Unverständnis für Essener Schritt Delmenhorster Tafel schließt nur rabiate Drängler aus

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Gewappnet für die nächste Tafel-Ausgabe: Beisitzer Horst-Dieter van Lent und die stellvertretende Vorsitzende Karin Weber gehören zum Delmenhorster Tafelvorstand. Foto: Sonia VoigtGewappnet für die nächste Tafel-Ausgabe: Beisitzer Horst-Dieter van Lent und die stellvertretende Vorsitzende Karin Weber gehören zum Delmenhorster Tafelvorstand. Foto: Sonia Voigt

Delmenhorst/Ganderkesee. Der steigende Zulauf und der Anteil der Migranten unter den Bedürftigen sind bei der Delmenhorster Tafel fast so hoch wie in Essen. Doch anders als dort will die Vorsitzende nur rücksichtslose Tafelgäste sanktionieren, nicht solche ohne deutschen Ausweis.

Immer mehr Bedürftige, darunter immer mehr Migranten, Ärger mit einigen rücksichtslosen Tafelkunden: Die Probleme, die in der Essener Tafel zum scharf kritisierten Aufnahmestopp für Migranten geführt haben, kennt Walburga Bähre bei der Delmenhorster Tafel auch. Aber sie zieht andere Schlüsse daraus, als die Essener Kollegen, die vorerst nur Neukunden mit deutschem Personalausweis aufnehmen, „um eine vernünftige Integration zu gewährleisten“. „Bedürftig ist bedürftig“, sagt die Vorsitzende des Vereins, der überschüssige Lebensmittel aus dem Handel an Bedürftige verteilt. „Unterschiede zwischen Ausländern und Deutschen sollten wir nicht machen, das kann man anders regeln.“

In Ganderkesee musste die Polizei anrücken

Wer sich wiederholt nicht an die Richtlinien der Lebensmittel-Ausgabestelle halte, bekomme halt mal vier Wochen Tafelverbot. „Das verstehen sie alle“,.sagt Bähre. Und falls jemand es doch hartnäckig nicht verstehen will, wie 2015 in der Ganderkeseer Ausgabestelle der Tafel geschehen, muss notfalls die Polizei helfen. „Danach haben wir in Ganderkesee ein halbes Jahr in doppelter Besetzung gearbeitet, bis die eingesehen haben, dass sie sich anstellen müssen“, sagt Bähre. Sie selbst stelle sich auch vor ihre 45 ehrenamtlichen Helfer. „Ich lasse die nicht beleidigen“, sagt die resolute Tafel-Chefin. Vorgelassen wird nur, wer einen guten Grund hat, Hochschwangere oder Kranke zum Beispiel. „Stau“ gebe es in der 2016 bezogenen, größeren Ausgabestelle an der Grünen Straße 81, für die die Stadt einen Mietkostenzuschuss zahlt, ohnehin kaum noch.

Zahl der Bedürftigen steigt auf 3400

3400 Bedürftige versorgt die Delmenhorster Tafel mit ihren Ausgabestellen in Ganderkesee und Hude aktuell, 2500 waren es noch im Sommer 2015. Zugleich hat sich laut Bähre der Anteil der Tafelgäste mit Migrationshintergrund deutlich erhöht und liege nun bei 65 bis 70 Prozent – zum Vergleich: 75 Prozent sind es in Essen. Daraus resultierende Verständigungsprobleme sind aus Sicht der Vereinsvorsitzenden Ursache einiger Konflikte. „Wenn einer noch nicht viele deutsche Wörter kennt und nur ‚wollen’ oder ‚haben’ sagen kann, hört sich das schon mal sehr fordernd an“, sagt Bähre. Mit Ehrenamtlichen, die Arabisch, Französisch oder Englisch sprechen, sowie mit Flyern in 14 Sprachen versucht die Tafel, Missverständnissen vorzubeugen und Tafelgästen klarzumachen, dass sie für ihre Zwei-Euro-Spende nicht wie im Supermarkt ausschließlich das Gewünschte in beliebiger Menge bekommen.

Tafelgäste müssen Bedürftigkeit nachweisen

„Im Moment haben wir zum Beispiel wenig Obst und Gemüse und das, was da ist, muss gerecht verteilt werden“, sagt Walburga Bähre. Immerhin sei das, was die Tafel anbiete, ja auch nur ein Zubrot und keine Vollverpflegung. Genug gespendete Ware sei zwar da, aber an Grundnahrungsmitteln fehle es häufig. Und manchmal seien die Vorlieben einfach andere, helle Brötchen zum Beispiel viel gefragter, als das in Deutschland oft gegessene Brot. „Toll finde ich, dass Flüchtlingsfrauen in Ganderkesee Kochkurse gemacht haben, wo sie gelernt haben, unsere Lebensmittel zu verarbeiten“, lobt die Tafel-Vorsitzende. Sie warnt zudem davor, falsche Schlüsse zu ziehen, wenn mal ein Mercedes vor der Tafel parkt. „Oft gibt es einen einzigen Wagen in der Großfamilie, der dann verliehen wird. Oder der Sohn holt im Firmenwagen das Essen für die Eltern ab“, erklärt Bähre. Die Bedürftigkeit müsse jedenfalls jeder mit Bescheid vom Amt nachweisen.

Ehrenamtliche Helfer gesucht

Wenn sie für „ihre“ Delmenhorster Tafel Wünsche frei hätte, dann wären das mehr Geldspenden, eine Nachfolgerin für sich selbst als Vorsitzende und mehr freiwillige Helfer, vor allem als Fahrer und Beifahrer. „Aber Geld gibt es dafür nicht“, streicht sie den ehrenamtlichen Charakter heraus, „nur das Gefühl, etwas Gutes zu tun.“


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