Sucht in der Familie Fachtag befasst sich mit Kindern in suchtbelasteten Familien

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Referent Henning Mielke sprach vor 170 Pädagogen über Kinder, die mit süchtigen Elternteilen aufwachsen. Foto: Frederik GrabbeReferent Henning Mielke sprach vor 170 Pädagogen über Kinder, die mit süchtigen Elternteilen aufwachsen. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Ist ein Elternteil süchtig, braucht auch ein Kind Hilfe. Um solche indirekt von Sucht betroffene Kinder drehte sich am Donnerstag an Vortrag in der Delmenhorster Markthalle. Referent Mielke forderte Hilfsangebote auch für sie – er sprach aus eigener Erfahrung.

Der Vater hängt an der Bierflasche, die Mutter ist tablettensüchtig: Wie ergeht es einem Kind, das in einem solchen Umfeld aufwächst? Eine Antwort auf diese Frage gab am Donnerstag in der Delmenhorster Markthalle bei einem Fachtag zum Thema Suchtprävention. Eine Erkenntnis war: Hilfe für süchtige Eltern, sofern sie ihre Sucht denn erkennen, reicht nicht aus. Kinder aus diesen Familien brauchen sie ebenfalls. Das schilderte Henning Mielke von der Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien NACOA, der als Referent vor 170 Besuchern bestehend aus einem Fachpublikum auftrat.

„Es kann wehtun, das Schweigen zu brechen“

Mielke muss es wissen. Schließlich stammt er selbst aus einer suchtbelasteten Familie. „Ich weiß wie es ist, wenn Eltern aufgrund ihrer Sucht emotional nicht für ihr Kind da sind.“ Mielke zufolge behindern noch immer Tabus, über Sucht oder Angelegenheiten anderer Familien zu sprechen, mögliche Abhilfe für suchtbetroffene Familien. Wolle man Lösungen anbieten, hieße dies also, Tabus zu brechen. Mielke: „Es kann wehtun, das Schweigen zu brechen.“

In jeder Klasse sind vier, fünf betroffene Kinder

Das Hilfe angebracht ist, unterstrich Mielke mit einer Zahl: Einer Studie zufolge wachsen in Deutschland drei Millionen Kinder in suchtbelasteten Familien auf. „In jeder Kindergartengruppe, in jeder Klasse sind statistisch gesehen vier bis fünf betroffene Kinder“, stellte der Referent fest. Dabei sei es egal, ob Eltern alkoholkrank, tablettenabhängig oder sonst eine Sucht an den Tag legten. Mielke: „Unterm Strich sind Eltern emotional für ihre Kinder nicht da. Und ohne diese Aufmerksamkeit nehmen Kinder Schaden.“

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Betroffene Kinder kennzeichne ein sehr geringes Selbstwertgefühl

Kinder fühlten sich aufgrund der Sucht ihrer Eltern stigmatisiert, isoliert und ausgegrenzt. In diesem Zustand fänden sie ihre eigenen Bewältigungsstrategien: Sie versuchten vom Elend der Eltern abzulenken, indem sie etwa mit schulischen Leistungen glänzten, in die Jugendkriminalität abrutschten oder eine ausgeprägte Albernheit an den Tag legten, erläuterte Mielke. In jedem Fall hätten solche Kinder ein sehr niedriges Selbstwertgefühl gemein. In dieser Lage sei es wichtig, Kinder aus suchtbelasteten Familien in ihrer Widerstandsfähigkeit zu fördern, die Psychologie spricht von Resilienz. Beispielsweise durch eine Vertrauensperson, die das Kind bestärkt.

Kommunen zur Hilfe aufgefordert

Als praktischen Ansatz nannte Mielke, Lehrer oder Erzieher „dahingehend fit zu machen“, betroffene Kinder zu erkennen und sie zu bestärken oder auch Familien Hilfe anzubieten, die sich ohnehin bereits Suchthilfe erhalten. Mielke: „Jede Kommune sollte ein pädagogisches Angebot für diese Kinder stellen.“

In einem weiteren Vortrag stellte der Hamburger Psychotherapeut Prof. Dr. Rainer Thomasius neueste Forschungserkenntnisse zum Cannabis-Konsum vor.


Laut Evelyn Popp, Leiterin der Anonymen Drogenberatung (drob) in Delmenhorst, bietet die drob Beratungen für suchtbetroffene Familien an. Kontakt unter Telefon: (04221) 14055.

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