Volksabstimmung vor 80 Jahren Propaganda-Wirbel zum „Anschluss“ auch in Delmenhorst

Von Paul Wilhelm Glöckner


Delmenhorst. Den Anschluss Österreichs im März 1938 wollte Hitler mit einer Volksabstimmung legalisieren. Für das gewünschte überwältigende Ergebnis haben die Nazis auch in Delmenhorst mit umfassender Propaganda geworben.

„Massenkundgebungen in Delmenhorst und Ganderkesee“, das war die Schlagzeile der Ausgabe Delmenhorst der parteiamtlichen Oldenburgischen Staatszeitung vom 8. April, mit der über Auftritte von Nazi-Größen im Schützenhof und Fitgerhaus berichtet wurde. Es ging bei diesen Veranstaltungen danach um „das bevorstehende gewaltige Treuegelöbnis unseres Volkes zu seinem Führer“ zwei Tage später. Hitler hatte die Volksabstimmung gleichzeitig mit der Neuwahl des Reichstages verbunden, wobei natürlich nur „die Liste des Führers“ gemeint war. Andere Parteien waren ja längst verboten worden.

Verkehr ruhte für zwei Minuten

Geworben wurde auch für den am folgenden Tag angesetzten „Tag des Großdeutschen Reiches“. Und das mit vollem Erfolg: Um zwölf Uhr erfolgte die Beflaggung der Häuser, eine Verkehrsstille von zwei Minuten trat ein und sämtliche Sirenen im Stadtgebiet heulten auf. In den Betrieben versammelten sich die Beschäftigten zu einem Appell, über der Stadt kreisten Flugzeuge des Delmenhorster Fliegerhorstes.

Platzkonzerte vor dem Rathaus

Laut wurde es dann auch wieder ab 15 Uhr, als die Hitler-Jugend mit ihrem Musikzug durch die Innenstadt zog. Eine Stunde später marschierten Soldaten des Infanterieregiments 65 durch die Stadt und vor dem Bahnhof und vor dem Rathaus gab es Platzkonzerte. Derart aufgeputscht zog es die Delmenhorster Einwohner massenhaft am Abend in das Stadtzentrum. Die Fenster waren mit Kerzen und Lämpchen illuminiert. Gemeinsam wurde im Schützenhof die vom Radio und mit Lautsprechern übertragene Führerrede angehört.

Fackelzug und Zapfenstreich

Danach erfolgte von der Cramerstraße aus ein großer Fackelzug zum Platz vor dem Rathaus. Dort angekommen, entzündete die Feuerwehr ein großes Feuer, zu dem die 22 Züge des Jungvolkes das Holz herbeigeschafft hatten. Kreisleiter Gustav Sturm nahm den Vorbeimarsch ab, dessen Teilnehmer ihre Fackeln in das Feuer warfen. Ein Zapfenstreich des Musikkorps der Fliegerhorstkommandantur beendete das Spektakel.

402 Delmenhorster stimmten mit Nein

Wie eine derartig umfassende und sicherlich auch einschüchternde Propaganda wirkt, zeigt das Ergebnis der Abstimmung, wenn natürlich auch mancher Wähler für die Eingliederung der nunmehrigen „Ostmark“ aus historischen Gründen gewesen ist. In Delmenhorst waren 21.742 Einwohner stimmberechtigt, 21.719 nahmen an der Wahl teil. 21.280 Jastimmen standen 402 Neinstimmen gegenüber. 37 Voten waren ungültig. Die in Delmenhorst wahlberechtigten 18 Österreicher haben alle für den Anschluss gestimmt. So konnte das Delmenhorster Kreisblatt am 11. April ein „überwältigendes deutsches Bekenntnis“ konstatieren und ein „Delmenhorster Bekenntnis“ offenbaren, obwohl doch in Delmenhorst „nur“ 98 Prozent jastimmen statt 99,1 Prozent im Reichsdurchschnitt gezählt worden sind.

Die 23 Wahlberechtigten, die nicht an die Urne gingen, sind namentlich festgehalten worden, wie eine Akte im Stadtarchiv ausweist. Unter ihnen war Elfriede Gollsch, die als Zeugin Jehovas später in ein KZ verbracht wurde.