Erinnerungen eines Nazi-Gegners Eindrucksvolles Zeitzeugnis für Schüler aufbereitet

Von Dirk Hamm

Sie wollen die junge Generation mithilfe von Wilhelm Schroers’ Lebenserinnerungen für die Gefährdungen der Demokratie sensibilisieren: (v. l.) Gerd Schütte, Angelika van Ohlen, Johannes Mitternacht, Hans-Joachim Olczyk, Heiko Honisch, Hero Mennebäck, Ruth Steffens und Martin Westphal. Foto: Dirk HammSie wollen die junge Generation mithilfe von Wilhelm Schroers’ Lebenserinnerungen für die Gefährdungen der Demokratie sensibilisieren: (v. l.) Gerd Schütte, Angelika van Ohlen, Johannes Mitternacht, Hans-Joachim Olczyk, Heiko Honisch, Hero Mennebäck, Ruth Steffens und Martin Westphal. Foto: Dirk Hamm

Delmenhorst. Die handschriftlichen Erinnerungen des Delmenhorster Nazi-Gegners und VHS-Gründers Wilhelm Schroers sind ein wichtiges Zeitzeugnis. In Buchform herausgegeben, sind sie jetzt Schulen zur Verfügung gestellt worden.

Er ist seit 37 Jahren tot, doch sein gesellschaftspolitisches Wirken bis ins hohe Alter ist aktueller denn je: Der in der Arbeiterbewegung aktive Delmenhorster Wilhelm Schroers hat sich auch in Zeiten der nationalsozialistischen Verfolgung nicht brechen lassen und nach dem Krieg unermüdlich für Frieden, Demokratie und Gerechtigkeit eingesetzt. In den 50er Jahren hat der damalige Leiter des Kulturamts der Stadt, der insgesamt mehr als zwei Jahre in Gestapohaft, in Gefängnis, Zuchthaus und Lagern verbringen musste, seine Erinnerungen handschriftlich niedergelegt.

Zehn Exemplare für jede Schule

Als ein besonders eindrucksvolles Zeitzeugnis ist das Manuskript jetzt mithilfe der finanziellen Unterstützung durch den Verein zur Förderung der kommunalen Kriminalprävention in Delmenhorst in Buchform herausgebracht worden. Jeweils zehn Bücher hat der Verein für den Unterricht in den weiterführenden Schulen in der Stadt zur Verfügung gestellt. Weitere Exemplare des Buchs „Wilhelm Schroers – Lebenserinnerungen – Widerstand und Wiederaufbau in Delmenhorst“ gingen an die Stadtbücherei, das Stadtarchiv und die Volkshochschule (VHS), deren Gründervater Schroers in Delmenhorst war.

Erinnerungen kurz vor Tod überreicht

Heiko Honisch hat Wilhelm Schroers noch persönlich gekannt, wenige Wochen vor seinem Tod hat Schroers ihm seine Lebenserinnerungen überreicht. „Er war ein Mensch der direkten Ansprache, er hat seine Meinung gesagt. Nicht jeder ist damit klargekommen“, sagt der Grafiker und Journalist, der das Buch zusammen mit dem Unternehmensberater Hans-Joachim Olczyk herausgebracht hat. Bisher waren die Versuche, das von Schroers hinterlassene Manuskript zu veröffentlichen, erfolglos – teils sei es am mangelnden Interesse, teils am Geld gescheitert, so Honisch.

Zum richtigen Zeitpunkt veröffentlicht

Das Engagement des Fördervereins des Kommunalen Präventionsrats (KPR) hat nun die finanzielle Hürde beseitigt. Und Honisch ist überzeugt, dass der Veröffentlichungszeitpunkt angesichts des Aufschwungs rechtspopulistischer Positionen jetzt „100-prozentig in diese Zeit passt“. Gerd Schütte, Vorsitzender des KPR-Fördervereins, zeigte sich bei der Vorstellung des Buchprojekts am Donnerstag im Rathaus beeindruckt vom unerschütterlichen Einsatz Schroers’ für die Werte der Demokratie. „Wir waren uns einig, dass solch ein Projekt unterstützt werden muss“, sagte Schütte.

Manuskript wissenschaftlich überprüft

Honisch betonte, dass das mit Zeitzeugenerinnerungen oft verbundene Risiko der Ungenauigkeit im Falle des Schroers-Manuskripts nicht gegeben sei: „Wir können die Erinnerungen mit ruhigem Gewissen an die Schulen geben, weil sie bereits in den 50er Jahren verfasst wurden. Sie sind von Studenten der Universität Oldenburg mehrfach für wissenschaftliche Arbeiten herangezogen und überprüft worden.“

Lesungen mit Johannes Mitternacht geplant

Der KPR beabsichtigt nach eigenen Angaben, das Buch über die Verwendung in den Schulen hinaus als Kern eines „gesamtgesellschaftlichen Projekts“ einzusetzen. Dazu gehörten sowohl eine kleine Ausstellung als auch Lesungen mit dem Schauspieler und Rezitator Johannes Mitternacht, etwa bei der nächsten Nacht der Jugend.

Die Lebenserinnerungen Wilhelm Schroers‘ sind ab sofort für zehn Euro in der Buchhandlung Förster in Ganderkesee und im Shop der dwfg im Delmenhorster Rathaus erhältlich.


Wilhelm Schroers wurde 1900 in Bremen geboren. Als einfacher Arbeiter in der Delmenhorster Industrie schloss er sich bereits als Jugendlicher der Gewerkschaftsbewegung an. In der Weimarer Republik war der entschiedene Antimilitarist bei den Anarcho-Syndikalisten aktiv. 1933 gerieten er und seine Ehefrau Martha schnell ins Fadenkreuz der Gestapo, während des Nationalsozialismus war Schroers immer wieder schlimmsten Schikanen ausgesetzt. Als Leiter des Kulturamts der Stadt von 1946 bis zur Pensionierung 1965 prägte er den kulturellen Wiederaufbau. Jetzt in der SPD aktiv, stellte er sich bis zu seinem Tod 1981 konsequent gegen Wiederaufrüstung, Vietnamkrieg und Berufsverbote.