt so günstig stehen, wie seit 25 Jahren nicht, profitieren Langzeitarbeitslose praktisch gar nicht. So berichtet die Agentur für Arbeit auf Nachfrage,

  • dass in der Stadt im Mai 2018 insgesamt 1514 Langzeitarbeitslose, also Menschen, die ein Jahr oder länger arbeitslos sind, gezählt wurden.
  • Im Mai 2010 waren es 1518.
  • Das ist eine verschwindend geringe Abnahme von rechnerisch gesehen vier langzeitarbeitlosen Männer und Frauen in acht Jahren.

Wer lange arbeitslos ist, hat kaum Chancen auf einen Job – selbst bei bester Konjunktur

Zu beachten ist allerdings, dass 2014 ein Zwischenhoch mit 1858 Langzeitarbeitslosen verzeichnet wurde. Noch düsterer sieht es bei den Menschen aus, die vier Jahre und länger arbeitslos sind: In den vergangenen acht Jahren nahm ihre Zahl zu, um 71 auf 439.

Wer also lange arbeitslos ist, der bleibt es auch und hat kaum Chancen, wieder einen Job zu finden – selbst bei besten konjunkturellen Bedingungen. So lassen sich diese Zahlen interpretieren.

Ältere und Ungelernte haben schlechte Chancen

Claudia Zimmermann, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Oldenburg, sagt, dass zwar mit der Nachfrage nach Arbeitskräften in den vergangenen Jahren die Chancen für Langzeitarbeitslose auf dem Arbeitsmarkt zwar wieder gestiegen seien – doch „es bleibt eine Herausforderung, Menschen, die mehrere Jahre nicht mehr im Berufsleben standen, wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen.“ Besonders große Hemmnisse lägen bei zwei Gruppen vor: So waren in Delmenhorst 2010 im Jahresdurchschnitt 30 Prozent (absolut: 461) aller Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre alt. Bis 2017 hat sich ihr Anteil um zehn Prozent (auf 610) erhöht. Im gleichen Zeitraum stieg auch der Anteil von Langzeitarbeitslosen ohne Berufsausbildung um 8 Prozent (von 950 auf 1107).

Die Zahlen zeigen, dass gerade ältere und ungelernte Arbeitslose trotz guter Konjunktur abgehängt werden und kaum Chancen haben.

Arbeitsagentur will präventiv wirken, das Jobcenter setzt an den Grundlagen an

Laut Zimmermann versuche die Agentur, die überwiegend Kurzzeitarbeitslose betreut, in erster Linie präventiv einzugreifen, um Langzeitarbeitslosigkeit zu verhindern: Das Werben bei Jugendlichen für eine Ausbildung oder die Unterstützung von Unternehmen, die ihre Angestellten – vor allem Geringqualifizierte – weiterbilden wollen sind Beispiele. Für das Jobcenter, das einen Großteil der Langzeitarbeitslosen betreut und deren Träger neben der Stadt die Agentur ist, nennt Zimmermann unter anderem das Programm Netzwerk ABC, in dem drei Mitarbeiter 150 Langzeitarbeitslose besonders eng und intensiv beraten – eine für das Jobcenter sehr gute Betreuungsquote. Weiter nennt Zimmermann „gesundheitsfördernde Anteile“ und „individuelles Coaching“, die in fast jeder der insgesamt 55 Maßnahmen im Jahr 2018 enthalten sind. Ein neuer Ansatz ist laut Zimmermann das Familiencoaching, bei dem durch „aufsuchende Sozialarbeit“ eine gesamte Bedarfsgemeinschaft vornehmlich mit Kindern und im Langzeitbezug betreut wird.

Generell, sagt Zimmermann, müsse beim Erfolg der Jobcentermaßnahmen bedacht werden, dass Langzeitarbeitslose oftmals „eine oder mehrere Schwierigkeiten überwinden müssen, um wieder am Erwerbsleben teilnehmen zu können“.


Laut Agentur für Arbeit gibt es in Delmenhorst die meisten Stellen im Groß- und Einzelhandel sowie Instandhaltung und Reparatur von Kraftfahrzeugen (3874), im Gesundheits- und Sozialwesen(3697), bei wirtschaftlichen Dienstleistungen (2833), im verarbeitenden Gewerbe (2816), in der öffentlichen Verwaltung (1468), sowie im Baugewerbe (1451, Stand: Juni 2017).

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