Pflegenotstand in Delmenhorst Sozialexperte fordert Unterstützung für Altenpfleger

Von Sascha Sebastian Rühl

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Der Mangel an Pflegekräften in Delmenhorst verschärft sich (Symbolfoto). Harald Groth fordert Unterstützung in der Ausbildung. Symbolfoto: Holger Hollemann/dpaDer Mangel an Pflegekräften in Delmenhorst verschärft sich (Symbolfoto). Harald Groth fordert Unterstützung in der Ausbildung. Symbolfoto: Holger Hollemann/dpa

Delmenhorst. Immer mehr Senioren können in Delmenhorst nicht betreut werden, weil Pflegekräfte fehlen. Dr. Harald Groth sieht die Stadt in der Pflicht, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Der frühere Delmenhorster Spitzenpolitiker fordert im Interview mehr Unterstützung.

Dr. Harald Groth (75 Jahre, SPD) hat Sozialarbeit und Erziehungswissenschaften studiert. Er war unter anderem Delmenhorster Oberbürgermeister und 17 Jahre lang Landtagsabgeordneter. Er war Vorsitzender der Delmenhorster Heimstiftung und ist heute Vorsitzender des AWO-Bezirksverbands Weser-Ems.

Herr Groth, an allen Ecken fehlen in Delmenhorst Pflegekräfte. Was muss getanwerden? Harald Groth: Zunächst müssen wir für Delmenhorst den mittelfristigen Bedarf in der Pflege an Ausbildungsplätzen bestimmen, zumal ab 2020 nach neuem Recht die Pflegeberufe gemeinsam ausgebildet werden sollen. Dann ist von allen Akteuren festzulegen, wo und in welchen Formen die Ausbildung stattfinden soll. Infrage kommen die BBS, und bisherige Ausbildungsstätten aber auch das IWK.

Wie erklären Sie sich den aktuellen Mangel?

Es wirken jetzt verschiedene Komponenten: Viele ältere Pflegemitarbeiter gehen demnächst in Rente und müssten ersetzt werden, gleichzeitig nehmen die pflegebedürftigen Menschen zu. Hinzu kommt, dass es immer neue Aufgaben für Pflegemitarbeiter gibt, die teils gar nicht funktionieren.

Wie konnte es soweit kommen? Genau 2000 gab es in Übertreibung von Marktliberalität ein Urteil des Bundessozialgerichts, dass bald zehn Jahre Gültigkeit hatte und dem Beruf der Altenpflege sehr geschadet hat. Entgelte wurden nur noch nach dem günstigeren Preis gebildet, Tariflöhne systematisch missachtet, es gab Lohnkürzungen, anstatt angemessene, der Wichtigkeit des Berufs entsprechende, Lohnerhöhungen. Weihnachtsgelder wurden gestrichen, tarifgebundene Dienste gingen in Konkurs oder mussten Notlagentarife vereinbaren. Diese Lage hat dem Beruf so sehr geschadet, dass er lange nicht erste Wahl bei jungen Menschen war. Dieses angerichtete Tief ist immer noch nicht ganz aufgeholt, aber die Kostenträger haben längst anerkannt: Tariflohn in der Pflege, so er bezahlt wird, ist für den Berufsstand und den Einzelnen wichtig.

Neben Geld fehlt Pflegekräften auch Zeit. Sollte die Tasse Kaffee ein Teil der Betreuung sein?

Es gibt in der Pflege immer wieder „unproduktive“ Zeiten, da muss auch mal zugehört und gesprochen werden. Solche Zeiten müssen angemessen berücksichtigt und vergütet werden.

Zurück zum Fachkräftemangel. Was muss der nächste Schritt sein?

Ausbildung muss endlich voll bezahlt werden. Spezielle Ausbilder wie in der Krankenpflege fehlen bisher. Die Erstausbildung muss intensiv beworben werden. In der Pflege sind viele spezialisierte und erfahre Kräfte ohne Vollexamen. Diese sollten zuerst angeboten bekommen, Examen nachzuholen. Dies kann berufsbegleitend geschehen. Es sind Umschulungsangebote aufzulegen, um mehr Fachkräfte zu gewinnen.

Warum sind die Abschlüsse so wichtig?

In Altenheimen muss jeder zweite Mitarbeiter voll examiniert sein. Wo Fachkräfte fehlen, können neue Verträge nicht abgeschlossen werden, in Heimen werden Stationen geschlossen, obwohl es Nachfrage gibt. Dieser Entwicklung gilt es vorzubeugen.

Manche sagen, auch die Angehörigen könnten mehr Verantwortung übernehmen, was sagen Siedazu? Angehörige pflegen zu Hause – und das in zwei Drittel aller „Pflegefälle“. Das muss auch so bleiben, aber die Angehörigen müssen unterstützt werden durch ambulante Dienste oder Tagespflegen, damit sie fähig bleiben, die teils psychisch und physisch schwere Pflege mit zu leisten. Die seit 2000 vorhandenen Tagespflegen der Awo sind als Unterstützung für die Familien besonders wichtig.

An der anderen Seite der Bevölkerungspyramide kriselt es auch, wie bekommt Delmenhorst mehr Erzieher in die Kindergärten? Wie in der Pflege bedarf es auch vermehrter Ausbildung bei den Erziehern. Wir bauen die Plätze aus, aber die Ausbildungskapazitäten folgen dem nicht. Die Schüler bekommen in der Ausbildung keinerlei Vergütung. Das muss beendet werden. Das wollen auch die Landes- und Bundespolitiker, aber erst in absehbarer Zeit. Da könnte Delmenhorst mit einem Beispiel vorangehen und eine Ausbildungsvergütung für Erzieher anbieten.

Wir dürfen dieAngehörigen nicht allein lassen!

Befürwortet mehr Unterstützung für Erzieher und Pflegekräfte: Dr. Harald Groth. Foto: Heike Bentrup

Also Geld für die Pflegeaus- und Weiterbildung und als Entlohnung für angehende Erzieher. Die Stadt wird sagen: Wir haben kein Geld – das Krankenhaus! Dass kein Geld im Übermaß vorhanden ist, macht dennoch notwendig, zum Beispiel die Pädagogen für die frühkindliche Erziehung konkurrenzfähig mit anderen Erstausbildungen auszubilden, um nicht eines Tages in die Lage zu kommen, dass es zwar einen Anspruch auf Kita- oder Krippenplätze gibt, aber keine Fachmitarbeiter, die zur Verfügung stehen.


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