Mehr Rücksicht gefordert Ärger wegen defektem Behindertenklo in Delmenhorst

Ingrid Fink-Conrad versucht, die Tür zu öffnen. Doch automatisch öffnet sie sich wegen eines Defektes nur gelegentlich. Für die halbseitig gelähmte Rollstuhlfahrerin ist dies nur ein Beispiel, wie Bedürfnisse von Behinderten nicht beachtet werden. Foto: Frederik GrabbeIngrid Fink-Conrad versucht, die Tür zu öffnen. Doch automatisch öffnet sie sich wegen eines Defektes nur gelegentlich. Für die halbseitig gelähmte Rollstuhlfahrerin ist dies nur ein Beispiel, wie Bedürfnisse von Behinderten nicht beachtet werden. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. Seit anderthalb Jahren ist die automatisch öffnende Tür der Behindertentoilette neben dem Kiosk am Stadtwall immer wieder defekt. Eine dauerhafte Lösung zeichnet sich nicht ab. Das nehmen Behinderte und Behindertenvertreter als Beispiel dafür, wie wenig Rücksicht behinderte Menschen in der öffentlichen Wahrnehmung in Delmenhorst finden.

Ingrid Fink-Conrad ist sauer. Die 69-jährige Rollstuhlfahrerin stört sich seit Langem an der Behindertentoilette am Markt neben dem Kiosk Am Stadtwall. Sie besitzt zwar eine Art Generalschlüssel, den Behinderte für solche Toiletten erhalten, aber wenn sie die Tür aufziehen will, stößt sie damit gegen ihren Rollstuhl und bekommt die Tür nicht auf. Ständig ist sie auf Hilfe angewiesen – zumal ihre rechte Hand gelähmt ist. „Für einen behämmerten Brunnen, der sich dreht, hat die Stadt Geld. Aber für vernünftige Behindertentoiletten nicht“, lässt Fink-Conrad ihrem Frust freien Lauf.

Defekt an Toilettentür tritt seit mindestens eineinhalb Jahren auf

Sie stört sich daran, dass in dem Klo keine Tür eingebaut sei, die sich automatisch öffne. Ist sie sehr wohl, sagt Steven Rehder aus dem Immobilienmanagement der Delmenhorster Wirtschaftsförderung (dwfg), die für die Wartung des Toilettenhäuschens verantwortlich ist. Bloß sei der Mechanismus, der die Tür automatisch öffnet, „gelegentlich“ gestört, sagt Rehder. Der Grund: „Benutzer dieser behindertengerechten Uni-Sex-Toilette sind wohl zu ungeduldig und ziehen die automatisch öffnende Tür per Hand auf.“ Und das ist eben Gift für die Mechanik. So beschreibt es Rehder, der die Störungen bedauert. Allerdings tritt dieser Defekt seit mindestens eineinhalb Jahren immer wieder auf. Seit dieser Zeit nämlich benutzt Fink-Conrad die Toilette regelmäßig, nachdem sie im Herbst 2015 einen Schlaganfall erlitten hat und seitdem halbseitig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen ist. „Seitdem ich die Toilette benutze, hat die Tür noch nie richtig funktioniert“, sagt sie.

Behindertenbeirat bemängelt generell fehlendes Verständnis

Für die 69-Jährige ist dies ein Beispiel dafür, wie wenig Rücksicht allgemein auf Behinderte im Stadtgebiet genommen wird. Günter Buckmann, Vorsitzender des Behindertenbeirats, bemängelt, dass generell die Toiletten der Gastronomie in der City wenig behindertenfreundlich seien. „Oft sind nicht einmal die Eingänge breit genug für einen Rollstuhl. Den Wirten fehlt dafür völlig das Verständnis.“ Und ein weiteres Übel sei, dass die Blindenleitstreifen auf dem Marktplatz regelmäßig an Markttagen zugestellt seien.

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Viele Lösungen liegen in Aktionsplan bereit

Vieles, so Buckmann, könnte man für Behinderte einfacher machen. Wie das laufen könnte, wurde 2014 im „Aktionsplan des Runden Tisches zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in Delmenhorst“ beschrieben. Ideen wie die Beseitigung von Barrieren in öffentlichen Gebäuden, beim ZOB, in Kultur- sowie Freizeiteinrichtungen, die Sensibilisierung von City-Kaufleuten, markierte Stellplätze für Rollstühle in Bussen und vieles mehr sind darin aufgelistet. Anfang 2016 beschloss der Rat, die Verwaltung möge einen Maßnahmenkatalog erarbeiten, wie diese Vorschläge konkret umgesetzt werden können. Zuletzt kam das Thema im Gesundheitsausschuss im Juni 2016 auf den Tisch, teilt Fachbereichsleiter Arnold Eckardt auf Anfrage mit. Konkrete Maßnahmen, die damals vorgestellt wurden, nennt er aber nicht.

Aktionsplan im Sande verlaufen

„Wir warten immer noch darauf, dass was passiert“, sagt der Behindertenbeauftragte der Stadt, Ulrich Gödel. Er muss es wissen. Er ist Herausgeber des genannten Aktionsplans. „Das ist im Sande verlaufen.“ Auch eine Nachfrage seitens des Behindertenbeirats im Herbst im Gesundheitsausschuss sei ergebnislos geblieben. Gödel sagt, seinerzeit sei im Rat auch über eine Koordinierungsstelle abgestimmt worden, die die Maßnahmen aus dem Aktionsplan umsetzen hätte können – „die Stelle hat der Rat aber abgelehnt“, so Gödel.

„Als wären wir der Stadt egal“

„Es kann doch nicht sein, dass der Beirat und die Politik derart nebenher arbeiten“, sagt Florian Bremer. Bremer ist Geschäftsführer der Fraktion Bürgerforum und Freie Wähler. Bei einem Autounfall erlitt er vor zehn Jahren ein schweres Schädelhirntrauma und hat seitdem mit Epilepsie und vielen anderen Einschränkungen zu kämpfen. „Wir kommen uns vor, als wären wir der Stadt egal“, spricht er für sich und andere Behinderte. Ob bei Neubauprojekten, im öffentlichen Raum oder in Geschäften in der City oder anderen Punkten – der Verbesserungsbedarf sei groß.