„Herr Seedorff ist weg“ Schulleiter in Delmenhorst geht nach 38 Jahren Dienst

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Hartmut Seedorff vor „seiner“ Parkschule, an der er viele Jahre die Geschicke gelenkt hat. Foto: Kai HasseHartmut Seedorff vor „seiner“ Parkschule, an der er viele Jahre die Geschicke gelenkt hat. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Nach 38 Jahren als Lehrer geht Hartmut Seedorff nun in den Ruhestand. Der 65-Jährige ist am Dienstag als Leiter der Parkschule verabschiedet worden. Er schaut auf eine bewegte Geschichte der Schule zurück.

„Die Parkschule ist mein Ein und Alles“, sagt Seedorff. Er hat eine ganze Menge mitgemacht in der Parkschule – Generationen von Delmenhorster Grundschülern haben ihn als Leiter kennengelernt. Es gab auch schwierige Momente, in denen er mit dem Gedanken gespielt hatte, die Schule zu wechseln. Aber die Parkschule habe „einen Geist, einen Spirit“ gehabt, der ihn hier gehalten habe. 38 Jahre lang.

Sprache mit Händen und Füßen

Zu dem „Spirit“ gehört: Ausgrenzung ist ausgeschlossen. „Für diesen Weg steht das gesamte Schülerkollegium.“ Die Integration von Schülern mit Migrationshintergrund habe an der Parkschule Tradition. Das ist allein schon der Lage der Schule mit vielen umliegenden Wohngebieten von sozial Schwächeren geschuldet und begann bereits mit griechischen und türkischen Gastarbeiterkindern, beschreibt Seedorff. Es habe sich dann mit Kindern von Russlanddeutschen und später mit Kindern von polnischen Roma und Bulgaren fortgesetzt. Inzwischen sind viele Kinder aus dem arabischen Raum an der Schule. Zeitweise waren, so Seedorff, Kinder aus 15 verschiedenen Nationen an der Schule. Ob er deshalb extra Brocken relevanter Sprachen gelernt habe? „Ich bin immer mit Deutsch ausgekommen“, sagt er, „aber eine neue internationale Sprache habe ich gelernt: die mit Händen und Füßen.“ Trotz aller Schwierigkeiten habe das Kollegium versucht, allen Kindern gerecht zu werden. Dies ist allerdings, wie Seedorff einräumt, bei Inklusion schwierig. „Man darf nicht vergessen, dass Inklusion Manpower braucht“, sagt er an die Adresse des Kultusministeriums.

Respekt der Eltern fehlt

Seedorff kam 1980 an die Schule. Bereits nach fünf Jahren im Dienst übernahm er den Posten des Konrektors. 1999 wurde er – zunächst vorübergehend – kommissarisch Nachfolger von Kurt Broder. 2002 hat er dann endgültig, als Nachfolger von Friedrich Marschall, die Leitung übernommen. Was sich geändert hat in den 38 Jahren? „Was sich verschlechtert hat, ist einerseits der Respekt der Schüler gegenüber den Lehrern, und der von den Eltern gegenüber der Schule. Viele Dinger werden gleich mit einer Contra-Haltung angenommen.“ Das betreffe unter anderem auch die Frage nach der weiterführenden Schule. Viele Eltern setzen eine weitere Beschulung durch, die für die Kinder ungeeignet sei. „Ich bedaure die weiterführenden Schulen, die damit dann zurechtkommen müssen. Da wird von den Eltern zuungunsten der Schüler entschieden.“ Sorgen bereitet ihm, dass fast jedes Kind ein Smartphone habe. Die Nutzung werde nur selten von den Eltern kontrolliert. „Eine Entwicklung, die wir gar nicht gut finden. Schon beispielsweise deshalb, weil die Kinder die halbe Nacht in Foren chatten und dann übermüdet in die Schule kommen.“ Als positive Veränderung nennt Seedorff die Wandlung der Schule zu einer die ein sehr umfangreiches Programm habe, mit Hortangebot, Hausaufgabenhilfe, an deren Einführung er selbst maßgeblich mitgewirkt habe, ein offenes Ganztagsangebot.

„Mann, das haben sie von dir gelernt“

In seinem Ruhestand will Seedorff zunächst das machen, was wohl, wie er sagt, alle erstmal machen wollen: Sich um das Haus kümmern, Dinge erledigen, zu denen man nicht gekommen ist.“ Außerdem spielt er im Bläserkreis Hasbergen Posaune. Der Bläserkreis will künftig mehr bei runden, hohen Geburtstagen spielen. Er wird also viel üben müssen. „Ich habe keine Angst, dass ich keine Beschäftigung finden werde.“

Fototermin. Es geht vor die Tür. Seedorff steht auf, in seinem recht kleinen Büro, das voll ist mit Aktenordnern, juristischen Wälzern über Schulrecht, einem Jackett für vornehme Anlässe, Bildern der Nordwolle oder der Nordseeküste. Eines werde er wohl bedauern, sagt er: „Ich hätte am Schluss gern mehr Zeit für den Unterricht selbst gehabt, für den Umgang mit den Schülern.“ Das sei im ganzen Wust aus Verordnungen und verwaltungstechnischen Tätigkeiten zu kurz gekommen. „Die Essenz des Unterrichts, das sieht man am besten im ersten Schuljahr: Die Kinder kommen, sind begeistert, wollen lernen. Und irgendwann merkt man, was sie bereits können. Und man denkt: Mann, das haben sie von Dir gelernt.“ Einen Nachfolger hat er übrigens noch nicht, obwohl seine Stelle bereits zweimal ausgeschrieben wurde. Bis zu einer endgültigen Regelung wird erstmal Konrektorin Elke Reinmann die Schulleitung kommissarisch übernehmen.

Statist und Hauptfigur im Schülertheater

Auf dem Schulhof, ein Mädchen, vielleicht neun Jahre: „Herr Seedorff, hat Dir das Theaterstück gefallen?“ Die Kleine duzt den weißbärtigen Mann im Jackett ganz unbefangen. Es hat ihm gefallen. Das Theaterstück, das sie anspricht, hatten sich zum Abschied die Kinder ausgedacht. Der Plot war, dass man Herrn Seedorff suche, weil er verschwunden sei, und die Kinder suchen ihn beispielsweise anhand seiner äußeren Merkmale – wie das karierte Hemd. Das trägt er immer. Auch heute. Seedorff wusste nichts von dem Stück, und am Schluss stand er als Statist und Hauptfigur in Einem plötzlich im heimlich eingeprobten Theaterstück auf der Bühne – die Kinder hatten ihn „gefunden“. Er war gerührt. Der Titel des Stücks: „Herr Seedorff ist weg.“ Gestern wurde er offiziell verabschiedet.


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