Hugo Egon Balder in Paraderolle Wellness-Komödie „Aufguss“ begeistert in Delmenhorst

Von Marco Julius

Hugo Egon Balder und Jeanette Biedermann begeisterten im Kleinen Haus ihr Publikum im Bademantel. Foto: Melanie HohmannHugo Egon Balder und Jeanette Biedermann begeisterten im Kleinen Haus ihr Publikum im Bademantel. Foto: Melanie Hohmann

Delmenhorst. Das Ensemble um TV-Legende Hugo Egon Balder erntet in einer Komödie voller „Höhepunkte“ Lacher am Fließband. Das Publikum feiert das Stück und den Wortwitz am Ende ausdauernd.

Man muss es so sagen: das Theaterstück „Aufguss“, angekündigt als spritzige Wellness-Komödie, hat einen Abend voller „Höhepunkte“ mit einem Wortspiel-Feuerwerk aus der Region untenrum geliefert. Das Publikum im ausverkauften Kleinen Haus nahm jede Zote dankbar und juchzend auf und feierte das fünfköpfige Ensemble um TV-Legende und Knautschgesicht Hugo Egon Balder.

Furioses Dialog-Pingpong

Die Komödie von Theatermacher René Heinersdorff, der gleich selbst als Dr. Lothar Höffgen, Chef einer florierenden Kinderklinik, auftritt, liefert ein mitunter furioses Dialog-Pingpong, das so ziemlich jeden erdenklichen gelungenen und nicht gelungenen Witz aus der Idee zieht, dass die Protagonisten sich beim Thema Spenden komplett missverstehen. Während die einen über Samenspenden reden, geht es bei den anderen um Geldspenden. Eindeutig zweideutig ist das alles, temporeich vorgetragen, mit Sinn fürs Timing und einer Professionalität und Spielfreude, die vergessen lassen, wie lang die Schauspieler das Stück bereits gemeinsam aufführen.

Ergüsse beim Aufguss

Ergüsse beim Aufguss, Spenden, die man sich in die Haare schmieren kann, das leere Säckel, für die gute Sache den letzten Tropfen geben, alles bekommt eine Doppeldeutigkeit, die zu einem Boulevardtheater führt, das seine Fans findet. Die Menge der Spende muss man sich dann schon einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Die Story hat zahlreiche Wendungen parat, ist aber nicht weiter von Belang. Sie bietet nur die Basis für die zahlreichen Gags. Erzählt sei sie hier dennoch in aller Kürze: Der solvente und in die Jahre gekommene Waschmittelproduzent und Schürzenjäger Dieter (Hugo Egon Balder) hat seiner Geliebten Mary (Viola Wedekind) einen Samenspender ins Wellness-Hotel (Alain, genannt „The Brain“, gespielt vom potenten Max Claus). Parallel taucht Klinik-Chef Lothar (René Heinersdorff) mit seiner rechten Hand Emelie (Jeanette Biedermann) auf, der in Dieter den potenten Spender (Geld!) für sein „Infusionszentrum“ sieht. Emelie und Dieter waren natürlich auch schon intim. Und „The Brain“ ist der Liebhaber von Mary. Kompliziert? Egal. Es kreuzen sich die Wege und Pläne im Beziehungsvwirrwarr, wer mit wem und warum nicht muss geklärt werden, bis am Ende die Bademäntel fallen und Lothar – großes Juchzen im Publikum – sogar kurz im Adamskostüm auf der Bühne steht.

Kabarettistische Seitenhiebe

Man muss in die Komödie nichts geheimnissen, der Abend soll Spaß bereiten. Mehr nicht. Und nicht weniger. Ein paar treffende, beinahe kabarettistische Seitenhiebe gibt es auch, vor allem aber viel Klamauk und Overacting. Hübsche kleine Dinge erfreuen obendrein, etwa wenn Dieters Handy klingelt – mit der Titelmelodie „Cin Cin“ der unvergessenen Sendung „Tutti frutti“, mit der Balder einst zum Tittenonkel und Herrn der Möpse aufstieg. Man vergisst bei Balders Nähe zum Nonsens und zur Zote oft, dass der talentierte Mann, der auch über sich selbst lachen kann, einst ganz klassisch am Schiller-Theater gespielt hat. Der Dieter jedenfalls, der ist ihm jetzt auf den dürren, leicht gebückten Leib geschnitten. Es ist ein Vergnügen, ihm, dem angegrauten Tunichtgut aus der Waschmittelbranche („Schmutzige Wäsche wird immer gewaschen“), einem Scheiternden im Bademantel, beim Durchlavieren zuzusehen. Er sagt Sätze, wie man sie heute schon fast wieder als Tabubruch kennzeichnen müsste, etwa wenn er seiner Geliebten entgegnet, sie leuchte manchmal wie die Dolomiten im Abendrot, manchmal sehe sie aber aus wie Ostfriesland im Morgengrauen. Dieter darf das, Balder sowieso.

Nonsens nach der Pause

Zeit für echten Nonsens gibt es direkt nach der Pause, wenn die fünf Protagonisten nach dem Essen im Hotel, einmal nicht im weißen Bademantel, kurz mit waghalsigen Alliterationen resümieren, was sie verspeist haben – und das mit regionalen Bezügen zur hiesigen Region. Doll, das delikate Delmenhorster Dillsüppchen. Dieser Part ist so drüber und so sinnbefreit, dass er schon wieder wahnsinnig lustig ist. Applaus auf offener Szene vom Publikum, dass gekommen war (das ist jetzt nur zufällig ein doppeldeutiges Wort), um sich zu amüsieren. Schön auch zu sehen, dass selbst mit allen Wassern gewaschene Vollprofis auf der Bühne noch lachen können, wenn mal ein Satz nicht ganz sitzt.

Publikum geht freiwillig ins Netz

Doch meist sitzt bei diesen Bühnenprofis jede Sentenz, gerade dann, wenn Autor René Heinersdorff, den viele noch als Schauspieler aus der Serie „Die Camper“ kennen, Sätze einfallen wie dieser: „Es gibt Tage, an denen geht man fischen, und andere, da trocknet man seine Netze“. Wie wahr. Im Kleinen Haus hat Heinersdorff seine Netze ausgeworfen – und das Publikum ist ganz freiwillig hineingeschwommen.