Axel Jahnz im dk-Interview Delmenhorster Oberbürgermeister über die Zukunft der Stadt

Von Marco Julius

Ein paar Schritte weiter in Richtung Schweinemarkt – und der Kundenstrom ebbt merklich ab. Auf die Belebung des ehemaligen Hertie-Gebäudes warten nicht nur die Kaufleute der Innenstadt. Foto: Marco JuliusEin paar Schritte weiter in Richtung Schweinemarkt – und der Kundenstrom ebbt merklich ab. Auf die Belebung des ehemaligen Hertie-Gebäudes warten nicht nur die Kaufleute der Innenstadt. Foto: Marco Julius

Delmenhorst. Bei schwarzem Tee blickt Oberbürgermeister Axel Jahnz im Interview auf wichtige Fragen der Stadtentwicklung – das städtische Krankenhaus, die ehemalige Hertie-Immobilie und die Strom- und Gasversorgung sind Themenkomplexe, zu denen er Stellung bezieht. Der Grundtenor des Rathaus-Chefs: Es geht voran in der Stadt.

dk: Herr Jahnz, beim ehemaligen Hertie-Gebäude ist kein Ankermieter in Sicht – das bedeutet faktisch das Aus für die Kaufhaus-Pläne. Kommt das Eingeständnis des Investors Werner Uhde (DIH) nicht zu spät?

Axel Jahnz: Herr Uhde ist im Jahr 2015 ins Risiko gegangen und hat die Immobilie für nicht wenig Geld erworben. Dafür bin ich ihm auch heute noch sehr dankbar. Wir hatten über viele Jahre keinen Ansprechpartner, erst Herr Uhde hat dafür gesorgt, dieses Dilemma aufzulösen. Er hat das Parkhaus abgerissen und damit einen Schandfleck beseitigt. Und das ehemalige Hertie-Gebäude hat er bereits entkernen lassen – auch ohne Gewissheit über die Folgenutzung. Das ist ganz schön viel in 3,5 Jahren.

Der große Wurf, auf den Delmenhorst gehofft hat, ist aber nicht gelungen...

Wenn die Kaufhaus-Pläne nicht mehr realisierbar sind, dann müssen wir das akzeptieren. Ich bin jetzt jedenfalls gespannt auf die vier Alternativen, die nach dem Sommer vorgestellt werden. Wir führen konstruktive Gespräche mit Herrn Uhde.

Es könnte am Ende auf eine Mischung von Wohnen, Gewerbe und Dienstleistungen hinauslaufen. Ist das der richtige Weg für die Innenstadt?

Auf jeden Fall. Wir müssen das Thema Innenstadt ganz neu denken – und das nicht nur in Delmenhorst. Die Entwicklung der vergangenen Jahre, vor allem die politisch gewollte Stärkung von Einkaufszenten an der Peripherie, hat den Innenstädten zugesetzt, das zeigt sich jetzt auf brutale Weise. Das soll kein Vorwurf sein, es beschreibt erst einmal eine Entwicklung.

Die Beschreibung wird die Innenstadtkaufleute kaum trösten...

Wir erleben eine Verlagerung. Baumärkte machen dem kleineren Einzelhandel das Leben schwer, familiengeführte Betriebe schließen. Ich weiß um den täglichen Kampf der hiesigen Kaufleute. Der Kunde will eben direkt vor das Geschäft fahren und mit einem Einkauf alles erledigen. Dazu kommt, dass der Einkauf mehr und mehr ins Online-Geschäft abgewandert ist. Wir müssen aber unsere Innenstadt stärken. Daran geht kein Weg vorbei. Für das Hertie-Gebäude kann vielleicht das Selve-Haus ein Vorbild sein. Da ist die Verbindung aus Wohnen und Handel beispielhaft gelungen. Die Belebung des Hertie-Gebäudes wird die Innenstadt auf jeden Fall nach vorn bringen.

Eine starke Innenstadt hilft nicht nur den hiesigen Kaufleuten. Sie könnte auch ein starkes Argument für Bürger sein, die mit dem Gedanken spielen, sich in Delmenhorst dauerhaft eine Bleibe zu suchen.

Vollkommen richtig. Bürger schauen heute sehr genau, was eine Stadt zu bieten hat, bevor sie sich dort niederlassen. Die Infrastruktur muss stimmen. Kitas, Schulen, Ärzte, ein Krankenhaus, der Nahverkehr, Kultur und eine lebendige City sind dabei wichtige Punkte.

Allein das reicht noch nicht. Wer derzeit Baugrund sucht, fahndet nach der berühmten Nadel im Heuhaufen. Es gibt schlicht zu wenig Bauplätze.

