Abnahme der Sportabzeichen Sportbund will gegen Image des Antiquierten angehen

Von Kai Hasse

Eine der Sportarten ist der Hochsprung. Foto: Rolf TobisEine der Sportarten ist der Hochsprung. Foto: Rolf Tobis

Delmenhorst. Die Anmelde- und Absolventenzahlen für das Deutsche Sportabzeichen sinken. Das beklagt der Kreissport. Der Grund für die sinkende Begeisterung ist nicht klar feststellbar. Die Vermutung: Zu altbacken, zu streng, zu wenig Helfer. Aber es gibt Ansätze, gegenzusteuern.

Im Sportbund sieht man mit Sorge auf die Entwicklung der Sportabzeichen-Zahlen: Nach einem zwischenzeitlichen „Hoch“ von 793 Anmeldungen um 2015 im Kreissportbund sinken die Zahlen derzeit rapide: 2016 waren es nur noch 626, 2017 nur noch 590. „Wenn man so will, muss man durchaus sagen, dass das Sportabzeichen nicht mehr das ,Standing‘ hat wie vor 30, 40 Jahren“, sagt der Leiter des Breitensport-Bereichs des Kreissportbundes, Richard Schmid. Das Erringen eines Sportabzeichens hänge auch oft daran, dass Ehrenamtler gefunden werden müssten, die sich um Organisation und Ablauf kümmern müssen. Das erklärt nicht die augenfällige Verteilung des Mangels: Gerade in der Altersgruppe zwischen 20 und 50 sei das Sportabzeichen quasi gar nicht präsent. Dabei treiben auch in dieser Zeit die Leute Sport. „Wir haben so viele Läufer, die nicht organisiert sind“, sagt Schmid. Er vermutet, dass sich gerade diejenigen, die in Lohn und Brot stehen, ihre knappe Freizeit nicht durch enge Zeitpläne von Vereinen überplanen lassen wollen.

Starke Individualisierung

Damit spricht er ein gesamtgesellschaftliches Problem an: „Wir haben eine starke Individualisierung, die dazu führt, dass auch das Vereinsleben nicht mehr für notwendig gehalten wird.“. Die über 50-Jährigen sind im Vereinsleben noch fest integriert. Und die jungen Leute arbeiten noch nicht und werden zum Teil von Schulen zum Sportabzeichen gebracht.

Fokus auf Schwimmfähigkeit in der Schule

Einen Einbruch hatte es deshalb auch gegeben, weil das Willms-Gymnasium im letzten Jahr nicht teilnahm. Schulleiter Stefan Nolting erklärt das mit mangelnden Trainingsmöglichkeiten: Drei Tage nach Schulbeginn im Sommer 2017 habe die Stadt der Schule mitgeteilt, dass es Arbeiten an der für den Sport wichtigen Rosenhalle gebe. Nolting konnte so schnell nicht umorganisieren – der Sportunterricht fiel für ein halbes Jahr aus. Bei kommenden Sportabzeichen sei man wieder dabei. Große Euphorie verspricht er aber nicht: Grundlegende athletische Übungen „locken vielleicht noch fünf Prozent der Schüler.“ Sie seien deshalb aber nicht unsportlich: Fußball, Handball, Tennis, Fechten, Parcours oder Akrobatik seien beliebt. Und er hat auch andere Sorgen: „Die Quote der Nichtschwimmer ist permanent steigend“, sagt er. Sein Fokus beim Grundlagensport läge deshalb vor allem beim Erlangen der Schwimmfähigkeit.

Anreize nur wenige

Das Sportabzeichen rankt sich um vier athletische Grunddisziplinen: Laufen, Springen, Werfen, Schwimmen. Zu Altbacken? Schmid findet, dass das ein falscher Ansatz ist: Auf Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Koordination bauen alle anderen Sportarten. Was fehlt, ist ein Anreiz. Zwar müssen beispielsweise Polizei-Aspiranten ein Sportabzeichen ablegen – aber regulären Sportlern kann er im Prinzip nur den Stolz an der Sache anbieten, und ein Abzeichen, das offiziell Teil des Deutschen Ordenswesens ist: Ein Hoheitszeichen.

Leichtigkeit im Ablauf vermisst

„Leichtathletik“, sagt Marion Grotheer, „ist nicht mehr so der Renner.“ Sie ist die Vorsitzende des TuS Heidkrug, und eigentlich eine Verfechterin des Breitensports. Ihr Verein ist dabei, jedes Jahr. Aber sie vermisst eine gewisse Leichtigkeit der Sache. Prüfer seien gelegentlich penibel, und die Anforderungen für das Abzeichen in Gold hätten seit einer Reform vor sechs Jahren deutlich angezogen – während es geringere Anforderungen für Bronze gab, um die Schwelle für Gelegenheitssportler zu senken. Das sei nicht gut angekommen: Viele Leichtathletik-Veteranen seien ernüchtert worden. „Wenn die nicht Gold bekommen, war das für die nichts“, sagt Grotheer.

Ausblick: Mehr Zusammenarbeit mit Schulen

Hoffnung hat Inga Marbach, seit eineinhalb Monaten die Sportreferentin für die Region Oldenburger Land/Delmenhorst. Ihr schwebt vor, dass man mit Schulen und Kindergärten kooperiert, um das Sportabzeichen wieder präsenter zu machen. Außerdem könne das Sportabzeichen samt Übergabe Teil einer größeren Sportveranstaltung werden. Organisation könne man den Schulen möglicherweise abnehmen. Und ihr schwebt vor, dass man neuere Sportarten mit einbinden könne. Möglicherweise könnten auch Krankenkassen bei der Austragung helfen. Aber das ist derzeit noch Zukunftsmusik: In den kommenden Wochen werde es dazu weitere planende Gespräche geben.