Feuerwehr Delmenhorst Kameraden im Kampf gegen den lebendigen Gegner

Von Kai Hasse

Martin Warnken ist Feuerwehrmann in Delmenhorst. Foto: Kai HasseMartin Warnken ist Feuerwehrmann in Delmenhorst. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Wie es ist, mit 50 Kilo Ausrüstung am Leib in einen brennenden Wohnblock zu rennen? Bei null Sicht ein Zimmer abzutasten, ohne zu wissen, wo das Feuer ist? Nach einem Feuer im Wollepark erzählt Martin Warnken aus dem Alltag eines Feuerwehrmanns.

Montag, 19. Februar, kurz nach 18 Uhr: Alarm. Eine Wohnung im Wollepark brennt. 40 Feuerwehrleute sind im Einsatz. Zwei Trupps unter Atemschutz gehen rein. Einer von ihnen ist Martin Warnken. Er gehörte zu dem ersten Einsatztrupp. Auf Bitten des dk erzählt er genauer über die Einsätze, mit denen er alltäglich lebt.

Noch auf dem kurzen Weg von der Feuerwache bis zum Wollepark machte Warnken sich fertig. Zusammen mit zwei weiteren Kameraden entschied man, zu dritt die Treppen hochzugehen. „Man geht durch, was einen so erwarten könnte“, sagt er. Der Code „Y“ wurde gemeldet. Das heißt „Menschenrettung“. Und für Warnken heißt das, dass er vielleicht panische Bewohner beruhigen oder Verletzte versorgen muss. Und solange nicht klar ist, dass niemand in dem Haus ist, bleibt der Code Y. „Man ist angespannt, und noch eine Spur aufmerksamer.“

Mit 50 Kilo Ausrüstung sieben Stockwerke hoch

Warnken trägt bei dem Einsatz seine schwere Rettungskleidung, Maske, Pressluftatemgerät, drei Schlauchtragekörbe. Insgesamt etwa 50 Kilo. Er selbst, ein sportlicher 38-Jähriger, wiegt 90 Kilo. Dann rein. Er sagt, fünf Tage danach mit einem Lächeln: „Wir sind nicht bekannt dafür, den Fahrstuhl zu nehmen“. Die Männer eilen die Treppen hoch. „Wir joggen nicht, man könnte stolpern. Es wäre zu gefährlich.“ Also bewusst, konzentriert, schnell die Stufen hoch. Schon im fünften Stock fangen die Männer an, nach dem Feuer zu suchen. Die Maske ist auf, sie behindert das Atmen „Stellen Sie sich vor, sie haben eine Hand vor Mund und Nase“, beschreibt Warnken. Man muss bewusst, mit Kraftanstrengung einatmen. „Die Kameraden oben sind Auge und Ohren für die Einsatzleitung“, sagt dazu Thomas Stalinski, Chef der Feuerwehr. Denn von außen ist nicht zweifelsfrei zu klären, wo genau das Feuer ist.

„Man sagt Null Sicht. Und es ist wirklich null Sicht.“

Oben also eilen Warnken und seine Kameraden durch die Wohnungen. Eigentlich sollte hier niemand mehr wohnen, der Block wurde geräumt. Aber viele haben Mobiliar hinterlassen: Sofas, Stühle, Fernseher. „Das macht es nicht einfacher, zu entscheiden, ob noch Menschen da sind oder nicht“, sagt Warnken. Aber es ist niemand da. Weiter die Stockwerke hoch. An die „Rauchgrenze“. Jetzt werden die Pressluftatmer eingeschaltet, das Atmen wird leichter. Aber jetzt, in der Nähe des Feuers, gehen die Männer in die Hocke, oder kriechen, um die Hitze zu umgehen. Die sammelt sich weiter oben, unter der Decke. Die Wohnung, in der es brennt, müssen Warnken und seine Kameraden nicht weiter suchen: Die Flammen lecken aus dem Eingangsbereich. Mit dem Rohr, das sie mitgenommen haben, schießen sie sich den Weg in die Wohnung frei. Drinnen geht die Sicht auf Null. Warnken präzisiert das: „Man sagt immer: Sicht Null. Und es ist wirklich null Sicht.“ Die Kameraden umfängt Finsternis. Jetzt könnte das Feuer überall sein, irgendwo im nahen Nichts. „Man kann direkt vor dem Feuer sein, und es trotzdem nicht sehen“, beschreibt Warnken. Er habe einmal ein Bett abgesucht, sein Kopf wenige Handbreit über dem Bett, und keinen hellen Schimmer durch das Nichts erkennen können: „Aber das Bett brannte.“

Im Krebsgang an den Wänden entlang

Was Warnken und seinen Partnern jetzt an Sinnen bleibt, ist das Tasten. In einem unkomfortablen Krebsgang, in der halben Hocke, zur Sicherheit ein Bein voraus tastend, an den Ecken entlang, Hände an Wand und in den Raum tastend. „Wir versuchen uns dann vorzustellen, wie der Raum aussehen könnte.“ Kommt ein heller Schimmer, löschen sie in die Richtung. Und noch immer kann keiner ausschließen, dass in dem giftigen Brodem um sie herum Menschen liegen.

Schließlich waren sie soweit, dass man einen Lüfter aufbauen kann. Dann erst kann man besser sehen, und abschätzen, ob für Menschen Entwarnung gilt. Und es kann böse Überraschungen geben: „Einmal habe ich er dann festgestellt, dass auf dem Sofa eine verbrannte Frau lag“, sagt Warnken über einen anderen Einsatz.

Wie verkraftet man das? Stalinski erklärt: „In einem lockeren Gespräch. Wir scherzen nicht, wir sind auch nicht deprimiert. Wir suchen das Gespräch miteinander.“ Ansonsten gäbe es auch professionelle Hilfe. Und man nimmt diese Schrecken nicht mit nach Hause.

Ein alter, tückischer Feind

Die Männer reden über das Feuer wie über einen alten Feind. „Man muss mit allem rechnen“, sagt Stalinski. „Es kann sein, dass es über einen wegspringt und plötzlich hinter einem auftaucht.“ Bei einem anderen Einsatz, berichtet Warnken, „war das Feuer plötzlich hinter uns, dort, wo wir herkamen. Ich und mein Kamerad mussten durch eine Dachluke springen in die Etage unter uns.“ Stalinski warnt vor Feuer hinter geschlossenen Türen: „Manchmal spürt man, dass es dahinter auf einen wartet...“ Sie reden, wie wenn das Feuer Tücke und Berechnung hätte. Wie wenn es lebendig wäre. „Das ist es ja auch“, sagt Warnken.

Keine Angst. Respekt.

Am 19. Februar brannte Block 12 im Wollepark. Martin Warnken war in der brennenden Wohnung. Archivfoto: Günther Richter

Angst bei alldem? Warnken und Stalinski verneinen. „Respekt ist immer da. Das ist auch gut so, damit wir nicht leichtsinnig werden. Aber wir sind sehr gut ausgebildet“, meint Warnken. Und Stalinski: „Angst davor, Fehler zu machen, bringt uns dazu, Fehler zu machen. Der größte Fehler ist es, nichts zu tun, weil man Angst hat.“