Gespräch zu guten Manieren Delmenhorster vermissen Knicks nicht wirklich

Von Sascha Sebastian Rühl

Haben die guten Sitten nicht verlernt: die Teilnehmerinnen des Erzählcafés in Düsternort. Foto: Sascha Sebastian RühlHaben die guten Sitten nicht verlernt: die Teilnehmerinnen des Erzählcafés in Düsternort. Foto: Sascha Sebastian Rühl

Delmenhorst. Wie geht ein Knicks? Was macht den richtigen Handkuss aus? Und wieso durfte in vergangenen Zeiten auf Fotos nicht gelächelt werden? Diesen Fragen gingen ein paar Damen im Erzählcafé in Düsternort auf den Grund.

„Damals hatten die Leute keine besseren Manieren, nur andere.“ Zu diesem Fazit kamen in dieser Woche die Teilnehmerinnen am Erzählcafé im Nachbarschaftszentrum Düsternort. In lockerer Runde bei Tee, Kaffee und Keksen wurde so manche heute vergessene Tugend wieder hervorgeholt. Beide Beine gleichzeitig? Nein, nur ein leicht angewinkeltes Bein wird für den richtigen Knicks gebraucht, stellten die Damen fest. Dass es sich dabei um eine durchaus gebräuchliche Geste handelte, bewies sich dadurch, dass sämtliche Teilnehmerinnen den Knicks, manche sogar den ausladenden Hofknicks, früher noch anwendeten. „Nach dem Krieg hat so manche feine Sitte aufgehört“, glaubte eine Teilnehmerin.

Handkuss nur gespielt

Ebenfalls aus dem Leben verschwunden ist der Handkuss. „Hat jemand von Ihnen schon einen bekommen?“ Es wird verlegen genickt. Ein fremder Mann, der eine Frau einfach so auf die Haut küsst? „Der war ja nur angedeutet. Alles andere wäre falsch“, gibt es dazu als Erklärung. Auch die Frauen mussten aufpassen, dass ihr Verhalten sich ziemte. Das bewies ein mitgebrachtes Zeugnis von 1847. „Hinsichtlich ihrer Sittlichkeit: recht gut; ihrer Ordnungsliebe: recht gut; ihrer Handarbeit: recht gut.“ Sittlichkeit war der erste Punkt auf dem Zeugnis.

Klapperdeckchen und ernste Gesichter

Auch so mancher damals geläufige Gegenstand war heute nicht mehr in Erinnerung, zum Beispiel die „Klapperdeckchen“. „Die wurden zwischen das Geschirr gelegt“, wurde gleich erklärt. So gab es weder Druckstellen im Porzellan noch ein Klappern. Auch dünne Handtücher, die sich Gäste beim Besuch eines anderen Haushalts mitnahmen, wurden im Erzählcafé rumgereicht. Auf Familienfotos wurde deutlich, wie sich von Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre die Mode immer mehr veränderte und sich für Frauen mehr und mehr ziemte, auch Haut zu zeigen. Und irgendwann durfte auf Fotos sogar gelächelt werden. „Hätte man damals darauf gegrinst, hätte man den Betrachter ja ausgelacht.“ Es könnte natürlich auch sein, dass die Leute damals schlechtere Zähne hatten, wurde am Tisch gemutmaßt.

Knigge war nicht weit weg

Auch mit kleinen Recherchen wurde im Erzählcafé geglänzt: Adolph Freiherr Knigge, der 1788 ein Werk über den richtigen Umgang mit Menschen veröffentlichte und missverstanden heute als Urvater der Benimmregeln gilt, lebte sechs Jahre und bis zu seinem Tod in Bremen.

Regelmäßige Treffen

Das Erzählcafé gibt es an jedem dritten Mittwoch im Monat um 15 Uhr in den Räumen des Nachbarschaftsbüros Düsternort, Elbinger Straße 8. Das Thema des Kreises wird gemeinsam am Ende eines jeden Treffens bestimmt.


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