Grenzenlose Tierliebe Delmenhorster Tierschützerin wird zur Ersatzmutter

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Delmenhorst. Nadine Wessolek vom Tierschutzverein Delmenhorst ist seit einer Woche Ersatzmutter für ein Katzenjunges – ein Vollzeitjob. Alle zwei Stunden muss der junge Kater gefüttert werden. In dem Tierschutzverein leben bis zu 80 Katzen gleichzeitig. Dabei handelt es sich oft um verwilderte Hauskatzen. Eine Kastrationspflicht soll die unkontrollierte Vermehrung verhindern.

Zum 22. Mal rettet Nadine Wessollek ein Katzenleben. Zum 22. Mal nimmt sie das Katzenjunge mit ins Büro, um es dort zu versorgen. Zum 22. Mal durchwacht sie die Nächte, um das Junge zu füttern.

Aus dem Korb erklingt ein Miauen. Nadine Wessollek hebt das Junge heraus und gibt ihm das Fläschen. „Pro Mahlzeit muss er zwei bis drei Milliliter trinken“, erklärt sie. Während der Fütterung flüstert sie dem jungen Kater aufmunternde Worte zu und massiert ihm hin und wieder den Bauch. „Das ist wie bei der Versorgung von Babys – ein Vollzeitjob. Wie beim Menschen besteht der Tag bei Katzenbabys aus Essen und Schlafen“, sagt sie. Der Kater versucht, an der Tierschützerin hochzuklettern, verhakt sich in ihrem Schal und kuschelt sich dann an ihre Schulter. Sie lässt das Junge sanft in ihre Hände gleiten und versucht erneut das Fläschen zu geben. Wessollek sagt: „Manchmal brauche ich eine halbe Stunde dafür.“

Katzenaufzucht im Büro

Das Katzenjunge verbringt seine ersten Lebenstage zwischen Aktenordern, Stiften und Notizblöcken im Büro der Tierschützerin. An der weißen Metallpinnwand hängen Notizen und Termine.

Im Gegensatz zu anderen Büros nehmen auf den Besuchstühlen zwei Katzen Platz, das Telefon klingelt oft und Mitarbeiter fragen sie um Rat. Nadine Wessollek sitzt auf einem schwarzen Drehstuhl und blättert durch einen Papierstapel. Neben dem Kalender ist ein Hinweisschild angebracht: „Wir sind hier nicht bei Wünsch-Dir-was, sondern bei so isses.“

So isses – das Junge wurde vor einer Woche beim Tierschutzverein Delmenhorst abgegeben, weil die Mutter es verstoßen hat. Das Überleben des Jungen hängt von seiner Ersatzmutter ab. Sie reibt ihre Hände aneinander, um sie aufzuwärmen, und nimmt dann das Junge aus dem Korb. Der kleine grau-schwarze Kater rekelt sich mit geschlossenen Augen in ihrer Hand und versucht am Arm hochzuklettern. Sie streichelt ihn mit ihrer freien Hand. „Ich nehme den Zwerg mit nach Hause. Da schläft er dann bei mir im Zimmer“, sagt sie.

200.000 verwilderte Katzen in Niedersachen

Eine Katze kann zweimal im Jahr bis zu sieben Junge bekommen. Durch unkontrollierte Vermehrung kann die Population so schnell anwachsen. Rund zwei Millionen verwilderte Katzen leben aktuell in Deutschland, allein 200000 davon gibt es in Niedersachsen, sagen Schätzungen des Deutschen Tierschutzbundes. Für Delmenhorst sei die Zahl der Tiere schwer einzuschätzen, erklärt Amtstierärztin Dr. Nicolin Niebuhr. Für sie ist allerdings klar, dass die unkontrollierte Vermehrung von freilaufenden Hauskatzen und von Wildkatzen ein Dauerproblem in der Stadt ist.

Kontrolle kaum möglich

Eine Verordnung der Stadt Delmenhorst schreibt vor, dass Katzen, die sich außerhalb der Wohnung des Halters bewegen, kastriert und mittels Tätowierung oder Mikrochip gekennzeichnet werden müssen. Mit dieser Verordnung versucht die Stadt seit 2010, das Problem in den Griff zu bekommen. Wer dieser Pflicht nicht nachkommt, muss mit einem Bußgeld von bis zu 5000 Euro rechnen. „Bisher haben wir noch kein Bußgeld verhängt, sondern appellieren an die Vernunft der Halter“, sagt Amtstierärztin Niebuhr. Eine flächendeckende Kontrolle sei kaum möglich.

Verwilderte Katzen sind Raubtiere

Und dass es diese Kontrolle nicht gibt, kritisiert auch Kreisjägermeister Helmut Blauth. Das Problem könne sich durch die Flaschenaufzucht noch verstärken. Das Wichtigste sei, dass die Tiere dann weiter versorgt werden und nicht wieder ausgesetzt werden. „Die Aufzucht per Hand von verwilderten Katzen ist sonst falsch verstandene Tierliebe“, sagt Blauth. „Die Tiere fressen Vögel und schaden damit auch der Natur. Dann sind es auch keine Haustiere, sondern Raubtiere“, sagt Blauth. Eine flächendeckende Kastration sieht er positiv. „Das wäre für das Tierwohl förderlich“, betont er.

Während Nadine Wessollek den jungen Kater füttert, erklärt sie, dass auch sie die Kastration befürwortet. Bei aller Tierliebe sei das der einzige Weg, die Vermehrung zu stoppen.

„Das Überleben des Zwergs ist aber jetzt das Wichtigste“, sagt Nadine Wessollek. Sie legt das Junge wieder zurück in den gepolsterten Korb. Auf den Behälter legt sie eine graue Decke mit roten Herzen. Die Sonne soll den Kater in seinen ersten Lebenstagen nicht blenden.


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