Das ist ein Problem. Ich kann nur gebetsmühlenartig wiederholen, dass wir mehr Baulandentwicklung brauchen. Genauso, wie wir mehr Gewerbeflächen brauchen, um Ansiedlungen zu ermöglichen.

Das Stichwort Krankenhaus ist eben bereits gefallen. Der Standort Mitte ist Geschichte. Wie ist der aktuelle Stand? Kann der für Mitte bestehende Förderbescheid über 70 Millionen Euro an die Wildeshauser Straße übertragen werden und dort in einen Neubau fließen?

Wir führen positive Gespräche mit dem Land Niedersachsen. Ich will und kann der Entscheidung nicht vorgreifen. Aber ich habe ein gutes Gefühl, dass wir den nächsten Schritt gehen können.

Es war und ist ein finanzieller Kraftakt, dass angeschlagene Josef-Hospital zu rekommunalisieren. Dafür gab es nicht nur Applaus.

Wir haben das Krankenhaus zur Stadt zurückgeholt und es, um mal zu WM-Zeiten in der Fußballersprache zu bleiben, vor dem Abstieg bewahrt. Diese Rekommunalisierung war richtig und wird positiv bewertet. Was wir jetzt weiter brauchen: Mut und Tatkraft. Was wir nicht mehr brauchen: Gejammer. Im Übrigen hat sich unser Weg rumgesprochen, nicht nur in der Krankenhauslandschaft in Niedersachsen. Wir bekommen viele Anfragen von Dritten, die Kooperationen suchen. Aber um eines zu betonen, weil immer wieder Gerüchte gestreut werden: Das Krankenhaus bleibt kommunal.

Einen Krankenhaus-Ausschuss wird es nicht geben. Wann ist der Aufsichtsrat des JHD komplett?

Ich denke, dass wir das Gremium im August vorstellen können. Der Verwaltungsausschuss und der Rat werden natürlich zunächst eingebunden. Der Aufsichtsrat wird sieben Personen umfassen, vier davon kommen nicht aus der Politik. Wir brauchen Fachexpertise – und die bekommen wir.

Viele Bürger warten darauf, dass der Name Josef-Hospital Delmenhorst verschwindet, auch einen politischen Antrag gibt es bereits. Wann kommt der neue Name?

Momentan geben wir Geld aus, um unser Krankenhaus zu erhalten. Eine sechsstellige Summe, die es kosten würde, einen neuen Namen einzuführen – mit allem, was dazugehört – können wir derzeit nicht finanzieren. Ich verstehe den Wunsch nach einem neuen Namen. Und den wird es auch geben, so zügig wie es geht. Die Kommune als Trägerin wird sich dann sicherlich auch im Namen wiederfinden.

Das Krankenhaus der Zukunft steht also in Deichhorst. Das wirft unweigerlich die Frage auf, was aus dem ehemaligen Josef-Stift an der Westerstraße wird. Das Insolvenzverfahren läuft.

Wir stehen in einem engen Austausch mit der Insolvenzverwaltung. Ziel der Stadt muss es sein, eine gute Nachfolgeregelung für das exponierte Grundstück des ehemaligen Josef-Stiftes zu finden, eine Regelung, die die Innenstadt stärkt. Sicher ist, dass ein Großteil der Liegenschaften nicht erhalten bleiben kann.

Das ehemalige Hertie-Gebäude und das Krankenhaus sind nicht die einzigen Baustellen derzeit. Wie ist der Stand – um nur eine zu nennen – bei der angekündigten Zusammenarbeit der Stadtwerkegruppe mit dem Energieversorger EWE?

Ich gehe davon aus, dass wir noch im dritten Quartal Vollzug melden können. Die enge Verbindung des städtischen Betriebes und des großen Energieversorgers ist ein Weg, der uns für Jahre Planungssicherheit verspricht. Ich spreche hier über Gas und Strom. Zudem werden sich durch die Zusammenarbeit weitere Geschäftsfelder und Synergien ergeben.

Wir wollen das Gespräch nicht beenden, ohne den bekennenden Fußballfan Axel Jahnz nach seinem Kommentar zum frühen deutschen WM-Ausscheiden zu fragen.

Sagen wir mal so: Die Erinnerung an die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien und an den Titelgewinn in Rio mit diesem Traumtor von Mario Götze, die kann mir keiner nehmen. Das wird für immer bleiben.


Axel Jahnz , geboren am 19. Juli 1957, ist am 25. Mai 2014 zum Delmenhorster Oberbürgermeister gewählt worden. Der SPD-Politiker trat dann zum 1. November 2014 die Nachfolge von Patrick de La Lanne an. Gewählt ist Jahnz für sieben Jahre, die Amtszeit endet also am 30. Oktober 2021.