Körperliche und mentale Schwerstarbeit Der Delmenhorster Ingo Leichsenring ist Tatortreiniger

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Ingo Leichsenring ist von Beruf Tatortreiniger. Kein Job für schwache Nerven. Er wischt am Ende das auf, was Menschen zurücklassen, wenn sie von der Welt verschwinden. Foto: Bettina Dogs-PrößlerIngo Leichsenring ist von Beruf Tatortreiniger. Kein Job für schwache Nerven. Er wischt am Ende das auf, was Menschen zurücklassen, wenn sie von der Welt verschwinden. Foto: Bettina Dogs-Prößler

Delmenhorst. Wenn Menschen sterben, lassen sie Spuren zurück. Nicht immer sind die einfach zu beseitigen. Ingo Leichsenring hat sich darauf spezialisiert: Er räumt das auf, wovor andere weglaufen.

Es gibt Tage, da denkt Ingo Leichsenring nicht darüber nach, was er gerade tut. Da funktioniert er nur. Bis zum Anschlag konzentriert, den Kopf hinter einer Kohlefiltermaske versteckt, den Körper hermetisch abgeriegelt im säurefesten Schutzanzug. An diesen Tagen achtet Ingo Leichsenring fast schon neurotisch darauf, dass nichts von außen an seinen Körper gelangt. Kein Blut, keine Körperflüssigkeiten, keine krankmachenden Bakterien.

Ingo Leichsenring wischt das auf, was Menschen zurücklassen, wenn sie von der Welt verschwinden. Ingo Leichsenring ist Tatortreiniger – und als solcher sieht er Dinge, die andere erschaudern lassen. Selten ist sein Job eine angenehme Angelegenheit, stattdessen wischen er und seine Männer Blut auf und Gewebereste, beseitigen Körpersäfte und Urin. Immer mit dem einen Ziel: „Dass am Ende alle Spuren beseitigt sind.“

Durch Zufall ist der selbstständige Delmenhorster 2012 dazu gekommen, seinen Reinigungsservice um Tatort- und Fundortreinigung zu erweitern. Ein Mann hatte sich damals in seiner Wohnung erschossen und ein Polizist gefragt, ob er auch solche Spuren beseitigen könne. „Damals habe ich nicht wirklich gewusst, auf was ich mich einlasse“, sagt er heute. „Aber offenbar hatte ich meine Arbeit gut gemacht. Danach wurde ich immer öfter gerufen.“

Mit Spezialreiniger und Fleckenbeseitigung kannte er sich als Reinigungsspezialist bereits aus. „Aber nicht mit dem, was da noch dran hängt.“

Nichts für schwache Nerven

Doch Leichsenring kniete sich rein, lernte den Fundort durch eine professionelle Brille zu betrachten, paukte Hygienevorschriften und Rechtsgrundlagen und ließ sich schließlich als Tatort- und Leichenfundortreiniger zertifizieren. Dass sein Job nichts für schwache Nerven ist, wurde ihm auch während der Schulung bewusst. „Das Schlimmste an einem Leichenfundort sind das Visuelle und der Geruch. Und davon hatten die meisten Teilnehmer damals keine Vorstellung.“

Leichsenring geht nüchtern damit um, was er an manchen Tagen zu Gesicht bekommt. „Ich sehe vor allem, was in welchen Schritten erledigt werden muss. Dann wird strukturiert sauber gemacht.“ Was so sachlich-steril klingt, kriegen nur die wenigsten hin. Das Beseitigen von Leichenflüssigkeit und Blutlachen, Fliegenlarven und verseuchten Bettlaken ist Schwerstarbeit – körperlich wie mental. „Ein toter Mensch löst sich langsam auf. Der Leichensaft sickert ins Sofa oder Bett und verseucht alles um ihn herum.“ Einmal, im Sommer, habe eine Frau mehrere Wochen unentdeckt in ihrer Wohnung gelegen. „Bevor wir anfangen konnten, die Spuren zu beseitigen, mussten wir erst einmal die Maden wegschaufeln.“

Vor Viren und Bakterien schützen

Dabei wird jeder Arbeitsschritt akribisch dokumentiert: der Ist-Zustand des Fundortes, die Gestaltung der Wohnung, wo und wie was gestanden hat, welche Gegenstände vorhanden sind. Blut wird entfernt, mit Körperflüssigkeiten durchtränke Teppiche, Kissen und Bettwäsche entsorgt. Was mit der Leiche in Berührung gekommen ist, wird in besonderen Säcken als hochansteckender Müll verpackt und landet in der Verbrennung. Das ist für Ingo Leichsenring der mental schwierigste Punkt seiner Arbeit: „Zu wissen, was man sich alles einfangen kann.“

Der weiße Overall soll vor infektiösen Viren und Bakterien schützen, außerdem ist Leichsenring gegen alles Mögliche geimpft. „Hepatitis, Lepra – auf alles muss man sich einstellen.“ Jeden Fundort behandelt er deshalb so, als sei er schwerstkontaminiert. „Wenn man nicht aufpasst, kann man eine Leichenvergiftung kriegen.“

Oft wird der 44-Jährige von Angehörigen beauftragt, die restliche Wohnung aufzuräumen. Das gesamte Leben der Toten breitet sich dann vor ihm aus. „Deshalb spielen auch Diskretion und Feingefühl eine große Rolle.“

Manchmal will auch die Kriminalpolizei noch was wissen. Umso wichtiger ist es für Ingo Leichsenring, seine Arbeit auf einem hohen professionellen Niveau durchzuführen. „Es ist ein Trugschluss zu denken, Tatortreiniger könne jeder machen. Und das nicht nur wegen der Nerven.“


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