Bereitschaftsdienst in Delmenhorst Telemedizin soll gegen den Hausärztemangel angehen

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Symbolbild: Foto: Patrick Seeger/dpaSymbolbild: Foto: Patrick Seeger/dpa

Delmenhorst. 18,5 Hausarztstellen sind derzeit in Delmenhorst und umzu unbesetzt. Nun haben Johanniter und Kassenärzte der KVN ein neues Projekt ins Leben gerufen. Es soll das Problem des Ärztemangels lindern.

Eine kleine Box soll die hausärztliche Versorgung in Delmenhorst revolutionieren: Die Johanniter haben am vergangenen Sonntag zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) das „Pilotprojekt 116117“ ins Leben gerufen. Bis Ende 2019 läuft die Testphase. Möglich, dass das Projekt schon zuvor ausgeweitet wird. Hintergrund ist der Hausärztemangel: Allein in Delmenhorst und umzu fehlen 18,5 Allgemeinmediziner.

Telemedizinisches Projekt dient in erster Linie der Diagnose

Praktisch geht es darum: Meldet sich ein Patient wegen starken Rückenschmerzen beim ärztlichen Bereitschaftsdienst außerhalb der hausärztlichen Praxiszeiten unter der Rufnummer 116117, wird ihm je nach Fall ein speziell geschulter Rettungsassistent nach Hause geschickt, gibt Stefan Greiber, Sprecher der Johanniter im Bereich Weser-Ems, ein Beispiel vor. Mit im Gepäck hat der Rettungsassistent ein Telemedizingerät, das bei Bedarf den Sichtkontakt zwischen dem Patienten und einem Bereitschaftsarzt im Klinikum Oldenburg herstellt. Auch Vitaldaten und ein EKG liest das Gerät aus. Nach der abgeschlossenen Diagnose gibt der Rettungsassistent ein Schmerzmittel. Die spätere Weiterbehandlung kann über den Hausarzt erfolgen. „Der Einsatz dient in erster Linie der Diagnose“, sagt Helmut Scherbeitz, Unternehmensbereichsleiter der KVN im Bezirk Oldenburg. Sollte aber ein echter Notfall vorliegen, würde über die Rufnummer 112 der Rettungsdienst nachalarmiert.

Testballon bis Ende 2019

Das vom Land geförderte Projekt für den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Delmenhorst, Lemwerder und Ganderkesee läuft an Wochenenden zunächst bis Jahresende 2019, ist personell mit vier Rettungsassistenten und materiell mit einem Fahrzeug ausgestattet, und könnte bei entsprechendem Erfolg bereits vorher ausgedehnt werden, sagt der KVN-Bereichsleiter Scherbeitz.

„Dramatischer Hausärztemangel“

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Dieses System, sagen Greiber und Scherbeitz, soll vor allem Hausärzte und Rettungsdienste entlasten. Gerade bei Hausärzten verzeichnet die KVN ein „drastisches Nachwuchsproblem“: Die Besetzung einer Kommune mit Hausärzten errechnet sich laut Scherbeitz sich anhand der Bevölkerung. Grob gesprochen, kommt auf 1700 Bewohner ein Hausarzt. 18,5 freie Hausarztstellen verzeichne der Planungsbereich Delmenhorst, Ganderkesee, Stuhr und Weyhe derzeit. Allein in Delmenhorst seien derzeit rechnerisch 47,25 Hausärzte zugelassen. Scherbeitz: „Im Schnitt sind Hausärzte in Niedersachsen 57 Jahre alt. In den kommenden fünf Jahren gehen 1000 von ihnen in den Ruhestand – ein Fünftel der gesamten Hausärzteschaft des Landes.“ Das ist für Scherbeitz eine „dramatische Entwicklung“, zumal nur 35 Prozent der Stellen wiederbesetzt werden könnten.

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„Die meisten Patienten könnten zuhause behandelt werden“

Vor diesem Hintergrund gehe es darum, bei der ärztlichen Bereitschaft effektiver zu arbeiten: Denn 85 Prozent aller Patienten, schätzten die Johanniter im Vorfeld des Projekts, könnten zuhause behandelt werden. Lange Fahrtzeiten zu Patienten mit nur leichten Beschwerden sowie lange Bereitschaftszeiten für den Arzt entfallen mit dem neuen Telemedizinprojekt. Und auch die Rettungsdienste sollen profitieren. Diese rücken nämlich laut Stefan Greiber nur allzu häufig ohne echte Not zu Patienten mit Bagatellbeschwerden aus. In Delmenhorst ist das bei jedem vierten Einsatz der Fall.

Auch andere Projekte in der Versuchsphase

Das „Pilotprojekt 116117“ ist übrigens nur eines von denen, die derzeit in der Versuchsphase stecken und die genannten Probleme lösten sollen. In Aurich beispielsweise sind die Johanniter mit der KVN am „ Patientenshuttle “ beteiligt. Außerhalb der Praxiszeiten der Hausärzte holt der Hilfsdienst weniger mobile Patienten zur Behandlung die Bereitschaftspraxis ab. Und die Hilfsorganisationen im Oldenburger Land bereiten derzeit DRK, Malteser und kommunale Rettungsdienste derzeit das Projekt „ Gemeindenotfallsanitäter “ vor. Start ist nach den Sommerferien. In dem universitär begleiteten Projekt sollen die Hilfsdienste bei Einsätzen unterhalb der Notfallschwelle der Notfallrettung den Rücken freihalten.

Patienten sind immer dann aufgerufen, den Bereitschaftsdienst zu nutzen, wenn sie mit ihren Beschwerden eigentlich den Hausarzt aufsuchen würden, dieser aber geschlossen hat. Für welche Fälle der ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig ist, erklärt die KVN im Netz unter www.116117.de.


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