Das Jahr 1968 in Delmenhorst Neue Lehrergeneration brachte frischen Wind am Maxe

Von Sönke Ehmen

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Mitglieder des Republikanischen Clubs demonstrieren im November 1968 vor dem Kleinen Haus im Anschluss an die VdK-Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag. Foto: dk-Archiv/Hermann WeizsäckerMitglieder des Republikanischen Clubs demonstrieren im November 1968 vor dem Kleinen Haus im Anschluss an die VdK-Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag. Foto: dk-Archiv/Hermann Weizsäcker

Delmenhorst. Eine neue Lehrergeneration, der Republikanische Club und Lesungen in der VHS: Für die kritische Jugend vor Ort eröffnete sich der Raum für hochaktuelle Debatten.

Unumwundener Star der von der Delmenhorster Volkshochschule (VHS) veranstalteten Vortragsreihe mit namhaften Autoren war der damals erst 26-jährige, provokant auftretende Peter Handke. Die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit sollte sich noch steigern, als er gegen den Freispruch des Polizisten Karl-Heinz Kurras auftrat. Der Richterspruch hatte unter der studentischen Jugend zu großen Protesten geführt, da Kurras es war, der am 2. Juni 1967 die tödlichen Schüsse auf den Studenten Benno Ohnesorg abgegeben hatte. Viele Jugendliche meinten daher, in Handke ein Sprachrohr ihrer Gedanken und Gefühle zu sehen.

Zuhörer erleben zurückhaltenden Autor

Waren die Lesungen im Vorfeld bereits gut besucht, so platzte der VHS-Saal an der Louisenstraße am Abend des 17. März 1969 förmlich aus allen Nähten. Doch ganz anders als das vorherrschende Bild es vermittelt hatte, erlebten die Zuhörer einen eher scheu und zurückhaltenden Autor. Dieses Missverständnis verstärkte sich auf augenfällige Weise, als nach Abschluss der einstündigen Lesung Handke mit einer größeren Zahl jugendlicher Zuhörer in der Gaststätte „Zur Traube“ zusammenkam. Dicht aneinandergereiht umlagerten sie den jungen Autor und bedrängten ihn mit Fragen, die dieser aber nicht beantworten konnte und wohl auch nicht wollte. Handke lehnte es ab, zur Projektionsfläche einer kritischen Jugend zu werden.

Gegenpol zu alten Studienräten

Als ich Hans-Hermann Precht darauf anspreche, wer ihm denn die Tür zu dieser neuen Welt öffnete, nennt er neben Menschen aus seinem privaten Umfeld auch eine Reihe jüngerer Lehrer, die ab Mitte der 60er Jahre am Maxe unterrichteten und einen Gegenpol bildeten zur Riege der alten Studienräte. Mit Otto Balzer, Hans Meyerholz und vielen anderen setzte im Lehrerkollegium ein Generationenwechsel ein. Plötzlich wurde im Unterricht über Dinge gesprochen, die zuvor tabu waren: Notstandsgesetze, das Aufkommen rechter Bewegungen. Das Erscheinen der Schülerzeitung „Boing“ mit ihrem frechen Blick auf das schulische Geschehen war Ausdruck dieses Wandels.

Diskussionsfreude im Republikanischen Club

Hinzu kamen dann Einflüsse, die von außen in die Stadt hineingetragen wurden. Ganz wichtig war vor allem der Republikanische Club. Diese erstmals 1968 in Berlin entstandene Einrichtung bot allen politisch Interessierten ein Forum, in dem man sich offen und ungezwungen über verschiedenste politische Themen austauschen konnte.

Für diesen Zweck wurde an der Fischstraße für wenige Mark ein altes Ladenlokal gemietet. Hier kamen dann auch Kollegiaten des Oldenburg Kollegs hinzu. Diese waren zumeist schon älter, verfügten über eine Ausbildung und waren gefestigter in ihren politischen Ansichten. Innerhalb dieses Kreises wurde dann über die verschiedensten politischen Themen diskutiert: Wehrdienstverweigerung, die Unruhen in Berlin, die Ereignisse in Prag, Bildungsreformen, die Pariser Maiunruhen. Oft nutzten sie hierfür die Räume der „Engagierten Christen“ an der Moltkestraße.

Wolfgang Nieklasen wichtigster Wortführer

Auf Personen angesprochen, die wortführend waren, fallen Precht neben Christian Thom die von allen verehrte Waltraut Steimke ein, ebenso aber auch Klaus-Peter Zyweck, der „stalinistische Holzfäller“, ein Typ, der mit seiner lauten Stimme und Parolen jede Veranstaltung übertönen konnte. Dann Michael Munzel, der bis vor Kurzem noch als Pastor in der Gemeinde Zu den zwölf Aposteln aktiv war. Ebenso aber auch Holger Böning oder Gerhard Stöppelmann, der als Sprecher der Kollegiaten hervortrat.

Wichtigster Wortführer war aber ohne Zweifel Wolfgang Nieklasen, der im Wichernstift seinen Zivildienst ableistete und dessen Freundin, in Anlehnung an Beate Klarsfeld, auf einer Versammlung den CDU-Bundestagsabgeordneten Hermann Siemer ohrfeigte.


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