Von wegen Recycling Delmenhorst lässt gelbe Säcke in den Müll wandern

Von Michael Korn

Die Delmenhorster sammeln und trennen emsig – doch längst nicht alles aus dem gelben Sack wird recycelt. Symbolfoto: Gert WestdörpDie Delmenhorster sammeln und trennen emsig – doch längst nicht alles aus dem gelben Sack wird recycelt. Symbolfoto: Gert Westdörp

Delmenhorst. An den Delmenhorster Containerstationen werden gelbe Säcke mit Wertstoffen in den Restmüll geworfen. Die städtische Abfallfirma ADG verteidigt das Vorgehen.

Bei der Mülltrennung wirft die Stadt für sich mitunter strenge Regeln über Bord, die sie andererseits den Haushalten bei Androhung von Bußgeld abverlangt: dk-Recherchen haben ergeben, dass an den Containerstationen abgegebene gelbe Säcke mit Recyclingmaterial nicht etwa der Wiederverwertung zugeführt, sondern dort einfach in den Restmüll geworfen werden. Auf Nachfrage bestätigte die städtische Abfallwirtschaft Delmenhorst GmbH dieses Vorgehen. Für die Containerstationen gebe es keinen Vertrag mit dem deutschlandweit agierenden Verpackungsentsorger Duales System (DSD) hieß es. Daher würden die vereinzelt von Bürgern angelieferten gelben Säcke wie nicht verwertbarer Restmüll behandelt.

Oftmals Restabfall im Sack

Darüber hinaus landet von Bürgern penibel gesammelter und getrennter Verpackungsabfall ohnehin zu einem beträchtlichen Teil nicht in Wiederaufbereitungsanlagen zur Herstellung von Rohren, Gartenmöbeln oder Industrierohstoffen. Einerseits landen Verkaufsverpackungen über Sortieranlagen direkt in der Müllverbrennung, andererseits verhindert eine falsche Befüllung der Bürger eine sinnvolle Verwertung. Der Stadt sind Eingriffs- und Steuerungsmöglichkeiten über die Gelbe-Sack-Sammlung in ihrem Gebiet weitestgehend entzogen — sie kennt nach ihren Darstellungen nicht einmal genaue Verwertungs- und Restmüllquoten der von den Delmenhorstern akribisch Woche für Woche zusammengetragenen Verkaufsverpackungen.

Keine regionalen Zahlen

Auf dk-Anfrage räumt das Rathaus ein: „Leider werden regionale Bilanzen aus der Sortierung der Verpackungsabfälle über die gemeinsame Stelle Dualer Systeme Deutschland GmbH nicht veröffentlicht und die beauftragten Firmen stellen diese Daten nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Somit können Aussagen über die einzelnen Verpackungsanteile und der Anteil Fehlwürfe nur sehr begrenzt getätigt werden.“ Gemäß dem Fachdienst Umwelt vorliegenden Daten von nur einer der mit Delmenhorster Material belieferten Sortieranlage liege der Störstoffanteil der letzten Jahre „zwischen 6 und 20 Prozent, aktuell 2017 bei 6,3 Prozent gegenüber 2016 bei 20,1 Prozent“. Die Verwaltung schränkt indes ein, dass „diese Zahl nicht repräsentativ ist, da sie immer nur einen Teil der in Delmenhorst erfassten LVP-Menge beinhaltet und örtlich natürlich auch nicht zuzuordnen ist“. Die Sortierung werde seitens der Dualen System Deutschland als Leistung vergeben, in Delmenhorst gebe es keine LVP-Sortieranlage.

29 Kilo Verpackungsmüll je Bürger

Immerhin ist die Stadt in der Lage, das Gesamtaufkommen der über den Gelben Sack gesammelten Verpackungsreste zu benennen: Die Gesamtmenge habe sich seit 2005 „auf ein Level von um die 2.200 Tonnen eingespielt.“ Seitdem seien keine signifikanten Unterschiede mehr feststellbar. Dies bestätige sich auch 2017 mit 2.220 Tonnen, was einem jährlichen Pro-Kopf-Aufkommen von 29 Kilo entspreche. Damit liegt Delmenhorst im deutschlandweiten Trend – hier sind es 30 Kilo je Einwohner im Jahr. Allgemein gilt zudem: Die Hälfte wird verbrannt, etwa ein Drittel ist nicht verwertbarer Restmüll.

Müllgebühren unberührt

Über Lizenzgebühren als Aufschlag auf die Verpackungen zahlt der Verbraucher die Zeche für das Gelbe-Sack-System. Die Stadt Delmenhorst stellt dazu klar: „Die Sammlung, Sortierung und Verwertung der Verpackungsabfälle über den „Gelben Sack“ ist ein privatwirtschaftliches System, deren Kosten über die von Herstellern und Abfüllern abzuführende Lizenzgebühr – ehemals Grüner Punkt – finanziert wird. Der städtische Haushalt, also die Abfallgebühren, werden damit nicht belastet.“


Der Gelbe Sack gilt als fummelig, leicht reißbar und kann vor allem in den Sommermonaten ein hygienisches Problem darstellen. Zudem sind die Beutel bei der Straßensammlung oftmals Spielball starker Windböen, fliegen umher, reißen auf und verschmutzen ganze Straßenabschnitte. Zu diesem Problem gibt es jetzt einen Vorstoß der Stadt Aachen: Sie nimmt die gelben Müllsäcke an den Haken. Damit gelbe Säcke mit Plastikmüll nicht auf die Straße geweht und überfahren werden, probiert die Stadt eine neue Befestigung aus. An Straßenlaternen werden Schellen mit jeweils drei Haken befestigt, an denen die Anwohner die gelben Säcke aufhängen können, pro Haken drei Stück, wie eine Sprecherin der Stadt mitteilte. Das Testgebiet umfasse 4000 Anwohner. Der Test, ob die Vorrichtung von den Anwohnern angenommen wird und den „Flugmüll“ reduziert, soll bis Juli dauern. Es gab nach Angaben der Sprecherin schon positive Signale - zumindest was die Anwohner betrifft: Noch vor dem offiziellen Start hingen nach der Montage der ersten Befestigungen schon volle Säcke an den Haken. Abgeguckt haben sich die Aachener die Idee von ihren niederländischen Nachbarn. Nach ihrer Kenntnis ist Aachen die erste deutsche Stadt, die das System nutzt, um den „Flugmüll“ zu reduzieren. mik/mit dpa