Währungsreform vor 70 Jahren Schlagartig verschwand Schwarzmarkt in Delmenhorst

Von Folkert Müller


Delmenhorst. Vor 70 Jahren hielten die Westdeutschen erstmals die D-Mark in der Hand. Mit der Währungsreform füllten sich über Nacht auch in Delmenhorst wieder die Schaufenster.

Die Währungsreform im Jahr 1948 war ein sehr folgenreiches Ereignis, das einschneidenste während der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ging es in den Kriegsjahren um das Überleben im Bombenkrieg und in den Flüchtlingstrecks, so gab es nach der Kapitulation den Überlebenskampf im wirtschaftlichen Leben.

Da im Krieg wenige Konsumgüter produziert wurden und man deswegen nichts kaufen konnte, waren die Sparbücher der meisten Familien prall gefüllt. Doch dieses Geld war nun kaum mehr etwas wert. Die Lebensmittelmarken reichten für die Ernährung nicht aus. Deshalb entstand der „Schwarze Markt“. Durch Tauschgeschäfte versuchte man, besser zu überleben.

Möbel gegen Fleisch eingetauscht

Ich unternahm Hamsterfahrten zu Verwandten nach Ostfriesland. Meine Mutter übergab ihre wertvollen Kirschbaummöbel einem Bauern, der geheiratet hatte. Dafür erhielt unsere sechsköpfige Familie Fleisch, Wurst und Hülsenfrüchte.

Im Frühjahr 1948 machten Vermutungen die Runde, dass eine Währungsreform bevorstehe. Die Älteren dachten mit Bangen an das Jahr 1923 zurück, als eine rasante Inflation zu einem totalen Geldverlust führte. Die Folge dieser Mundpropaganda war, dass in den meisten Geschäften die wenigen vorhandenen Waren gehortet wurden, sodass die Schaufenster ziemlich leer waren.

Altes Geld in der Schreibwarenhandlung ausgegeben

Am Abend des 18. Juni, einem Freitag, verkündeten die Radionachrichten die Währungsreform für den 20. Juni. Am 19. Juni war davon in der Presse zu lesen. An diesem Tag wagte ich es, in die Buch- und Schreibwarenhandlung Klee zu gehen, um für das alte Geld eine große Flasche Tinte auf Vorrat zu kaufen – Kugelschreiber gab es noch nicht. Frau Klee verhielt sich mir gegenüber anders als die meisten Geschäftsleute an jenem Tage, die nichts mehr verkauften. Später besuchte ich ein Freundschaftsspiel des DBV mit dem Paradesturm Schaffarzyk, Fink und Burek. Anders, als sonst üblich, wurde kein Eintrittsgeld erhoben.

Lange Schlangen vor den Umtauschstellen

Am Sonntag, 20. Juni, gab es lange Schlangen vor den Geldumtauschstellen. Nach Vorzeigen des Personalausweises und des Familienstammbuchs waren pro Person 60 Reichsmark abzuliefern. Danach wurden jeweils 40 Deutsche Mark ausgehändigt. 20 DM folgten im August. Die Altgeldbestände wurden im Verhältnis zehn zu eins umgetauscht. Das galt auch für private Verbindlichkeiten. 100 Reichsmark ergaben also zehn D-Mark. Weil es zunächst an Kleingeld in Münzen mangelte, wurden alte Ein-Mark-Scheine im Wert von zehn Pfennig und alte Groschen im Wert von einem Pfennig benutzt.

Schwarzhändler vernichten ihre Geldscheine

Der Umtausch einer großen Menge Geld war jedoch nicht einfach. Dann waren Steuererklärungen und Einkommensnachweise erforderlich. So mancher Schwarzhändler vernichtete seine Geldscheine, um keine Schwierigkeiten zu bekommen.

Ab dem 21. Juni waren plötzlich zur Verwunderung der Innenstadtbesucher die Schaufenster gut gefüllt. Der Schwarzmarkt hörte schlagartig auf, zu existieren.

Wegen des langjährigen Mangels herrschte große Kauflust. Geschirr und Fahrräder waren die „Renner“. Ich freute mich, meine braun gefärbten Militärklamotten endlich ablegen zu können. Musste ich bis dahin gebrauchte Rasierklingen immer neu schärfen lassen, konnte ich jetzt neue kaufen – auch Trockenrasierer gab es noch nicht.

Jo-Jo-Effekt folgt auf dem Fuß

Die große Kauffreudigkeit verursachte bald einen Jo-Jo-Effekt. Der Nachschub an Waren kam ein wenig ins Stocken, was einen sanften Anstieg der Preise zur Folge hatte. Einen regelrechten Sturm auf die Geschäfte gab es beim Sommer- und Winterschlussverkauf in der Kleiderbranche. Schon vor der Öffnung der Türen gab es frühmorgens vor allem vor den Kaufhäusern Hohenböken und Leffers Warteschlangen.


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