Telemedizin im Bereitschaftsdienst Delmenhorst Vorreiter bei ärztlichem Rat per Video

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Kleines Gerät, große Pläne: Dr. Daniel Overheu, Prof. Dr. Andreas Weyland, Dr. med Christoph Titz, Vorsitzender der Vertreterversammlung der KVN, Klaus-Dieter Berner, Notfallsanitäter bei der Johanniter-Unfall-Hilfe, Helmut Scherbeitz, Michael Steinbach, Leiter Rettungsdienst im Fachdienst Feuerwehr der Stadt Delmenhorst, und Andreas Blume mit dem Telemedizingerät. Foto: Stefan Greiber/JohanniterKleines Gerät, große Pläne: Dr. Daniel Overheu, Prof. Dr. Andreas Weyland, Dr. med Christoph Titz, Vorsitzender der Vertreterversammlung der KVN, Klaus-Dieter Berner, Notfallsanitäter bei der Johanniter-Unfall-Hilfe, Helmut Scherbeitz, Michael Steinbach, Leiter Rettungsdienst im Fachdienst Feuerwehr der Stadt Delmenhorst, und Andreas Blume mit dem Telemedizingerät. Foto: Stefan Greiber/Johanniter

Delmenhorst. Patienten müssen sich beim „Pilotprojekt 116117“ nur diese sechsstellige Rufnummer merken. Dort erreichen sie, je nach Uhrzeit, wie gewohnt die Bereitschaftspraxis – oder die Johanniter-Unfall-Hilfe. Diese schickt dann eine Gesundheitsfachkraft nach Hause, die per Telemedizin einen Arzt hinzuzieht. Der Delmenhorster Testlauf soll Schule machen.

Ärztlicher Rat per Video: Ein Pilotprojekt für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, das im Juli in Delmenhorst, Lemwerder und Ganderkesee startet, soll bundesweit Nachahmer finden. Weil die Zahl der Hausärzte schrumpft, die den kassenärztlichen Dienst am Wochenende übernehmen, soll das „Projekt 116117“, benannt nach der bundesweiten Bereitschaftsdienst-Rufnummer, sie entlasten und eine gute Versorgung der Patienten sichern. Diese erhalten Besuch zuhause von einem speziell ausgebildeten Rettungsassistenten oder Krankenpfleger der Johanniter-Unfall-Hilfe, der nach einer Untersuchung bei Bedarf den Bereitschaftsarzt per Telemedizingerät zuschaltet.

Telemedizin in Offshore-Windparks erprobt

Der sitzt im Delmenhorster Fall im Klinikum Oldenburg, an der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie. „Wir verwenden dieses Konzept und Gerät bereits erfolgreich zum Beispiel in der Offshore-Rettung“, sagt der Projektverantwortliche und ärztliche Leiter der Telemedizin Dr. Daniel Overheu. Das telemedizinische Gerät ermöglicht dem Arzt nicht nur Sichtkontakt zum Patienten, – ganz gleich ob im entlegenen Windpark oder im Delmenhorster Zuhause – sondern übermittelt auch Vitaldaten und kann ein EKG auslesen. „Ich bin sicher, was im Nirgendwo auf der Nordsee funktioniert, wird auch in der Stadt Delmenhorst funktionieren“, sagt Overheu.

85 Prozent aller Patienten könnten zuhause behandelt werden

Das System wird im kassenärztlichen Bereitschaftsbezirk Delmenhorst, Ganderkesee und Lemwerder zunächst für ein halbes Jahr jeweils am Wochenende von freitags, 21 Uhr, bis montags, 7 Uhr, getestet. Ausnahme sind die Zeiten, wenn die jeweilige Bereitschaftspraxis geöffnet hat. Denn diese betreut Patienten weiterhin in der Zeit freitags von 17 bis 21 Uhr sowie samstags und sonntags von 8 bis 12 und 16 bis 20 Uhr. Merken muss sich der Patient diese Zeiten aber nicht: Er wählt einfach die Rufnummer 116117 und wird dann entweder zur Telefonzentrale der Johanniter oder zur Bereitschaftspraxis geleitet. „Wir gehen davon aus, dass 85 Prozent aller Patienten zuhause behandelt werden können“, sagt Andreas Blume, bei der Johanniter-Unfall-Hilfe Weser-Ems für Forschung zuständig.

Zahl der Hausärzte sinkt

Verhindert werden soll, dass Patienten die 112 wählen, denn Rettungsdienst und Notfallambulanzen sollen sich auf lebensbedrohliche Fälle konzentrieren. Sie werden erst alarmiert, wenn der Telemediziner bei der Untersuchung entscheidet, dass der Patient in die Klinik muss. Zugleich soll der Anruf bei den Oldenburger Telemedizinern die Hausärzte entlasten, die am Montag trotz Wochenend-Bereitschaft wieder ihre reguläre Praxis öffnen müssen. Laut Helmut Scherbeitz, Geschäftsführer der Bezirksstelle Oldenburg der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, gilt: „Die Zahl der Hausärzte wird als rückläufig prognostiziert.“ Etwa ein Drittel ist älter als 60 Jahre, wenn sie in den Ruhestand gehen, drohen besonders im ländlichen Raum Versorgungsengpässe. Und Nachfolger sind schwer zu finden.

„Blaupause“ für andere Bundesländer

„Wir sind sicher, mit diesem Projekt eine Blaupause zu schaffen, die so ähnlich auch in anderen Regionen umgesetzt werden kann“, sagt Scherbeitz. Es gebe bereits Anfragen von Kassenärztlichen Vereinigungen in anderen Bundesländern.

Gefördert wird das „Projekt 116117“ vom Amt für regionale Landesentwicklung mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds.


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