Protest nach Dutschke-Attentat Lob für Besonnenheit der Demonstranten in Delmenhorst

Von Paul Wilhelm Glöckner

„Stiller Protest gegen Schüsse und Gewalt“ – so lautete am 16. April 1968 die Schlagzeile im dk, nachdem Studenten und Gymnasiasten mit Plakaten und Flugblättern gegen das Dutschke-Attentat demonstriert hatten. Sie bildeten auf dem Rathausplatz eine sogenannte Picketing-Line. Foto: dk-Archiv/Horst Schilling„Stiller Protest gegen Schüsse und Gewalt“ – so lautete am 16. April 1968 die Schlagzeile im dk, nachdem Studenten und Gymnasiasten mit Plakaten und Flugblättern gegen das Dutschke-Attentat demonstriert hatten. Sie bildeten auf dem Rathausplatz eine sogenannte Picketing-Line. Foto: dk-Archiv/Horst Schilling

Delmenhorst. Das Attentat auf Rudi Dutschke vor 50 Jahren ist einer der Kulminationspunkte des unruhigen Jahres 1968 gewesen. Auch in Delmenhorst löste es eine Protestreaktion aus.

Das Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April 1968 in Berlin, bei dem dieser lebensgefährlich verletzt wurde, löste unmittelbar danach eine große Protestwelle in der gesamten Bundesrepublik aus. Tausende von Schülern, Studenten und empörten Bürgern machten ihrem Unmut mit auch teilweise gewaltsamen Aktionen – „Schwere Straßenschlacht in Frankfurt“ vermeldete das dk am 16. April – Luft, wobei besonders die Gebäude der Springer-Presse in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Stiller Protest in der Innenstadt

Zwei Tage später zogen auch in Delmenhorst etwa zwei Dutzend Protestierer mit Plakaten und Flugblättern durch die Innenstadt. Aber mit ihrem „Stillen Protest gegen Schüsse und Gewalt“ (dk vom 16. April 1968) gaben diese, wie es im dk hieß, „ein Musterbeispiel von Besonnenheit und Vernunft“ ab.

Demonstrationsform aus USA importiert

„Schüsse sind keine Argumente“ und „Nur ein toter Student ist ein guter Student“ oder „Benno Ohnesorg, Martin Luther King, Dutschke“ konnten die Passanten lesen. Um mehr Aufsehen zu erregen, verwandten die Protestler eine lang auseinandergezogene sogenannte Picketing-Line, eine Demonstrationsform aus den Vereinigten Staaten.

Kritik an den Medien

Im Einzelnen forderte man mittels der Flugblätter auch dazu auf, eigene Standpunkte im Hinblick auf die von Dutschke an der deutschen Politik geäußerte Kritik einzunehmen. Durch zahlreiche falsche Darstellungen in den Medien sei es zu einer Radikalisierung gekommen, die jetzt zum Mordanschlag geführt hätten. Aber auch brennende Verlagshäuser könnten die entstandene Kluft innerhalb der Bevölkerung nur vertiefen, hieß es weiter.

Geschäftigkeit in der City nicht behindert

Dem Umstand, dass viele Passanten die Flugblätter nachdenklich studiert hätten und dass durch diese Aktion in keiner Weise der Einkauf im Geschäftszentrum und auf dem Wochenmarkt behindert worden sei, zollte der Berichterstatter auch noch hohes Lob.


Schwer verletzt überlebte Rudi Dutschke die Schüsse, die der Hilfsarbeiter Josef Bachmann an Gründonnerstag, 11. April 1968, in West-Berlin auf ihn abgefeuert hatte. Den Spätfolgen des Attentats sollte Dutschke an Heiligabend 1979 erliegen. Er wurde nur 39 Jahre alt. In den späten 60er Jahren avancierte der marxistische Soziologe als ein führender Kopf des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) zu einem der Wortführer der westdeutschen Studentenbewegung. Sein öffentliches Auftreten polarisierte stark, Dutschke schlug von konservativer Seite heftige Ablehnung entgegen.