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15.05.2018, 20:16 Uhr KOLUMNE

Quergedacht: Mit Nivea und Niveau

Von Marco Julius

Bundestrainer Jogi Löw,  ein Mann mit Niveau und Nivea. Foto: Maurizio Gambarini/dpaBundestrainer Jogi Löw, ein Mann mit Niveau und Nivea. Foto: Maurizio Gambarini/dpa

Delmenhorst. Jogi Löw ist ein Mann mit Nivea und Niveau. Wann er Ausnahmen macht, warum sich die Besten niemals ausruhen und wo das Ende von Jogis Fahnenstange ist – das alles verrät die neue Folge „Quergedacht“.

Dass Bundestrainer Jogi Löw, eine Hand stets am Pokal, eine gelegentlich in der Hose, viel Wert aufs Äußere legt, ist bekannt. Er ist eben ein Mann mit Niveau und Nivea. Aber er kann sich auf seine Fahnen schreiben, dass er auch Ausnahmen macht. Hätte er sonst Ilkay Gündogan in seinen WM-Kader berufen? Eben jenen Spieler, der aktuell einen Schnauzbart spazieren trägt, der im Vergleich zu Gündogans umstrittenem Treffen mit „seinem Präsidenten“ Erdogan als größerer Fehltritt zu werten ist? Auf seine Fahne geschrieben hat sich Löw auch den DFB-Slogan zur WM: „Best never rest“ – die Besten ruhen sich niemals aus, obwohl das wohl eher einer modernen Trainingssteuerung widerspricht.

Und wo wir schon bei Fahnen sind: Trinkfreudige Fußballer mit einer Fahne, wie sie hin und wieder Mario Basler oder – anno dunnemals – Erwin Kostedde vor sich her trugen, gibt es in Löws Kader natürlich nicht. Schon gar nicht einen wie den legendären George Best. Zumindest am Tresen hieß es für den irren Nordiren immer: Best ruht sich niemals aus. Weltmeister-Trainer Löw bleibt da ganz nüchtern, er will im russischen Sommer ja nicht mit fliegenden Fahnen untergehen.

Für richtige Revolutionen steht der topgepflegte Löw übrigens auch nicht. Im revolutionären Mai hieß es einst „Lasst den Kaffee, lasst die Sahne, schnappt euch eine rote Fahne!“ Löws Aufmüpfigkeit gipfelt aber höchstens darin, dass er den Freiburger Stürmer Nils Petersen überraschend zu den Fahnen ruft. Der wiederum sagt zwar von sich, als Fußball-Profi verdumme er seit zehn Jahren. Erdogan hat er aber noch nicht getroffen. Und obwohl, folgt man Petersen, Kicker den Kopf wohl nur für den Frisör benötigen, ist er erfreulicherweise gänzlich schnauzbartlos. Die Zeichen stehen also gut für Löw und die WM: eine Hand schon wieder am Pokal, eine am Ende der Fahnenstange.