Kurze Geschichte der Langen Straße Die Delmenhorster Lebensader hat noch immer viel Charme

Von Dirk Hamm

Die Lange Straße war immer die Lebensader der Stadt: Blick auf das Kaufhaus Ribken (heute C&A) in den 50er Jahren. Foto: dk-ArchivDie Lange Straße war immer die Lebensader der Stadt: Blick auf das Kaufhaus Ribken (heute C&A) in den 50er Jahren. Foto: dk-Archiv

Delmenhorst. Die Geschichte der Langen Straße in Delmenhorst reicht viele Jahrhunderte zurück, immer war sie das Herzstück der Stadt. In den 1970er Jahren verdrängten die Fußgänger die Autos.

Eine ganze Woche lang herrschte im September 1975 Volksfeststimmung in der Delmenhorster Innenstadt. Der Anlass für die Feierlichkeiten war ein besonderer: Die zuvor von Fahrzeugen verstopfte City war nun endlich autofrei. Zwar sollte es noch zwei Jahre bis zur baulichen Vollendung der Fußgängerzone dauern, doch Lange Straße, ein Teil der Bahnhofstraße und zuletzt der Rathausplatz waren nun ganz in der Hand der Passanten. Jetzt, 43 Jahre später, bietet der Abschluss der Innenstadtsanierung erneut Anlass zum Feiern. Und zu einem Streifzug durch die Geschichte der Langen Straße, der zentralen Meile dieser Stadt.

Als Delmenhorst im Jahre 1371 das Stadtrecht verliehen bekam, muss die Lange Straße schon existiert haben. Darauf weist Gerhard Kaldewei in dem 2001 vom Stadtmuseum herausgegebenen Sammelband „Die Lange Straße in Delmenhorst: Biographie einer alten Straße“ hin. Die Burg und eben die Lange Straße, außerdem die Gartenstraße und bis zum verheerenden Brand von 1538 auch eine „Borchstrate“: Mehr hatte das kleine Städtchen vor der gräflichen Burg nicht zu bieten. Der lange Zeit nur als „de Strate“ oder „des Bleckes Strate“ bezeichnete Verkehrsweg war dessen Lebensader. Entlang dieser Straße befanden sich die meisten Häuser und über sie lief der Handelsverkehr der Flämischen und der Friesischen Straße.

1793 kam die erste Beleuchtung

Im 18. Jahrhundert erwies sich vor allem der Durchgangshandel mit Lüneburger Salz als gewinnbringend für die Stadt und ihre Fuhrleute. Über ein Pflaster verfügte die Lange Straße zwar schon, aber als Ärgernis erwiesen sich die zahlreichen Misthaufen, gegen die der Magistrat vergeblich anging. Im Jahr 1793 erhellten die ersten Laternen die Hauptstraße der Stadt in der Dunkelheit. Und der Ort an der Delme bot laut Stadtchronist Edgar Grundig im 19. Jahrhundert zunehmend ein gepflegteres Erscheinungsbild, an die Stelle der eher dörflichen, mit Strohdächern bedeckten Wohngebäude traten nach und nach „wenn schon schlichte, so doch schmucke Häuser“. Das ansehnlichste dieser Häuser war ab 1813 das so genannte Fitgerhaus, die wohlhabende Familie Fitger betrieb dort eine Posthalterei mit Hotel und Gastwirtschaft. Namentlich erinnert das Neue Fitgerhaus an gleicher Stelle an diese Zeit.

Rasanter Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts

Noch gestaltete sich das Leben in der kleinen Ackerbürgerstadt recht beschaulich – wie ein heftiger Sturm brach da ab den 1870er und 1880er Jahren die Industrialisierung über die Stadt herein. Und ließ die Bevölkerungszahl geradezu explodieren: Zwischen 1871 und 1914 stieg die Zahl der Einwohner von rund 4000 auf fast 25.000 an. Nun prägten die meist nördlich der 1867 eröffneten Bahnlinie Bremen-Oldenburg angesiedelten Fabriken die Wirtschaft in Delmenhorst. Aber auch die Lange Straße erfuhr einen Aufschwung als Hauptgeschäftsstraße, sie wuchs im Westen zur Mühlenstraße und am anderen Ende zur Bremer Straße hin, die Pflasterung wurde 1891 erneuert.

