Die „68er“ in Delmenhorst Schülerprotest gegen Fahrpreiserhöhung bei Bussen

Von Dirk Hamm

Kein Durchkommen für Sager-Busse: Gegen Fahrpreiserhöhungen demonstrierende Schüler hindern am 3. Februar 1968 einen Omnibus an der Weiterfahrt. Archivfoto: Horst SchillingKein Durchkommen für Sager-Busse: Gegen Fahrpreiserhöhungen demonstrierende Schüler hindern am 3. Februar 1968 einen Omnibus an der Weiterfahrt. Archivfoto: Horst Schilling

Delmenhorst. Studentenprotest und Rockmusik, APO und freie Liebe: Das Jahr 1968 fasziniert bis heute. Auch in Delmenhorst gärte es: Bustariferhöhungen brachten vor 50 Jahren Schüler auf die Straße.

Die Generation der „68er“ ist in die Jahre gekommen. Mit den nachfolgenden Generationen sind immer wieder neue Haltungen, Protestformen und popkulturelle Moden aufgetaucht und manchmal auch nach einer Weile wieder verschwunden – man denke etwa an Punk und „No-Future“, an die Friedensbewegung und Anti-AKW-Protest, an Disco und „Love Parade“. Aus der Ökobewegung immerhin ist eine dauerhafte, gesellschaftlich und politisch wirksame Kraft geworden.

Oft verklärter Blick auf 1968

In diesem Jahr gilt der Blick zurück jedoch ganz überwiegend der Zeit vor 50 Jahren, ist der historische Scheinwerfer auf eine kurze Ära gerichtet, die geradezu mythisch aufgeladen ist und oft verklärend besprochen wird. Studentenrevolte, Demonstrationen, Rudi Dutschke, Vietnam-Kongress, Ermordung Martin Luther Kings und Robert Kennedys, Kommune I, freie Liebe – das ist nur eine kleine Auswahl von Schlagwörtern, die untrennbar mit dem Jahr 1968 verbunden sind.

Protestaktionen auch in Delmenhorst

Es gärte zunächst vor allem in den Universitätsstädten unter einem Teil der jungen Menschen. Die Unruhe blieb aber nicht auf akademische Zentren beschränkt. Außerparlamentarische Opposition und Protest, das gab es auch in Delmenhorst. In einer lockeren Reihe von Artikeln soll auf dieser Seite in diesem Jahr noch öfter davon die Rede sein.

„Sager weg, hat kein Zweck“

Auslöser für eine aufsehenerregende Demonstration von Schülern der Delmenhorster Gymnasien am 3. Februar 1968, einem Samstag, war eine scheinbare Banalität. Das Unternehmen Sager, das die Buslinien in der Stadt betrieb, hatte die Fahrpreise erhöht. Protestaktionen aus ähnlichem Anlass hatte es zuvor bereits in Bremen und anderen Städten gegeben. „Sager weg, hat kein Zweck!“ und andere Slogans waren auf Schildern zu lesen, als sich ein Demonstrationszug junger Leute bildete und von der Bismarckstraße aus auf das Rathaus zubewegte.

Oberbürgermeister sucht den Dialog

Der Protest blieb nicht ohne Wirkung. Im Rathaus verfolgten einige Kommunalpolitiker staunend aus dem Fenster schauend, wie sich die Demonstranten vor dem Haupteingang drängten. Schließlich wagte Oberbürgermeister Wilhelm von der Heyde den Schritt auf die Demonstrierenden zu, sofort wurde er von ihnen umringt. Es entwickelte sich ein Dialog. Der OB sprach sich dafür aus, im Verwaltungsausschuss eine Schülerdelegation anzuhören und dazu auch den Chef des von den Schülern heftig kritisierten Busunternehmens, Alfred Sager, einzuladen.

Schüler erreichen Tarifveränderung

Wenige Tage später kam es dann im Sitzungssaal des Rathauses tatsächlich zu einem zweistündigen Gespräch zwischen Ratsmitgliedern, Verwaltung, der Firmenspitze von Sager und einer Schülerabordnung, die von dem Wortführer des Protests, dem 17-jährigen Hilmer Hedenkamp, angeführt wurde. Die auch in den Reihen der Bürgerschaft und des Rates umstrittene neue Tarifstruktur wurde schließlich in einigen Punkten verändert, wovon vor allem die Schüler profitierten.