Joggen in Delmenhorst Lauft! Und schnauft! – Ein Plädoyer gegen Firlefanz

Von Kai Hasse

dk-Redakteur Kai Hasse joggt seit etwa 15 Jahren – sporadisch. Er hat den Pace einer zackigen Oma und findet das voll in Ordnung. Foto: Frederik Grabbedk-Redakteur Kai Hasse joggt seit etwa 15 Jahren – sporadisch. Er hat den Pace einer zackigen Oma und findet das voll in Ordnung. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Der Beginn zum Laufen ist oft überladen mit unrealistischen Ratschlägen: Pulsmesser, Pace-Rechner, Presswurst-Hose – ein Panoptikum der überzogenen Ansprüche und bremsenden Eitelkeiten. Der Autor ist dagegen. Ein alternativer, meinungstriefender Ratgeber.

Sie wollen sich mehr bewegen? Prima. Also gehen wir es an. Aber erst vergessen Sie alles, was Sie bisher über den Start ins Leben eines Joggers gelesen haben. Den richtigen Trainingsplan, die richtige Gesellschaft, die richtige Kleidung, die richtige Einstellung. Das alles vergessen Sie. Das ist Unsinn. Wir machen das anders.

Augenscheinlich rekrutieren sich Sportmagazine ausschließlich aus schlanken Fitness-Helden des Alltags, mit gesund aussehenden Adern an den Unterarmen, strahlendem weißen Gebiss, die frisch, fromm, fröhlich, frei, mit effizienter Macher-Attitüde, das Glück ihrer umwerfenden Persönlichkeit abstrahlend, morgens an ihrem E-Auto und dem manikürten Vorgarten vorbei auf die Piste treten, „Morgenstund hat Gold im Mund“ flöten und losschweben wie Usain Bolt. Solche Journalisten soll es geben. Und die wissen in den scheinbar wenigsten Fällen, für wen sie eigentlich schreiben: Verknibbelte, schwabbelige Pummelchen, die zu viel sitzen, zu oft eine Ausrede finden, keinen Bock auf Sonnenaufgang und keine Ahnung von „Runner‘s High“ haben – und auch weder das eine noch das andere je kennenlernen werden. Aber Leute, die zumindest die Chance haben auf ein kleines bisschen Glück – wenn sie sich ein wenig mehr bewegen würden. Leute wie Sie und ich.

Unser kleiner Beginn im Elend

Wir gucken uns also nicht an, was das Ideal ist, um eine Art Fahrplan dorthin zu erarbeiten. Wir nehmen den elendiglichen Ist-Zustand. Also Sie. Von da aus fangen wir mal an.

Der Ratgeber wird Ihnen sagen: Fang langsam an, so langsam, dass Du Dich noch unterhalten kannst beim Laufen. „Laufen ohne schnaufen“ solle man. Ein niedlicher Rat. Was der Ratgeber nicht weiß, weil es in seinem lichterfüllten Leben nicht vorstellbar ist: Sie schnaufen schon auf dem Weg vom Sofa zum Kühlschrank. Deshalb wollen Sie ja anfangen mit etwas Bewegung. Wir machen das anders. Schnaufen Sie! Keuchen und hecheln und husten und prusten Sie wie eine alte Lok. Schreien Sie der Läufer-Lobby, dem Fett, der Gravitation und der verdammten Welt ihre Frustration entgegen, bei jedem Schritt. Raus damit. Solange Sie nur einen Fuß vor den anderen kriegen.

Der Ratgeber wird sagen: Suchen Sie sich ein paar Freunde zum Laufen, damit Sie sich einander ermutigen können. Und sich unterhalten können über das Vogelgezwitscher, die neue Crêpe-Pfanne oder den Sonnenaufgang. Das lassen wir auch, das mit den Freunden. Die würden ja alles mitkriegen: die Pölsterchen, die hoch- und runterwabbeln, den Sabber am Mundwinkel, den Pups, der beim Laufen raus muss. Wir laufen allein. Und es ist auch nicht schlimm, wenn das Laufen im Halbdunkel oder im Dunklen stattfindet. Damit man den Weg sieht, und der schwatzhafte Herr Müller aus dem Nachbarbüro nicht zufällig Ihr Gesicht erkennt, setzen Sie Sich eine Stirnleuchte auf.

Atmen ist keine Kernphysik

Der Ratgeber wird sagen, sie sollen durch die Nase bei zwei Schritten einatmen und bei den nächsten drei Schritten aus dem Mund ausatmen. Oder so. Vielleicht auch zwei Schritt-vier Schritt-Rhythmus? Rein durch den Mund, raus aus der Nase? Verwirrend. Das lassen wir auch. Wir machen hier keine Kernphysik. Wir atmen. Der Körper weiß, wie das geht.

Der Ratgeber wird sagen, Sie sollen sich freuen auf das „Runner’s High“ – so eine Art Läufer-Nirvana. Erneut: Niedlich. Das schlagen Sie sich aus dem Kopf. Wir haben etwas besseres als das „Runner‘s High“. Wir haben die Aussicht, sehr bald nicht mehr auf dem Weg zum Kühlschrank zu schnaufen – oder auf dem Weg die Treppe hoch. Oder nicht mehr Rückenschmerzen zu haben. Oder eine bessere Verdauung zu haben. Für all das muss man nicht Jahre trainieren, wie für ein Runner‘s High. Dafür reichen wenige Wochen.

Es gilt eine Regel: Machen

Und wir brauchen auch keinen Pulsmesser, keinen Pace-Rechner, keinen Trinkfläschchengürtel, keine Funktionskleidung und keine Presswurst-Hosen. Wir nehmen ein Paar ordentliche Laufschuhe (die ihre Cousine im Laden kauft, weil es Ihnen peinlich ist, selbst reinzugehen und angeguckt zu werden – und das ist vollkommen okay). Der Rest ist egal.

Für das Laufen selbst gilt eine einzige Regel: Machen. Und wenn es für eine Viertelstunde ist. Wenn Dreijährige Sie überholen – egal. Die spazierende Oma – egal. Das „Laufen“ ist eher so eine Art Gehen mit Lauf-Gestus? Egal. Man hat eh nur einmal die Woche Zeit? Egal. Laufen. Keine Ausrede. Jeder Meter zählt. So hässlich und ulkig es auch aussieht. Jeder Meter ist ein Erfolg.