Mit Adipositas umgehen lernen Übergewichtige Kinder: Von wegen „dick, doof und arm“

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Oft sei das Übergewicht bei Kindern mit Vererbung zu erklären, sagt Dr. Johann Böhmann. Foto: dpaOft sei das Übergewicht bei Kindern mit Vererbung zu erklären, sagt Dr. Johann Böhmann. Foto: dpa

Delmenhorst. Es gibt viele Vorurteile gegenüber Kindern, die an Adipositas leiden. Dabei ist die Vererbung der mit Abstand wichtigste Faktor für das starke Übergewicht.

Mit Vorurteilen sind manche Menschen schnell bei der Hand, wenn es um starkes Übergewicht geht. Gerade bei Kindern, weiß Mediziner Dr. Johann Böhmann: „‚Dick, doof, faul und arm‘ heißt es sehr schnell, wenn ein Kind zu viele Kilos auf den Rippen hat. Dabei sind überwiegend Menschen betroffen, die es im Leben nicht leicht haben.“ Hänseleien und Schlimmeres unter Gleichaltrigen bleiben oft nicht aus.

Selbstwertgefühl der Kinder stärken

Schon Minderjährige, die unter Fettleibigkeit – der medizinische Fachausdruck für diese Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit lautet Adipositas – leiden, sind somit Diskriminierungen ausgesetzt. Das Selbstwertgefühl der Betroffenen zu stärken, darin sieht der langjährige Chefarzt der Kinderklinik am Josef-Hospital in Deichhorst, der im vergangenen Oktober in den Ruhestand gegangen ist, ein ganz entscheidendes Element bei einer fachgerechten Behandlung im Kindesalter.

Eindeutige Erkenntnisse durch Zwillingsstudien

Böhmann hat sich nicht zuletzt mit Vorträgen in der Öffentlichkeit bemüht, mit den gängigen Vorurteilen über stark Übergewichtige und die Ursachen der Adipositas aufzuräumen. Zwar seien gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung wichtige Faktoren zur Vorbeugung von Fettsucht. Doch genetische Ursachen spielen die wichtigste Rolle, macht der 67-Jährige deutlich: „60 Prozent des Übergewichts sind durch Vererbung zu erklären. Das ist durch Zwillingsstudien eindeutig belegt worden.“ Lediglich zu 40 Prozent beeinflusst also das eigene Verhalten die Entwicklung des Körpergewichts. Auch dass dick mit krank gleichgesetzt wird, lässt der erfahrene Kinderarzt nicht gelten: „Es gibt dicke Gesunde und kranke Schlanke.“

Oft fehlendes Interesse der Sportvereine

Überschätzt werde somit der Faktor Sport und Bewegung, hier dreht Böhmann Ursache und Wirkung um: „Nicht Bewegungsmangel führt zu Übergewicht, sondern Übergewicht zieht einen Mangel an Bewegung nach sich.“ Dabei spielten oft die Vorbehalte der Mitmenschen eine große Rolle, was sich etwa beim Schulsport zeige: „Wenn ein Junge zu dick ist, dann wird er anfangs vielleicht noch ins Tor gestellt, später dann gar nicht mehr eingesetzt.“ Oftmals fehle es in Sportvereinen am Interesse, stark übergewichtige Kinder in die Sportgruppen zu integrieren.

„Fit und fetzig“ in Schwimmbad und Turnhalle

Umso wichtiger für das emotionale Gleichgewicht sind zielgerichtete Angebote wie etwa die Gruppe „Fit und fetzig“ beim Delmenhorster Turnverein. Elke Riesmeier betreut hier rund 30 Kinder und Jugendliche im Alter von aktuell acht bis 17 Jahren. Zweimal in der Woche wird gemeinsam Sport getrieben: Mittwochs geht es von 18 bis 19 Uhr in die Grafttherme, freitags von 17 bis 18 Uhr stehen in der Halle Sportspiele auf dem Programm. Hänseleien muss niemand befürchten, denn keiner hat hier die „idealen“ Körpermaße. „Das Ziel der Gruppe ist nicht das Abnehmen, meine Baustelle ist die gemeinsame Bewegung“, stellt Riesmeier klar. Es gehe darum, dass alle Kinder Sport treiben können, „egal wie sie aussehen“. Der Spaß stehe immer im Vordergrund, Leistungsdruck hingegen werde nicht aufgebaut.

Soziale Kontakte gegen Diskriminierung

Dass die jungen Teilnehmer, die mit einer ärztlichen Verordnung zu der Gruppe stoßen – die Krankenkassen übernehmen dann weitestgehend die Teilnahmegebühren –, dort auch soziale Kontakte knüpfen, ist ein wichtiger Pluspunkt des Angebots. Denn auch die 55-jährige Ganderkeseerin stellt fest, dass viele der Kinder und Jugendlichen, die ein Übergewicht mit sich herumschleppen, unter Diskriminierung leiden oder aus einem schwierigen sozialen Umfeld stammen.

Kein Zwang zur Gewichtsabnahme

Die Bewegungsförderung wie in Elke Riesmeiers Sportgruppe war in den vergangenen Jahren auch ein Bestandteil eines ebenfalls von den Kassen unterstützten Trainingsprogramms namens Delta für Minderjährige und deren Eltern. Entwickelt wurde es vom Delmenhorster Institut für Gesundheitsförderung (DIG), dessen Träger der von Johann Böhmann vor knapp 20 Jahren gegründete Verein Gesundheit im Kindesalter (GiK) ist. Auch hier stehe nicht das zwanghafte Streben nach Gewichtsabnahme im Vordergrund, sondern die Steigerung des Selbstbewusstseins und der Lebensfreude, erläutert der ehemalige Klinikchef. Unter anderem geht es um die Vermittlung einer gesunden und gut schmeckenden Ernährung ohne lästige Kalorienzählerei. In die regelmäßigen, sich über ein ganzes Jahr erstreckenden Treffen sind auch die Erwachsenen einbezogen in Gestalt von Elternschulungen durch Ernährunsberaterinnen und Psychologinnen.

Hoffnung auf Neuauflage von Trainingsprogramm

Böhmann bedauert, dass es im vergangenen Jahr nicht gelungen ist, die notwendige Mindestteilnehmerzahl zu erreichen. Trotz der Turbulenzen um das JHD, das bisher Kooperationspartner für das Programm war, setzt er zugleich seine Hoffnungen in eine baldige Neuauflage.


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