Zu 60 Jahren Gleichberechtigungsgesetz Eigenes Konto konnte nur heimlich eröffnet werden

Von Sönke Ehmen

Ein verstaubtes Rollenbild prägte die Adenauer-Ära: Waschmittelwerbung im dk aus dem Jahr 1958. Foto: Sönke EhmenEin verstaubtes Rollenbild prägte die Adenauer-Ära: Waschmittelwerbung im dk aus dem Jahr 1958. Foto: Sönke Ehmen

Delmenhorst. 1958 verbesserte das Gleichberechtigungsgesetz die Stellung der Ehefrau beim Vermögen. Vieles lag aber noch im Argen, erzählt Ehrenratsfrau Käthe Stüve.

Es klingt wie der Bericht aus einem orientalischen Staat: Bei der Heirat fällt das von der Frau eingebrachte Vermögen dem Manne zu. Vermögen, das während der Ehe erworben wurde, auch durch die Mitarbeit der Frau, gehört dem Mann. Denn eine Frau, die nur mit der Kindererziehung und der Haushaltsführung beschäftigt ist, ist nicht in der Lage, ihr Vermögen selbst zu verwalten. So jedenfalls sah noch bis Anfang der 1950er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland die Realität aus. Erst mit dem Gleichberechtigungsgesetz, das am 1. Juli 1958 in Kraft trat, sollte sich an dieser Rechtslage etwas ändern.

Überkommene Vorstellungen

Mit der Verkündung des Grundgesetzes im Jahr 1949 war die Gleichberechtigung von Mann und Frau erstmals verfassungsmäßig festgestellt worden. Dennoch orientierte sich das Familienrecht noch immer an überkommenen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts. Um diesen Missstand aufzuheben, hätte die Bundesregierung bereits am 31. März 1953 ein neues Gesetz vorlegen sollen. Man legte aber wenig Mühe an den Tag, da nicht wenige der männlichen Parlamentarier der Meinung waren, das Gleichberechtigungsgesetz verstoße gegen die „natürliche Ordnung“ und stelle eine Gefahr für den häuslichen Frieden dar, könnten Frauen doch im Falle einer gesetzlichen Besserstellung ihre häuslichen Pflichten vergessen. Es bedurfte daher eines spürbaren Anschubs durch das Bundesverfassungsgericht, damit die Bundesregierung aktiv wurde.

Keine Chance für Berufswunsch

Neben der Rechtsprechung erwiesen sich aber auch fest gefügte Rollenbilder der Adenauer-Ära als hohe Hürden. „Ich habe 1950 Abitur gemacht“, erzählt mir Käthe Stüve, langjährige Delmenhorster Ratspolitikerin, „und wäre dann gerne Ingenieur geworden. ‚Ein Mädchen wird nicht Ingenieur‘, das hörte ich als Antwort von meinen Eltern, womit mein Berufswunsch ganz schnell begraben war.“

Nur Haushaltsgeld zugeteilt

Die Ehrenratsfrau hat dann ihren Mann kennengelernt, bekam drei Kinder und blieb erst einmal zu Hause. „Anfang der 1960er Jahre wurden wir Frauen dann aber etwas selbstbewusster. So hatte ich mich immer wahnsinnig geärgert, dass mein verdientes Geld immer auf das Konto meines Mannes ging und ich nur Haushaltsgeld zugeteilt bekam. Ich wollte über mein Geld selbst bestimmen. Wollte ich mir einmal ein neues Kleid kaufen, hieß es nicht selten: ‚Was willst du denn damit, du hast doch schon drei im Schrank.‘“

Ohne Wissen der Männer zur Fahrschule

Immerhin, bei der Postbank fielen bald Schranken für Hausfrauen als Kunden, erzählt Käthe Stüve weiter: „Heimlich, ohne Wissen meines Mannes, habe ich die Chance genutzt und ein eigenes Konto eröffnet. Mein Mann hat das letztlich auch akzeptiert. Bei anderen war das aber nicht so.“ Stüve ließ sich auch auf einem anderen Gebiet nicht beirren: „Wir Frauen hatten ja alle keinen Führerschein. Eines Tages hatte eine Freundin davon die Nase voll und nachdem sie mich überredet hatte, meldeten wir uns heimlich zur Fahrschule an. Das Geld hierfür sparten wir uns vom zugeteilten Haushaltsgeld ab. Was haben wir fleißig gelernt, damit das billig wurde und die Männer nichts zuzahlen mussten. Ohne Unterschrift des Mannes haben wir das gemacht und nur weil der Fahrschullehrer ein Auge zugedrückt hatte, haben wir das hingekriegt.“

Im Möbelgeschäft abgewiesen

Noch viele Jahre nach Inkrafttreten des Gleichberechtigungsgesetzes waren nicht alle rechtlichen Unterschiede abgebaut worden. Käthe Stüve berichtet das Erlebnis einer Freundin: „Zu Beginn der 1970er Jahre suchte sie allein ein Möbelgeschäft auf, besprach mit dem Verkäufer ihre Wünsche und als am Ende alles geregelt war und sie auf Raten bezahlen wollte, wurde ihr dieses verwehrt, da ihr Ehemann nicht anwesend war, um den Kauf mit gegenzuzeichnen.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN