Interview über vegane Lebensweise „Gifte stammen zu 92 Prozent aus tierischer Nahrung“

Pizza ohne Käse und Salami: Die Zahl der Veganer in Deutschland stieg in den vergangenen Jahren rapide an. Ein besserer Umwelt- sowie Tierschutz oder eine gesündere Ernährung sind meist Gründe hierfür. Symbolfoto: Daniel Naupold/dpaPizza ohne Käse und Salami: Die Zahl der Veganer in Deutschland stieg in den vergangenen Jahren rapide an. Ein besserer Umwelt- sowie Tierschutz oder eine gesündere Ernährung sind meist Gründe hierfür. Symbolfoto: Daniel Naupold/dpa

Delmenhorst. Die vegane Lebensweise findet immer mehr Anhänger. 1,3 Millionen Veganer zählte Vegetarier- und Veganerverband Proveg in Deutschland zuletzt. Tendenz steigend. An der Delmenhorster VHS referiert die Bremer Chemikerin Dr. Silke Mai regelmäßig über Veganismus. Ein Gespräch über Risiken des Fleischkonsums, gesundheitliche Vorteile durch vegane Ernährung sowie Umwelt- und Tierschutz.

Laut Deutschlands größtem Vegetarier- und Veganerverband Proveg verzichten derzeit 1,3 Millionen Menschen auf tierische Nahrungsmittel und ernähren sich rein pflanzlich. Eine von ihnen ist die Chemikerin Dr. Silke Mai aus Bremen, die als Dozentin gemeinsam mit ihrer Schwester Maike Kratschmer unter anderem an der VHS Delmenhorst hilft, den gesunden Einstieg in die vegane Ernährung zu finden.

dk: Frau Dr. Mai, laut Proveg ist die Zahl der Veganer in Deutschland in den vergangenen drei Jahren um 400.000 gewachsen. Wie erklären Sie sich diesen Trend?

Dr. Silke Mai: Grundsätzlich bemerke ich, dass es sehr unterschiedliche Gründe gibt, sich vegan zu ernähren. Die Älteren haben in der Regel gesundheitliche Beschwerden und erleben, dass sie sich durch eine rein pflanzliche Ernährung besser fühlen. Das ist bei den jungen Leuten meist kein Thema. Sie machen das vorrangig, weil sie Tieren kein Leid zufügen wollen. Dann gibt es noch eine mittlere Gruppe, bei denen Umweltgründe im Vordergrund stehen, weil der Fleischverzehr viele Ressourcen verschlingt – sei es Wasser oder auch Nahrungsmittel, die wir selbst verzehren könnten wie etwa Getreide. Würden wir das selbst essen, statt es zu verfüttern, würde das den Welthunger schmälern und auch Abholzung sowie den Klimawandel aufhalten.

dk: Sie sind Beraterin und Dozentin zu veganer Ernährung. Welche Fragen werden Ihnen am häufigsten gestellt?

Die meisten Menschen glauben noch immer, dass man Milch für die Kalziumversorgung braucht. Was so gar nicht stimmt. Mittlerweile kann man aber auch in jedem Laden spezielle vegane Pflanzenmilch kaufen, die genauso viel Kalzium enthält wie normale Milch. Aber auch dunkelgrünes Gemüse oder Bohnen und Sesam enthalten viel Kalzium. Normalerweise hat man in der veganen Ernährung kein Problem mit Kalzium. Das gleiche gilt für Eiweiß. Eiweiß ist viel in Hülsenfrüchten oder Getreide, aber auch in Soja enthalten. Und genau solche Sachen werden dann ja auch verzehrt. Man muss sich nur abwechslungsreich ernähren. Ein Normalesser macht sich in der Regel keine Gedanken darüber, ob er genug Kalzium aufnimmt und woher das Kalzium kommt.

Ernähre ich mich also gesünder, wenn ich mich vegan ernähre?

Meistens schon, aber man kann sich natürlich auch vegan einseitig ernähren und somit ungesund. Wer schon vorher vielseitig gegessen hat, schwenkt auf vegane Lebensmittel um und lebt dann automatisch etwas gesünder, weil man mehr von dem isst, was man essen sollte: nämlich Obst und Gemüse. Das isst der Durchschnittsbürger viel zu wenig.

Was heißt die rein pflanzliche Ernährung für den Einkauf? Müssen Einsteiger Mehrkosten hinnehmen?

Das kommt darauf an, wie sie den Einstieg vornehmen. Wenn sie von Fleisch auf Fleischersatzstoffe umsteigen, dann ist das in der Regel sehr teuer. Jedenfalls dann, wenn sie vorher Fleisch beim Discounter gekauft haben. Ersetzt man Biofleisch durch Obst und Gemüse, wird es billiger. Tatsächlich sind Ersatzprodukte für Fleisch und Käse sehr teuer. Wer darauf nicht verzichten kann, muss tiefer in die Tasche greifen.

