Betriebliches Gesundheitsmanagement „Zu Fuß ins Nachbarbüro statt E-Mail schreiben“

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Die Bremer Psychologin Dr. Jelena Becker verrät im dk-Interview, worauf es beim betrieblichen Gesundheitsmanagement ankommt. Foto: Fotostudio PenzDie Bremer Psychologin Dr. Jelena Becker verrät im dk-Interview, worauf es beim betrieblichen Gesundheitsmanagement ankommt. Foto: Fotostudio Penz

Delmenhorst. Konzepte für die Gesundheitsförderung der Mitarbeiter finden zunehmend Verbreitung in Unternehmen. Was das betriebliche Gesundheitsmanagement konkret bringt, erläutert die Bremer Psychologin und Beraterin Dr. Jelena Becker im dk-Interview.

dk: Frau Dr. Becker, betriebliches Gesundheitsmanagement, das ist ein etwas sperriger Begriff. Was verbirgt sich konkret dahinter?

Dr. Jelena Becker: Das ist von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Es kommt ganz wesentlich darauf an, was das jeweilige Unternehmen wirklich braucht. Wichtig ist, nicht gleich mit irgendwelchen Maßnahmen anzufangen, weil jemand davon gehört hat. Zunächst einmal geht es darum, zu analysieren: Wie sehen die Belastungen, die Beanspruchungen und die spezifischen Rahmenbedingungen in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen aus? In der Verwaltung sehen diese anders aus als in der Kindertagesstätte oder einer Produktionshalle.

Wie kann dabei der Belegschaft vermittelt werden, dass es nicht bloß um eine Alibiveranstaltung geht, die sich die Führungsetage ausgedacht hat?

Es ist hilfreich, wenn die Arbeitnehmer in die gründliche Analyse zum Einstieg mit einbezogen werden. Das kann beispielsweise in Form von Workshops geschehen, durch Befragungen oder eine Kombination aus beidem. So kann man vermeiden, dass die Mitarbeiter das Gefühl bekommen, das betriebliche Gesundheitsmanagement habe gar nichts mit ihrer Arbeitswirklichkeit zu tun.

Was sind dann die konkreten Maßnahmen, um die Gesundheit der Mitarbeiter zu fördern?

Da gibt es, aufbauend auf der Analyse, zwei grundlegende Ansatzpunkte. Der eine ist die Verhältnisprävention, der andere die Verhaltensprävention. Die Verhältnisprävention dreht sich um die Arbeitsbedingungen. Die Frage lautet hier etwa, wie ist es um die Ergonomie des Arbeitsplatzes bestellt? Wie sieht die Arbeitsumgebung aus, wie sind die Arbeitszeiten? Das ist der Bereich, der bisweilen übersehen wird, wenn ein Gesundheitsmanagement eingeführt werden soll.

Können Sie die Verhältnisprävention an einem Beispiel erläutern?

In einer Firma sind die Wirbelsäulen der Mitarbeiter von einem meiner Kollegen am Institut Caterva vermessen worden. Die Beschäftigten standen in einer Produktionshalle acht Stunden täglich auf einem Betonboden. Festgestellt wurde, dass bei den meisten die Wirbelsäule zu gerade war, also keine Federwirkung mehr besaß. Als eine Maßnahme der Verhältnisprävention wurde der Arbeitsbereich mit dicken Gummimatten ausgelegt.

Wie sieht die Verhaltensprävention aus?

In diesem Teil des Gesundheitsmanagements geht es dann tatsächlich um Bewegung, um Ernährung, um Stressmanagement und um Motivation. Das ist ein Bereich, in dem man auch schon relativ unkompliziert etwas bewegen kann. Zum Beispiel mit kleinen Dingen wie: Wir schreiben keine E-Mails, wenn der Kollege nur zwei Büros weiter sitzt, sondern stehen auf und gehen zu ihm hin.

Welche Rolle spielt die Ernährung?

Hier geht es auch darum, eine gewisse Achtsamkeit im Unternehmen zu wecken. Ein Beispiel: Eine Firma macht ein aufwendiges Ernährungscoaching mit den Mitarbeitern, aber in der Kantine gibt es trotzdem nur Angebote wie Currywurst und Pommes. Das macht keinen Sinn.

Lassen sich Effekte messen, wenn ein Unternehmen ein betriebliches Gesundheitsmanagement einführt?

Ja, es gibt eine große Überblicksstudie der Initiative Gesundheit und Arbeit über den Nutzen von betrieblicher Prävention. Es wurde errechnet, dass pro investiertem Euro eine Rendite von 2,70 Euro herauskommt, vor allem durch reduzierte Fehlzeiten der Mitarbeiter. Außerdem kann man davon ausgehen, dass die Produktivität und die Motivation gesteigert werden, wenn der Mitarbeiter das Gefühl hat, der Arbeitgeber kümmert sich wirklich um sein Wohlbefinden.


Dr. Jelena Becker ist Psychologin und freiberufliche Beraterin für betriebliches Gesundheitsmanagement. In Bremen ist sie in eigener Praxis für Coaching, Beratung und Organisationsentwicklung niedergelassen. Becker hat den Begriff der „sinnovativen Unternehmensführung“ entwickelt.

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