Lokale Prominenz erlebt Turnier mit WM-Fieber in Delmenhorst: Tipps, Titelträume, tolle Tore

Von Marco Julius, Marie Busse und Alexandra Wolff


Delmenhorst/Ganderkesee Selbst der größte Fußballmuffel kann sich dem WM-Fieber kaum entziehen. Und so verrieten auch ein paar lokale Promis aus Delmenhorst und Ganderkesee, welche Erlebnisse sie mit der schönsten Nebensache der Welt verbinden.

Weltmeister werden in Rio. Den Gastgeber im Halbfinale mit 7:1 schlagen. Der Hammer. Oberbürgermeister Axel Jahnz muss nicht lang überlegen, wenn es darum geht, seine Lieblings-WM zu benennen: 2014 ist für ihn das Maß aller Dinge. Jahnz liebt den Fußball. Seine Augen glänzen auch, wenn er sich an die WM 1990 in Italien erinnert. „Das Achtelfinale Deutschland gegen die Niederlande, was für ein Spiel. Das hatte alles. Rijkaard bespuckt Völler, Klinsmann macht das Spiel seines Lebens, Spannung pur.“ Und schon ist Jahnz im Jahr 1966, das Wembley-Tor hat er vor Augen. Immer wieder erschaffe der Fußball neue Momente für die Ewigkeit. Ob es in diesem Jahr für die Titelverteidigung reicht? Jahnz, als HSV-Fan an Niederlagen gewöhnt, hofft es. Aber er sieht Frankreich vorn. „Die Franzosen schlagen im Endspiel Brasilien“, sagt er voraus. Deutschland gewinne das Spiel um Platz drei.

Brandschützer setzt auf Turniermannschaft

Das 7:1 gegen Brasilien in der WM 2014 ist auch für Bernd Lembke prägend. Der Ganderkeseer Gemeindebrandmeister gehört zu den Leuten, die eigentlich nur zur EM und WM schauen, „aber die WM-Spiele habe ich verfolgt, seitdem ich denken kann“. Für den Titel setzt er auf die deutsche Mannschaft, „weil sie eine Turniermannschaft ist“. Zweiter werde Argentinien vor Spanien. Lembke schaut gerne zu Hause mit Freunden und Familie. Er hat auch als Kind gerne gebolzt, war aber nie im Verein. Im Stadion ist er auch noch nie gewesen. „Ich würde mal hingehen, aber das ist nichts, was ich unbedingt in meinem Leben mitgemacht haben muss.“

Wegen der Tigerente für Panama

Markus Weise ist vieles: Berufsschullehrer, Comedian, Moderator, Schauspieler, Autor, Clown. Eines ist er sicher nicht. Fußballer. „Ich bin schon in der Schule immer als Letzter gewählt worden und war dann der Depp, den man ins Tor gestellt hat“, sagt er und streift sich das WM-Trikot von Gerd Müller über. WM 74. Ein Klassiker. Markus Weise war noch gar nicht geboren, als der „Bomber der Nation“ in München das Siegtor zum WM-Titel schoss. In dessen Trikot macht Weise dennoch eine gute Figur. Auch wenn Weise kein Experte ist: 2006 hat ihn dann doch das Fußballfieber gepackt. „Die WM in Deutschland, dieses Gemeinschaftsgefühl, das hatte was. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen.“ Wer jetzt Weltmeister wird? Weise muss kurz überlegen. „Italien ist nicht dabei, oder?“, fragt er. Auf Deutschland hofft er und hat auch eine Alternative parat: „Wenn es Deutschland nicht schafft, dann wünsche ich mir den Titel für Panama. Schon wegen der Tigerente. Oh wie schön ist Panama!“

Überbrückung bis zum Bundesligastart

Bastian Ernst, CDU-Ratsherr, ehemaliger Kreisliga-Kicker beim TuS Heidkrug und heute Vorstand Marketing und Vertrieb beim wiedererwachten SV Atlas, kann Weise wenig Hoffnung machen. Er sieht die großen Fußballnationen vorn. „Deutschland hat die große Chance, den Titel nach dem Triumph von Rio zu verteidigen.“ Aber auch Frankreich und Brasilien seien stark einzuschätzen. Er werde sehr viele Spiele live im Fernsehen verfolgen, nicht nur die von Jogis Jungs. „Mit der WM kann man die Zeit bis zur neuen Bundesligasaison gut überbrücken“, sagt der leidenschaftliche Fußballfan mit einem leichten Augenzwinkern. Die Eigenschaften, die Ernst beim Kicken nachgesagt wurden – Übersicht, Führungsstärke und Kampfgeist – die sind natürlich auch bei der WM gefragt.

HSV-Fan im St.-Pauli-Shirt

Antje Beilemann, Bürgermeisterin und leidgeprüfte Anhängerin des HSV, tippt auf ein Finale Brasilien gegen Uruguay. „Ich bin ein echter WM-Kucker und schaue sonst nicht alles. Ich weiß, echte Fußball-Fans lieben das“, sagt die Bürgermeisterin, die noch heute vom Sommermärchen 2006, der WM im eigenen Land, schwärmt. Dass sie in guten wie in schlechten Zeiten zum HSV steht, komme übrigens aus ihrer Familie, da sei sie geprägt worden. Und dass sie im Besitz eines St.-Pauli-Shirts ist, hat auch mit einer Liebe zu tun. Mit der Liebe zum Tatort aus Münster, in dem Kommissar Thiel (Axel Prahl) meist im Totenkopf-Shirt durchs Bild läuft. Als Pauli zum Testspiel in Delmenhorst auflief, hat Antje Beilemann dann gleich zugeschlagen.