Dann sollten die Fleischersatzprodukte aber nicht von Herstellern sein, die auch normale Wurstwaren vertreiben…

Dazu gibt es zwei Meinungen. Die einen wollen diese Konzerne per se nicht unterstützen und kaufen nur bei Firmen, die sich der veganen Lebensweise verschrieben haben. Die Großkonzerne, die auch normale Wurst herstellen, sehen dahinter häufig nur ein Geschäft. Wenn diese aber immer mehr merken, dass dieses Geschäft funktioniert, dann kann es zu einem Umdenken und schließlich einer Neuausrichtung dieser Großkonzerne und somit der Gesellschaft führen.

Der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zufolge hinterlässt die rein pflanzliche Ernährung Lücken in der Versorgung mit Nährstoffen wie etwa Vitamin B12, Eisen oder Zink. Wie gehen Veganer mit diesem Problem um?

Beim Vitamin B12 sehe ich tatsächlich einen Aufklärungsbedarf, denn Vitamin B12 wird in Mikroorganismen gebildet, die wir eigentlich mit der Nahrung verzehren müssten. Da würde ich zu einer Aufnahme über Nahrungsergänzungsmittel raten. Vitamin-B12-Mangel taucht aber auch bei Fleischessern auf, weil es ein grundsätzliches Problem unserer Landwirtschaft gibt. Eine weitere Rolle spielt der Darm. Der ist bei vielen Leuten durch ihre Ernährungsgewohnheiten nicht mehr gesund und so können auch andersartige Esser einen Vitamin-B12-Mangel entwickeln. Ein vielfältiges Thema. Wer keine Nahrungsergänzungsmittel nehmen möchte, kann zu Vitamin-B12-angereicherten Lebensmitteln greifen. Eisen oder Zink sind dagegen unkritischer.

Zusammen mit Ihrer Zwillingsschwester bilden sie das Gespann „TwoTwins“. Sie sind Chemikerin, Ihre Schwester Heilpraktikerin. Wie blicken Sie aus Ihrer jeweiligen Perspektive auf die vegane Ernährung?

Wir haben uns dem Thema Ernährung auf unterschiedliche Weise genähert. Als Chemikerin bin ich natürlich interessiert an Studien und schaue, wo welche Lebensmittel welche Nährstoffe haben und welche Biochemie dahintersteckt. Bei meiner Schwester als Heilpraktikerin ist es vor allem die Erfahrungsmedizin, bei der sie häufig Leute kennengelernt hat, die sichtbare Erfolge aufgrund einer Ernährungsumstellung hatten.

Seit wann ernähren Sie sich schon vegan?

Seit sechs Jahren. Davor habe ich mich 25 Jahre lang vegetarisch ernährt. In erster Linie wollte ich schlechte Inhaltsstoffe wie die ganzen Antibiotika, die damals schon in der Massentierhaltung gang und gäbe waren, umgehen. Und ich wollte mich davon abwenden, dass Tiere für mich getötet werden. Ich hab dann gemerkt, dass Vegetarismus nur die halbe Wahrheit ist. Denn um Milch zu gewinnen, muss die Kuh geschwängert werden, ihr Kalb abgeben, das dann in der Regel geschlachtet wird. Bei den Eiern ist es das Gleiche mit den männlichen Küken, die sofort getötet oder geschreddert werden.

Was macht denn die vegane Ernährung so gesund?

Dass man die tierischen Proteine weglässt. Tierische Proteine wirken sehr säuernd im Körper, und wir essen eigentlich schon viel zu sauer. Obendrein kommen die ganzen Toxine, die wir über die Nahrung aufnehmen, zu 92 Prozent aus tierischen Produkten. Dadurch, dass das tierische Eiweiß dem menschlichen so ähnlich ist, können Allergien entstehen. Auch unsere Verdauung ist nicht auf Fleisch ausgelegt. Die Verdauungsarbeit nimmt uns mehr Energie, als die Nahrung uns zuführt, und wir fühlen uns schwach. Wir fühlen uns einfach fitter, wenn wir Obst und Gemüse essen.

Wie ließe sich die vegane Ernährung effektiver für die breite Masse öffnen?

Der Durchschnittsbürger isst viel zu wenig Obst und Gemüse.

Die promovierte Chemikerin Silke Mai (46) referiert mit ihrer Schwester regelmäßig bei der VHS Delmenhorst über Themen der Ernährung. Die Bremerin beschäftigt sich vor allem mit den Auswirkungen von Nährstoffen auf den menschlichen Körper.

Mehr vegane Angebote in der Gastronomie, denn das wird immer noch sträflich vernachlässigt. Dabei können vegane Gerichte so einfach sein. Das verkennt die Gastronomie im Moment noch und verschläft hier Umsatzmöglichkeiten.


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