Kunsthaus-Leiterin über Fußball Menschlich in Passion, Niedertracht und Scheitern

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Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Haus Coburg, findet vieles am Fußball opportunistisch und zutiefst menschlich. Foto: Kai HasseAnnett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie Haus Coburg, findet vieles am Fußball opportunistisch und zutiefst menschlich. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Wer nicht mit größter Hingabe Fan beim Fußball ist, sieht große Turniere mal mit etwas Abstand – wie die Leiterin des Delmenhorster Hauses Coburg. Sie verfolgt aber das allzu menschliche Phänomen Fußball mit gewisser Faszination.

Vielleicht sind Flanken, Freistoß, Abseits, Aufstellung nicht grad das, was die Künstlerin interessiert? Dr. Annett Reckert, Leiterin der Städtischen Galerie im Haus Coburg wird da Einspruch einlegen: Es gebe durchaus viele Kunstbegeisterte und Künstler, die auch Bundesliga-Fußball mit Leidenschaft verfolgen. Nicht grad sie selbst. Aber: Das Drumrum, das zutiefst Menschliche, das Phänomen Fußball, speziell während internationaler Turniere, bewegt sie: Menschen mit Ziel und Leidenschaft, eine gewisse Niedertracht beim Scheitern, das Wunderbare einer perfekt geglückten Kommunikation unter unfassbarem Druck.

Bewunderung für Mut und Leistungsbereitschaft

Einmal ins Stadion – „das würde ich durchaus sehr gern einmal tun.“ Bisher ist es nicht dazu gekommen. Ihr Lebenspartner, ein Norweger, hat sie bereits zu Handballspielen mitgenommen. Da ist sie gern dabei. Fußball schaut sie, bisher, im Fernsehen. Sie sieht: „Ganze Menschenströme, Familien, jedermann und jedefrau, die alle ein Projekt bewegt.“ Das bewundert sie, sie findet sich darin wieder. „Da sind Leute auf dem Feld und im Publikum die etwas wollen!“, sagt sie, „die Mut haben, leistungsbereit sind.“ Sie selber suche stets ein Ziel, eine Herausforderung. Wie die Menschen beim Fußball, „die aber das Scheitern immer im Gepäck haben müssen.“

Unerträglicher Opportunismus

Ganz genau, das Scheitern. Rückblick: In zwei Spielen rennt die deutsche Mannschaft, der Weltmeister, gegen ungefährlicher gehaltene Gegner an – und verläuft sich in der Abwehr, Großchancen gehen nicht rein. Gegen einen Gegner, Schweden, gelingt die Erlösung in einem magischen Moment in der letzten Minute, Kroos stößt kurz an, Reus stoppt, Kroos macht einen Wunder von einem Schuss, Sieg. Deutschland steht Kopf. Reckert über die Kommentatoren beim Fußball: „Da herrscht zum Teil unerträglicher Opportunismus. Über das Spiel hinweg wird ein Spieler kritisiert – er spiele schlecht, es wird gesagt, er ist von der Fitness nicht auf den Punkt, hatte eine Verletzungspause. Dann steht der zufällig am richtigen Punkt – und der Kommentator dreht die Fahne nach dem Wind!“ Nicht nur der Kommentator, sondern auch ganze Fan-Massen oder Medien funktionieren dann so: Erst ist er der Loser, dann der Macher. „Das ist menschlich ehrlich, da scheint alles erlaubt. Wir bringen Kindern und Schülern bei, dass sie sich eine Meinung bilden und die vertreten sollen – und nicht plötzlich umschwenken. Dieser Schwenk geschieht scheinbar, ohne rot zu werden.“

Löws Erfolge – vergessen

Aber: Sie genießt durchaus das Staunen über dieses menschliche Phänomen. „Jetzt, wo Deutschland raus ist, scheint ganz schnell vergessen worden zu sein, wie erfolgreich dieser Jogi Löw über viele Jahre war“, sagt sie. Darin könne man eine spannende Art Parabel für das Leben sehen, über Umgang mit Sieger und Verlierer, was die Medien machen, wie steht es um Moral. Und sie glaubt nicht, dass sich 80 Millionen Co-Trainer alle Gedanken darüber machen, welche Last auf den Schultern der Führungsperson liegt – dem Menschen, der unter Druck zwischen A und B entscheiden muss. „Das ganze Team hat zusammen verloren. Beim Verlieren steht aber nur der Bundestrainer da. Es scheint, wir könnten mit der Niederlage nicht fertig werden, wenn wir nicht einen haben, dem wir die Schuld geben können.“

Ein seltener Glücksfall

Ein schöner Moment für Reckert: Der Moment, bei dem – aus bei jedem Menschen alltäglich tausenden Misserfolgen – einmal die Kommunikation klappt. „In der letzten Minute gegen Schweden, unter diesem Druck, sich da präzise einig werden zu können und die Chuzpe zu haben: Wir machen jetzt dieses Modell. Und die Menschheit sieht zwei Menschen, die sich tausendprozentig verstehen, und es klappt – da wird gelungene Kommunikation bildhaft.“


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