Das Jahr 1968 in Delmenhorst Als Kellner Willi zur Legende wurde

Von Sönke Ehmen

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Delmenhorst. Wo hingen junge Menschen vor 50 Jahren in Delmenhorst ab? Zeitzeuge Hans-Hermann Precht erinnert sich an die angesagten Treffpunkte.

Delmenhorst und das Jahr 1968 – weil ich hierüber mehr erfahren möchte, habe ich mich mit Hans-Hermann Precht, dem früheren Leiter des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur, verabredet. Precht, Jahrgang 1949, wuchs im Delmenhorster Stadtnorden auf und erlebte als Maxe-Schüler die Umbrüche jener Jahre ganz bewusst. Anfangs als Beobachter, später als Begleiter und schließlich auch als Akteur.

Alles schien in Bewegung

Ab Mitte der 60er Jahre strömten von allen Seiten neue Einflüsse auf die Menschen ein. Alles schien in Bewegung geraten zu sein. „Wer darum verstehen möchte, was während dieser Zeit geschah, der darf seinen Blick nicht allein auf politische Fragen begrenzen. Ebenso muss er die Orte und Plätze kennen, an denen sich die Jugendlichen aufgehalten haben und miteinander ins Gespräch kamen“, beschreibt es Precht. Ganz wichtig waren da vor allem die vielen Kneipen und auch Diskotheken, die das Stadtbild damals prägten.

„Mutter Schmitz“ Wirtin im Pop Club

So gab es zum Beispiel im Gebäude der Grafthalle den Pop Club mit „Mutter Schmitz“ als Wirtin, unterstützt von ihrem Sohn, der etliche Jahre dort die Platten auflegte. „Und es gab daneben einen Kellner“, erinnert sich Precht, „der in unserer Generation zur Legende wurde, Willi nannten wir ihn. Ein richtig bärbeißiger, korpulenter, doch im Grunde genommen gutmütiger Kerl, der dort für Ordnung sorgte. Und immer mit der Aufforderung kam: ‚Willst nichts trinken? Dann geh raus!‘ Bei 50 Pfennig, heimlich in die Hand gesteckt, grinste er jedoch und ließ uns bleiben.“

Günstige Currywurst in der „Schmiede“

Ein weiterer wichtiger Treffpunkt war der eher verruchte Chico-Club an der Cramerstraße, „zu dem“, so Precht mit lachender Stimme, „anständige Jungs und vor allem Mädchen nicht gehen sollten“. Und dann gab es noch die vielen Kneipen, die ebenfalls als Treffpunkt wichtig waren. „Bei Jupp und Kuddi“, ebenfalls an der Cramerstraße und nur wenige Schritte weiter, konnte man in der „Schmiede“ immer günstig etwas essen – Currywurst, Pommes oder Schaschlik.

Ruhiger Ort für politische Gespräche

Gegenüber der Cramerstraße gab es dann noch die Stadtschänke und nur ein paar Ecken weiter das Jever-Fass, ebenfalls beliebte Anlaufpunkt. Dann natürlich das La Palma, wo sich teilweise ganz Nordwestdeutschland einfand. Treffpunkt der ersten Delmenhorster Drogenszene war das sogenannte Blubber an der Wittekindstraße. Und suchte man einmal einen ruhigen Ort, um vielleicht politische Gespräche zu führen, boten die oberen Gasträume des Hotels Awe an der Cramerstraße hierzu Gelegenheit.

Im Stehcafé die Köpfe zusammengesteckt

„Ganz wichtig waren aber auch die Stehcafés“, ergänzt Precht. „Mittags, nach der Schule, kam man bei Eduscho am Markt zusammen oder bei Tchibo in der Bahnhofstraße. Für 20 Pfennig konnte man sich dort preisgünstig einen Kaffee kaufen und diesen über lange Zeit genießen, ohne zur Nachbestellung aufgefordert zu werden. Mit rauchender Zigarette in der Hand steckte man dann die Köpfe zusammen und diskutierte über die Ereignisse des Vormittags oder schaute einfach den vorbeigehenden Passanten zu. Befanden sich unter diesen einmal Lehrer, konnten sie sich eines Kommentars – mal lauter, mal leiser – sicher sein.“

Beliebter Treffpunkt nach Schulschluss

Und dann gab es noch mitten im Stadtzentrum den berühmten Treffpunkt „rot-weiß“. Nach dem Abriss des Fitgerhauses bot sich die unbebaute Freifläche den Jugendlichen als idealer Treffpunkt an. Wegen der rot-weißen Begrenzungsstangen sprach man bald nur noch von „rot-weiß“. Nach Schulschluss kamen dort zahllose Jugendliche zusammen, die bis in den Abend hinein blieben oder „herumgammelten“, wie es vonseiten der Älteren hieß.


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