Der Charakter der Langen Straße samt Marktplatz als Herzstück einer expandierenden Stadt wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch unterstrichen, als auf dem angrenzenden Areal bis 1920 schrittweise eine moderne Rathausanlage inklusive Wasserturm, Feuerwehrhaus und Markthalle errichtet wurde.

Das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte hinterließ auch an der Langen Straße Spuren. Zahlreiche jüdische Bürger hatten mit ihren Familien hier ihren Lebensmittelpunkt, sei es als Arzt, Viehhändler oder Handlungsgehilfe. Ein erbärmliches Spektakel machte den 12. August 1935 zu einem Tag der Schande: Der Möbelhändler Siegmund Fink wurde aus seiner Wohnung gezerrt und, begleitet von einer großen Menschenmenge, in menschenverachtender Weise mit einer Trommel um den Hals mit der Aufschrift: „Ich habe ein deutsches Mädchen geschändet“ durch die Innenstadt geführt. Fink kam, wie viele andere Delmenhorster jüdischen Glaubens, nach der Deportation im Minsker Ghetto um. „Stolpersteine“ im Straßenpflaster erinnern an das Schicksal dieser verfolgten Mitbürger. Im Zweiten Weltkrieg richteten alliierte Bombentreffer auch an der Langen Straße Schäden an. So zerstörte im Juli 1942 eine Brandbombe das Geschäftshaus des Juweliers Wieting fast vollständig.

Alte Gebäudesubstanz wurde ersetzt

Hunger, Wohnungsnot, massenhafter Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen prägten die ersten Nachkriegsjahre in Delmenhorst. Doch der wie ein Wunder erscheinende Wirtschaftsaufschwung ab den 50er Jahren in der Bundesrepublik erfasste auch die Delmenhorster Innenstadt: Alte Gebäudesubstanz wurde durch neue Bauten ersetzt, Geschäfte wurden modernisiert, alteingesessene Handwerksbetriebe verschwanden und Wohnungen wurden in Büros und Praxen umgewandelt. Zugleich erwuchs aus dem immer stärker ansteigenden Verkehrsaufkommen eine zunehmende Belastung.

Bisweilen nur sehr langsam ging es – wie hier 1970 – für die Verkehrsteilnehmer auf der Langen Straße voran. Archivfoto: H. Weizsäcker

Das sollte sich zu Beginn der 70er Jahre tiefgreifend ändern: Die Fußgänger „eroberten“ sich die Straße. Erste Überlegungen, die Geschäftsstraße „rein fußläufig“ zu machen, wurden schon 1960 angestellt. Um die Attraktivität der Innenstadt als Einkaufszentrum zu steigern, beschloss die Stadt dann 1971, die Lange Straße in eine Fußgängerzone umzuwandeln. Nicht weniger einschneidend sollten einige weitere städtebauliche Entscheidungen sein: Bis 1974 entstanden am westlichen Ende der Langen Straße das City-Center, der Kaufpark und das jetzt im Neubau befindliche Parkhaus. Und auch der Rathausvorplatz wurde umgestaltet, anstelle des 1963 abgebrochenen alten Fitgerhauses dominierten bis zum Anbruch des neuen Jahrtausends die eigenwilligen Spitzdach-Bauten des 1973 eröffneten Delmezentrums das Erscheinungsbild.

Erstaunlich viel Charme erhalten

Vieles hat sich also verändert im Laufe der Jahrzehnte, ja der Jahrhunderte im Herzen der Delmestadt. Wer einmal bei einem Bummel über die Lange Straße aufmerksam die Blicke über die Häuserfassaden wandern lässt, entdeckt noch erstaunlich viele Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit - sei es die markante Vorderfront des dk-Verlagsgebäudes oder der spätmittelalterlich anmutende Treppengiebel der ehemaligen Einhorn- und jetzigen Pluspunkt-Apotheke, beide aus der Gründerzeit des späten 19. Jahrhunderts. So hat sich die Lange Straße erstaunlich viel ihres früheren Charmes erhalten.