Delmenhorster Lauf-Urgestein 500 Kilometer zum Warmwerden

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Wandert 500 Kilometer, nur um warm zu werden: Rudi Hanisch Foto: Bettina Dogs-PrößlerWandert 500 Kilometer, nur um warm zu werden: Rudi Hanisch Foto: Bettina Dogs-Prößler

Delmenhorst Rudi Hanisch wandert über 22 Tage jeden Tag rund 20 Kilometer. Dabei begegnet der 79-Jährige Menschen, deren Geschichten ihn nicht mehr loslassen – als Vorbereitung auf den Delmenhorster Burginsellauf.

Nach 500 Kilometern hat Rudi Hanisch sein Renngewicht erreicht. 64 Kilo verteilt auf 170 Zentimetern: Viel ist das nicht. Doch unnötigen Ballast kann Rudi Hanisch im Moment auch nicht gebrauchen, der 79-Jährige hat ein klares sportliches Ziel vor Augen: den 24-Stunden- Burginsellauf Mitte Jun i. Als Einzelläufer in der Altersklasse M75.

Fast 80 Jahre alt und fit

Zum letzten Mal wird das Delmenhorster Lauf-Urgestein in der Kategorie Männer im Alter von 75 bis 79 Jahren antreten, mit seinem 80. Geburtstag Mitte Juli rutscht er in wenigen Wochen in die nächsthöhere Altersklasse. Vom Laufen wird ihn das nicht abhalten: Sein Terminkalender ist bis zum Ende des Jahres voll mit Tourplänen, die ihn nach Österreich, Frankreich und Norwegen führen werden. Immer mit Wanderrucksack auf dem Rücken und Nordic-Walking-Stöcken zwischen den Fingern – das ist Hanischs Art sich fit zu halten. „Um mich auf den 24-Stunden-Lauf vorzubereiten, bin ich Anfang Mai von Rostock nach Görlitz gewandert“, sagt er.

20 Kilometer pro Tag

Das hieß: Jeden Tag mehr als 20 Kilometer zu Fuß – auf dem Rücken 14 Kilo Gepäck – ganz allein. Aber immer mit einem klaren Ziel vor Augen. „Die Strecke habe ich zu Hause bis ins Detail vorbereitet“, sagt Hanisch. Zur besseren Orientierung erstellt er eigene Wanderkarten, zeichnet ein, wo er abbiegen muss und notiert, wann der nächste Einkauf nötig ist. „Ich suche mir alle markanten Punkte an der Strecke raus – Feuerwehren, Kirchen, Vereine, aber auch Schulen und Supermärkte.“

Nachtlager an ungewöhnlichen Ort

Nur selten schlägt der 79-Jährige sein Nachtlager im Gasthaus auf – entlang der 500 Kilometer auf dem E 10 – einem Fernwanderweg, der vom nördlichsten Punkt Finnlands bis ins italienische Bozen führt – schläft Rudi Hanisch im Kloster, im Altenheim, einmal im Feuerwehrgerätehaus, einmal im Clubheim eines Segelsportvereins. Manchmal sind seine Kontaktpersonen die einzigen Menschen, die er am Tag trifft. „An den 22 Tagen zwischen Rostock und Görlitz habe ich unterwegs keinen einzigen Wanderer getroffen.“

Freundlichkeit zwischen Einsamkeit

Doch die stille Idylle entlang Spreewiesen und Ackerlandschaften macht den 79-Jährige offen für zwischenmenschliche Begegnungen, die noch lange nach den Wanderungen in ihm nachhallen. Zwischen Märkisch-Buchholz und Lübben, einer Tagesetappe von ausnahmsweise mal 30 Kilometern, trifft er mitten in der Einsamkeit auf einen Mann am Gartenzaun, der den Fremden mit Rucksack erst beäugt und schließlich zum Plausch im Garten einlädt. „Nach den ersten fünf Minuten wusste ich, wie seine Kinder heißen, nach den zweiten fünf Minuten, was er arbeitet und nach den dritten fünf Minuten saß ich auf seiner Terrasse und hab Kaffee getrunken.“

Unheimliche Begegnung

Einmal steigt eine Frau aus dem Auto, bewegt sich zittrig auf ihn zu und bittet ihn, die Jakobsmuschel an seiner Wandermütze berühren zu dürfen. Hanisch stimmt zu „und plötzlich wird die Frau ganz ruhig, zittert nicht mehr und fängt an mir zu erzählen, dass sie seit dem Tod ihres Sohnes immer und immer wieder von einem Wanderer träumt, der eine Muschel an seiner Mütze trägt. Doch jedes Mal, wenn sie kurz davor ist, sie zu berühren, schrickt sie hoch und wacht auf.“ Dann geht sie, das Zittern ist verschwunden, zu ihrem Wagen zurück und verschwindet.

Mann, der im Gedächtnis bleibt

Rudi Hanisch liebt solche Begegnungen – und die Geschichten darüber schieben seine sportliche Leistung fast ein wenig in den Hintergrund. Dabei ist eine Begegnung mit Rudi Hanisch selbst etwas, das im Gedächtnis haften bleibt: Ein Mann mit Wanderstock und Rucksack auf dem Rücken, der sich über hunderte von Kilometer auf einen 24-Stunden-Lauf vorbereitet. Als sei es das Normalste von der Welt – im Alter von fast 80 Jahren.


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