Neubau wird nicht fertig Familie gestrandet im Delmenhorster Bauboom

Von Kai Hasse

Nadine Gonsior mit ihren Kindern. Sie wohnt mittlerweile bei der Schwiegermutter die dafür eine kleinere Wohnung bezogen hat. Foto: Kai HasseNadine Gonsior mit ihren Kindern. Sie wohnt mittlerweile bei der Schwiegermutter die dafür eine kleinere Wohnung bezogen hat. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Die Baubranche boomt. Die Auftragsbücher sind gefüllt. Was gut klingt, hat auch Tücken: Eine vierköpfige Familie ist seit über sieben Monaten heimatlos.

Im August des vergangenen Jahres hätte Familie Gonsior in ihr neues Haus ziehen wollen. In Stickgras, in der Nähe der Wunsch-Schule für die große, Leonie. Für den kleinen, Luca, war ein Feuerwehr-Bett eingekauft worden. Aber es kam anders: Die Fertigstellung des Hauses zog sich hin, aus mehreren Gründen, auch wegen des überstrapazierten Baugeschäftes. Seitdem ist die Familie drei Mal umgezogen.

Nadine Gonsior, 34, zeigt ihren Kaufvertrag: Ein Haus im Osten der Stadt, angesehen als die stets erhoffte eigene Heimat, für einen finanzierbaren Preis. Schlüsselfertig zur Abnahme. Spätestens, so steht es im Vertrag, müsse das Haus Ende Juli 2017 fertig sein. Als der Vertrag unterschrieben wurde, stand es noch nicht. Die Verkäuferin würde es noch – als Bauherrin fungierend – bauen lassen. Gonsior und die Verkäuferin, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen will, kennen sich, es gibt ein Vertrauensverhältnis. Damals noch. Mittlerweile ist davon nicht viel übrig. So beschreibt es Gonsior.

Schwiegermutter zieht für Familie um

Die junge Frau wohnt mittlerweile in der Wohnung der Schwiegermutter, auf 60 Quadratmeter, zusammen mit den beiden Kindern, drei und acht Jahre alt, und ihrem Mann. Die Schwiegermutter wohnt auf 30 Quadratmeter – der kleinen Wohnung, die die Gonsiors bei der mittlerweile dritten Suche einer Aushilfs-Wohnung auf die Schnelle haben finden können.

Warum es mit dem Haus nicht klappen will? Gonsior seufzt resigniert: Die Verkäuferin, die eigentlich den Bau vorantreiben sollte, schafft genau das nicht. Firmen hätten kein Geld bekommen, es habe Fehler am Bau gegeben, und sie, Gonsior, hätte manches nicht als Käuferin abnehmen können. Ihre Verkäuferin schiebt die Schuld wiederum zurück: Gonsior würde Manches nicht verstehen, habe selber verzögert, trage die Schuld. Sie geht aber nicht ins Detail. Eigentlich ist das Thema eines für Gutachter, Anwälte und Gerichte. Eines sagt die Verkäuferin aber klar: „Der Handwerkermarkt ist eine Katastrophe.“ Es sei sehr schwer, die Gewerke zu engagieren.

Baugeschäft brummt

Hartmut Günnemann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, bestätigt, dass es brummt. „Von der überwiegenden Zahl der Betriebe höre ich sehr positive Äußerungen. Die Auslastung ist gut.“ Das betreffe Auftraggeber aus Gewerbe, Industrie und von Privathaushalten. „Zum Teil merkt man auch, dass die Menschen ihr Geld, das wegen niedriger Zinsen auf dem Kapitalmarkt wenig bringt, stattdessen in Betongold investieren.“ Und wenn ein Bau nicht von einem Profi – wie einem Architekten – geplant werde, gebe es eine nicht zu unterschätzende Fehlerquelle.

Hadern mit Umzügen und verlorenem Vertrauen

Gonsior hatte auf ihre Bekannte vertraut. Auch ein Grund, warum sie und ihr Mann – womöglich allzu blauäugig, wie sie einräumt – ihre frühere Wohnung kündigten, im frühen Sommer 2017. Dann gab es kein Zurück mehr. Und dann wurde das Haus nicht fertig – Gonsiors zogen zunächst in eine schnell gesuchte Wohnung. Wieder im Vertrauen auf die Verkäuferin kündigten sie Monate darauf ein weiteres Mal – und wieder wurde das Haus nicht fertig. Jetzt. Ende Februar/Anfang März, vollzog sich das zum dritten Mal. Die Wohnungen: Notlösungen. Schimmel in der einen, zu klein die andere. „Man findet nichts, absolut gar nichts Ordentliches“, sagt sie. Und man könne einem Vermieter nicht sagen, dass man bald hofft, ausziehen zu können. Die Kosten soll die Verkäuferin tragen. Gonsior hadert, über das Baudilemma, über das verlorene gute Verhältnis zu ihrer Bekannten, über das ständige Umziehen. Die Kinder haben kein eigenes Zimmer und keine Sicherheit darüber, wo sie bald wohnen werden. Die ganze Familie nächtigt auf losen Matratzen in einem Raum, es ist wie Campen, seit Monaten. Luca hat immer noch nicht in seinem Feuerwehr-Bett geschlafen.