Landwirtschaftsmeister muss Radio hören

Im wahren Leben ist der Ganderkeseer Faschingsprinz Lars I. der Landwirtschaftsmeister Lars Hüneke. „Um 18 Uhr muss ich immer die Kühe melken, deswegen kann ich viele Spiele der WM nicht sehen“, bedauert Hüneke. „Dann muss halt die Radio-Variante her.“ Wie auch der Bürgermeisterin ist ihm die Zeit, in der die Welt zu Gast in Deutschland war, am besten in Erinnerung geblieben. „Da ging das ja so richtig los mit Public Viewing“, erinnert er sich. „Das war faszinierend, wie die Menschenmengen zusammen gefeiert haben.“ Sein Lieblingsspieler ist Thomas Müller. „Ich mag sein lockeres Auftreten“, begründet er diese Zuneigung. Ist er etwa Bayern-München-Fan? „Nein“, streitet er sofort ab. „Aber die Bremer stellen ja keine Spieler für die WM.“ Hüneke selbst hat auch mal Fußball gespielt. „So mit zehn Jahren war ich im VfL Stenum“, erzählt der Steenhafer. „Fünf Jahre lang war ich dabei.“

Früherer Dritt-Liga-Kicker hofft auf Toni Kroos

Vom Fan zum Fachmann: Manuel Mutlu, der als Gastronom unter anderem das Markt1 betreibt, hat selbst eine beachtliche Karriere als Kicker hingelegt. Bis in die dritte Liga hat ihn sein Weg geführt. Die Leidenschaft für den Fußball, die ist bei ihm noch immer zu spüren. „Matthäus 1990 in Italien – unfassbar. Oder Diego Maradona. Was für ein begnadeter Spieler, was für eine Karriere.“ Mutlu kann stundenlang über Fußball sprechen, langweilig wird ihm dabei nie. Toni Kroos, das sei der kompletteste Spieler im deutschen Kader. Ein wichtiger Faktor auf dem Weg zum fünften Stern. Sechs bis acht Teams zählt Mutlu zum engen Favoritenkreis. Sein Tipp ist auch von dem Wunschgedanken geprägt, dass Löws Team den Titel verteidigt. „Deutschland gewinnt das Finale gegen die starken Belgier, Brasilien wird Dritter“, legt er sich fest. Mutlu hofft auch auf gute Stimmung: „2006 ist der Fußball in eine neue Dimension vorgerückt. Public Viewing kam auf, plötzlich waren auch die Mädels dabei. Eine tolle Entwicklung.“

Komponist zieht Parallelen zur Musik

Der Komponist zeitgenössischer Musik Hans-Joachim Hespos ist überzeugt, dass Spanien Weltmeister wird. Gefolgt von Frankreich und Deutschland. „Ich habe oft den Eindruck, dass es den Deutschen ein wenig an Tempo mangelt“, begründet der Ganderkeseer, weshalb er der deutschen Mannschaft nur den dritten Platz zutraut. „Sie sind sehr steif. Und meistens hat ihnen eher das Glück weitergeholfen als ihr Geschick.“

Der 80-Jährige kann sich noch sehr gut an „Das Wunder von Bern“ erinnern. Nicht an den Film, sondern daran, wie er 1954 am Radio hing und verfolgte, wie die Deutschen zum ersten Mal Fußballweltmeister geworden sind. „Ein paar Jahre später hatten die Kickers Emden den 1. FC Kaiserslautern, also die Helden von Bern, eingeladen“, erzählt der gebürtige Emder. „Das war schon etwas Besonderes, die Menschen zu sehen, die man doch nur aus dem Fernsehen und dem Radio kannte.“

Schon als kleiner Junge hat Hespos begeistert Fußball gespielt. „Aber unser ‚Ball‘ war eigentlich kein Ball. Das war ein Gebilde aus einem Kunststoffklumpen, eher wie Styropor, aber nicht so brüchig“, versucht er das Material zu beschreiben. „Bindfäden haben diesen ‚Ball‘ in Form gehalten. Und der sprang dann natürlich im Sechseck. Vielleicht hat mir das geholfen, flexibel zu denken.“ Hespos sieht noch weitere Gemeinsamkeiten zwischen Sport und Kunst: „Auch in der Kunst brauche ich gute Mitspieler. Und der Erfolg ist mal so und mal so. Im Sport gilt das Prinzip ‚Fairness‘ und es ist wichtig, vom Gegner zu lernen. Das ist bei uns in der Musik auch so, täglich.“

Bis heute schaut sich Hespos gerne mal ein gutes Spiel an. „Aber heute ist das alles nur noch ein Geschäft“, kritisiert er. „Die Fußballspieler kommen sich ja schon vor wie beim Menschenhandel.“


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