Ängste im Kreißsaal Delmenhorst Zwischen Angst und großer Erwartung

Von Kai Hasse

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Hebamme Heike Goal am Ort des Geschehens in einem der Kreißsäle des JHD. Foto: Kai HasseHebamme Heike Goal am Ort des Geschehens in einem der Kreißsäle des JHD. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Was erstmals werdende Eltern bewegt – Heike Goal kennt es. Sie ist erfahrene Hebamme und redet ehrlich über Ängste und Sorgen kurz vor der Geburt.

Die letzten Tage vor der Geburt: Das Paar baut sich daheim ein Nest, ordnet Kinderkleidung, plant Hilfe. Und was steht ihnen bevor? Werdende Eltern haben manche Ängste, mit denen sie zurechtkommen müssen. Die Hebamme Heike Goal gibt Rat.

Heike Goal, 55, ist Hebamme und Stillberaterin im Josefs-Hospital Delmenhorst. „Die größte Angst ist der Schmerz“, sagt sie, „und die Frage: Schaffe ich das?“ Und der Zusatz: „...auf natürlichem Weg?“ Dabei habe gerade das JHD gute Quoten, was die natürliche Geburt angehe. Nur 22 Prozent der Kinder wurden 2017 per Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Bundesweit sind es über 30 Prozent. Dennoch plagen sich Frauen laut Goal mit allerlei Ungewissheiten: Geht es dem Kind gut? Werde ich einen Blasensprung haben? Wie ist die Betreuung? „Dieses Nicht-Vorplanen-Können, das ist schwer für manche Frauen.“ Denn eine Geburt in all ihren Unwägbarkeiten sei auch trotz moderner Technik und Betreuung eine Extremsituation, in der man nichts „buchen“ kann wie im Katalog. Die Schmerzen dabei seien üblicherweise nicht, wie nach einem Schnitt, ein Warnsignal gegen einen unnatürlichen Einfluss von außen. Der Wehenschmerz sei dagegen „ein guter, und ein natürlicher Prozess. Und sie kommen, und gehen, und kommen, und gehen. Man kann sich darauf einstellen.“ Dabei werde – und das nimmt Goal als klares Signal – das Hormon Oxytocin ausgeschüttet: das „Kuschel- und Liebeshormon“, das beispielsweise auch beim Orgasmus ausgeschüttet wird.

Wichtige Bedeutung des Begleiters

Was nimmt diese Angst? „Einen ganz großen Teil macht die Begleitung aus“, sagt Goal. Damit meint sie fachliche Begleitung, aber auch die Begleitung beispielsweise des Partners. Gerade bei Schmerz versuche der Mensch instinktiv, sich einen geschützten Raum, einen Rückzugsort zu suchen. „Der Partner bietet dann ein Stück Heimat“, sagt Goal.

Sie ist deshalb hocherfreut, dass werdende Väter zunehmend bei der Geburt dabei seien. Das führe zu sonderbaren Anekdoten: Sie, schwer in den Wehen, er hält ihre Hand. „Und dann beugt sie sich zu ihm und fragt: Schatz, gehts Dir gut?“ Viele schweiße die gemeinsame Erfahrung zusammen. Bemerkenswert sei übrigens, dass wenige Tage vor der Geburt meist deutlich mehr Gelassenheit einkehre. Wichtig ist Goal auch das Gefühl nach der Geburt: „Frauen entwickeln eine wesentlich bessere Haltung zu sich. Sie sind stolz aus der Geburt hervorgegangen.“

Stillen sorgt nicht für den Hängebusen

Und die Männer? „Viele fühlen sich hilflos“, sagt Goal. Sie freuen sich, wenn Goal ihnen eine Aufgabe geben kann. Ihre eigentliche Aufgabe sei aber, ganz einfach, dass sie da sind. Das sagt sie den Männern auch gern: „Gut, dass Sie da sind.“ Männer könnten stolz darauf sein, wenn sie die Geburt mit der Frau erleben.

Viele Paare haben auch für die Zeit nach der Geburt ihre Sorgen, wie etwa beim Stillen, der neuen Alltagsplanung, oder beim Sex. Das Stillen etwa erfordere unter anderem Geduld. Frauen würden sich in den ersten Schwangerschaftswochen für oder gegen das Stillen entscheiden. Die meisten entscheiden sich dafür, was Goal befürwortet. Stillen beuge Brustkrebs vor, ist nährstoffreich und immunisierend für das Kind, hilft beim Abnehmen nach der Geburt – „und sorgt übrigens nicht für einen Hängebusen.“ Drei Dinge sorgen für eine schlaffere Brust, so Goal: Alter, Rauchen, und Schwangerschaft. Das Stillen nicht.

Paarbeziehung als „erstes“ Kind

Probleme ergäben sich auch durch den neuen Alltag: Der Mann müsse darauf vorbereitet sein, dass er nicht mehr allein neben der Frau steht. „Beide müssen ihre neue Rolle finden“, sagt Goal, „und das ist leider nicht einfach.“ Er falle oft in die Rolle des Versorgers, und das in jeder alltäglichen Hinsicht. Der Familientherapeut Jesper Juul hat dazu die Theorie, dass der Mann zunächst die Rolle desjenigen einnimmt, der über die Beziehung als Mann und Frau wacht, und ihr Impulse gibt. Er müsse das gemeinsame Kind als quasi „zweites“ Kind ansehen – während er die Liebe von Mann und Frau als gleichberechtigtes „erstes Kind“ hegen solle. Eine Ansicht, die Goal gar nicht schlecht findet. Wichtig sei, dass Mann und Frau über ihre Beziehung reden. Das ehrliche Miteinander Reden sei auch ein wichtiger Punkt, wenn es um Sex gehe. Die Geburt hinterlasse Spuren – auch im Intimbereich der Frau. Lust auf Sex sei erstmal rar – wenn die Frau nicht gerade müde ist. Das sei für Männer schwer hinnehmbar. „Die Frau, die bald nach der Geburt freudig ins Ehebett springt, die gibt es nicht“, sagt Goal. Aber das würde sich geben. Goal augenzwinkernd: „Sonst gäbe es keine zweiten Kinder.“


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