Entschärfung in Delmenhorst „Die Bombe ragte so ein Stück aus dem Boden“

Von Kai Hasse

Hans-Jürgen Donath, Zeitzeuge eines Luftangriffs auf Delmenhorst, zeigt, wie weit die Bombe noch im Garten seines Heimathauses herausragte. Neben ihm der Aluminiumring, in dem die mutmaßliche Bombe vermutet wird. Foto: Kai HasseHans-Jürgen Donath, Zeitzeuge eines Luftangriffs auf Delmenhorst, zeigt, wie weit die Bombe noch im Garten seines Heimathauses herausragte. Neben ihm der Aluminiumring, in dem die mutmaßliche Bombe vermutet wird. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Wohnungen und Doppelhäuser sollen an der Langenwischstraße in Delmenhorst entstehen. Aber: Im Boden liegt eine Bombe, die am Freitag entschärft werden soll. Dass man weiß, dass sie dort liegt, geht auf einen Hinweis der ehemaligen Grundstücksbesitzer zurück. Ein Zeitzeuge des Einschlags, Hans-Jürgen Donath, erinnert sich genau.

Hans-Jürgen Donath, heute 82, war sechs oder sieben Jahre alt, als die Bombe, die heute für eine Evakuierung mit 5000 Betroffenen sorgt, im Garten seines Großvaters einschlug. Mit dem dk erinnert er sich an den Tag.

Ein Rumms auf dem Weg in den Keller

In Donaths Schule war Alarm: Bomber der Alliierten sind unterwegs. Der Junge eilte nach Hause, zum Keller des Hauses in der heutigen Langenwischstraße, wo er bei seinem Opa lebte – sein Vater war im Krieg, seine Mutter gestorben. Im Haus nahm er sich ein Fernglas, und beobachtete das Geschehen am Himmel: „Am Bahndamm war eine 8.8er FlaK, die schoss auf die Bomber Richtung Bremen. Ein Flugzeug wurde getroffen, es löste sich mit Getöse aus dem Schwarm heraus, kam niedriger und flog Richtung Delmenhorst.“ In dem Moment rannte der Junge Richtung Keller, Richtung Sicherheit. „Ich war auf der drittletzten Stufe, da hat es gerummst.“ Als alles wieder ruhig war, lief er mit seiner Familie raus. „Im Garten steckte eine Bombe im Boden. Sie ragte so ein Stück heraus.“ Donath deutet auf Hüfthöhe. „Wir sind dann wieder weggelaufen, wir wussten, das ist gefährlich.“ Außerdem gab es einen Bombentrichter 16 Meter neben dem Haus: Eine weitere Bombe war auf dem Grundstück explodiert und hatte das Haus beschädigt. Hühner und Puten hingen im Zaun, getötet vom Luftdruck.

Ferkelnde Sau rettet Familie

Der Flieger – eine zweimotorige Maschine mit Kokarde, also ein englischer Bomber – flug noch wenig weiter und krachte in einen Garten zwischen Schaftrift und Margarethenstraße. Noch einen ganzen Tag explodierte in dem Wrack die Munition der Bordwaffen. Die Besatzung starb. Die Bomben, die die Maschine abgeworfen hatte, waren Notabwürfe, meint Donath. „Die Besatzung hatte gehofft, die Machine wieder hochzubekommen und nach England zu kriegen“, meint er. Eine der Bomben war ein Volltreffer im Wohnhaus eines Bauernhofs 100 Meter weiter östlich. Aber niemand starb, weil die Bewohner gerade wegen einer ferkelnden Sau im Stall war, erinnert sich Donath. Die letzte Bombe hatte die Besatzung in der Hast vermutlich nicht mehr entschärft. Eben jene Bombe, wegen der am Freitag 5000 Delmenhorster im großen Umkreis fernbleiben müssen.

„KZ-Häftlinge arbeiten erfolglos“

Donath weiter: Anfangs vier, später sechs KZ-Häftlinge sollten die Bombe ausgraben. Donath erinnert sich, wie sein Großvater, Christian Erdmann, ihnen zu Essen machte. Aber die Bergung gelang ihnen nicht: Ihnen fehlte das Gerät, die zentnerschwere Bombe aus dem Boden zu heben. Stattdessen sackte sie immer tiefer. Steigendes und sinkendes Grundwasser, und sehr weicher Sandboden bewegten sich zu stark, und die schwere, spitze und hochkant stehende Bombe bohrte sich weiter in die Erde. „Schließlich hat man die Hebung der Bombe aufgegeben“, berichtet Donath. Stattdessen habe man eine Absperrung um dem Bereich herum gemacht, etwa acht mal acht Meter, und ein Schild: „Achtung, Lebensgefahr!“ Das kam irgendwann, vielleicht zehn Jahre später, weg, mit Mut zum Risiko.

Langsames Tasten nach der Bombe

Viele Jahre danach: Die Delmenhorster Wittenfeld Bauträger GmbH will hier Neubauten hochziehen. Von der Erbengemeinschaft hat sie das Grundstück gekauft. Die Vorbesitzer warnten wegen der Bombe im Garten. Die Kampfmittelbergung GmbH tastete sich vorsichtig vor: schmale Bohrungen im Abstand von 75 Zentimetern, in die Bohrungen dann Detektoren, langsam einen großen Metallkörper einkreisend. Etwa einen Meter lang ist der gefundene Metallkörper, berichtet Hans Warfsmann, Chef der Firma. Er betont: Es ist ein „vermeintlicher Bomben-Blindgänger“, denn 100-prozentig sicher ist niemand – noch liegt Erde auf dem Objekt. Damit das klar ist: Es könnte auch ein Ofen oder eine kleine Badewanne sein. Aber wenn es eine Bombe wäre, könnte sie, wenn sie hochgehen würde, einen Krater von zehn Meter Durchmesser und fünf Meter Tiefe reißen.

Unsicherheit am Fundort

Donath, so viele Jahre nach dem Einschlag, steht gestern grübelnd neben den in den Boden gerammten Aluminiumringen, die den mutmaßlichen Bombenfund sichernd umschirmen. Er rekapituliert den Tag, den Einschlag, die aus dem Boden ragende Bombe. „Hier waren Zwetschgen“, sagt er und deutet eine Linie auf dem Gelände abseits des mutmaßlichen Fundes. „Und hier Johannisbeersträcher, rote und schwarze.“ Und hier, bei den Ringen, die Bombe? Er ist sich unsicher. Der morgige Freitag wird es zeigen.