Ein Bild von Kai Hasse
19.06.2018, 18:02 Uhr KOLUMNE

Quergedacht: Fakten im weltvergessenen Fabulieren

Kommentar von Kai Hasse

Man könnte ja mal im Public Viewing Wirtschaftsnachrichten schauen. Daran hat bisher noch kein Gastwirt gedacht. Komisch. Symbolbild: dpaMan könnte ja mal im Public Viewing Wirtschaftsnachrichten schauen. Daran hat bisher noch kein Gastwirt gedacht. Komisch. Symbolbild: dpa

Delmenhorst. Wie willkommen doch eine Fußball-WM sein kann: Alles lästige Übel der Welt wird vergessen. Umwelt, Politik, Wirtschaft machen keinen Stich gegen Neuer, Kroos und Reus. Was auch da noch stören kann, davon berichtet unser Quergedacht.

Man solle wieder lernen, Gutes zu tun, steht in der Bibel, Jesaja 1, 17. Das lässt Gott seinem Volk ausrichten, als es – mal wieder – nicht auf Kurs ist. Also dann. Wo anfangen? Bestandsaufnahme: Seehofer und Bayern stehen kurz vor der Abspaltung von der Republik – mancher hält das für eine schlechte Sache. Der US-Präsident zieht in den Handelskrieg mit ehemaligen Alliierten und lässt Kinder getrennt von Eltern internieren, an den Stränden von Bali sammelt sich so viel Müll wie nie, ebenso am Mount Everest, und dann kehrt auch noch der Wolf nach Deutschland zurück. Wer sich umschaut, gerät schon vom Anschauen all des Dramas aus der Puste. Wir bekommen das Gefühl, dass wir nicht mehr hinterherkommen mit jeglichen wohlmeinenden Ansätzen, dass uns die Kontrolle abhanden gerät.

Herzerfrischend, dass es Fußball gibt! Einen Sommer lang können wir all das vergessen und unsere Leidenschaft aufs Fachsimpeln richten, als jeweils einer von 80 Millionen Bundestrainern. Aber auch mit diesem kollektiven Monopol auf Fußball-Fachkenntnis, das uns alle zwei Jahre zufällt und uns mit globalen Scheuklappen segnet, könnte nun Schluss sein. Die TUs Dortmund und München und die Uni Gent haben eine künstliche Intelligenz (KI) entwickelt – die tippt, wer Weltmeister wird. Hunderttausende von möglichen Begegnungen hat sie dafür kalkuliert. Ergebnis: Deutschland Weltmeister, Brasilien Zweiter. Thema durch, die KI hat gesprochen.

Das geht zu weit. Das letzte Stück Geruhsamkeit, auf das wir uns in allem Übel der Welt so wunderbar zurückziehen konnten, wird von einer KI erobert. Die fantastische Blase der weltverdrängenden Isolation, in der niemand mit Fakten oder Statistik unser Fabulieren störte, platzt. Und die KI tippt auch noch so, dass man nicht nölen will. Und jetzt? Zurück in die Realität? Gutes tun? Na dann.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN