Ungeachtet aller Ratgeber Lust auf Fleisch ist in Delmenhorst ungebrochen

Von Kai Hasse

Ungebrochen ist der mittägliche Ansturm bei den örtlichen Fleischereien Delmenhorsts. Foto: Kai HasseUngebrochen ist der mittägliche Ansturm bei den örtlichen Fleischereien Delmenhorsts. Foto: Kai Hasse

Delmenhorst. Die Delmenhorster lassen sich ihr Fleisch nicht nehmen. Und das auch, wenn Gesundheitsratgeber und Umweltschützer deutlich weniger Fleischkonsum einfordern.

Die Menschen sollten weniger Fleisch essen. Das ist die Grundaussage des Fleischatlas 2018. Das sei gesünder und umweltschonender. Das Ansinnen ist nicht neu: Seit Jahren empfehlen Umwelt- und Ernährungsorganisationen entsprechenden Verzicht oder Einschränkung. Eine Befragung bei örtlichen Fleischproduzenten und -Verkäufern legt jedoch nahe: Die Delmenhorster lassen sich Boulette, Kotelett und Pinkel weiter schmecken.

Unveränderte Fleischmengen in Delmenhorst

Der „Fleischatlas“ von Heinrich-Böll-Stiftung, BUND und Le Monde Diplomatique argumentiert, wie schlecht zu hoher Fleischkonsum für Gesundheit und Umwelt ist. Und laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung geht – zumindest beim Schwein – der Fleischverzehr in Deutschland leicht zurück, von 68 Kilo im Jahr 1996 auf 60 Kilo 20 Jahre später. In Delmenhorst bemerken die Händler das an der Theke nicht: 80 Schweine und sechs bis sieben Rinder aus der Region werden pro Woche in der Fleischerei von Hergen Kämena für den Markt zubereitet. Die Zahl hält sich über die vergangenen Jahre unverändert, sagt Kämena, der auch stellvertretender Obermeister der Bäcker- und Fleischereiinnung Delmenhorsts ist. „Dass es weniger werden würde, kann ich an meinen betriebswirtschaftlichen Zahlen nicht bestätigen“, sagt er. Einen Effekt, den er nach der öffentlichen Diskussion über Fleischkonsum bemerkt, ist eine verstärkte Sensibilität der Verbraucher bezüglich der Herkunft und Züchtung des Fleisches. „Dabei herrscht zum Teil ein extremes Halbwissen vor“, sagt er. Es gäbe viel Unsicherheit, was Herkunft von Fleisch und Gesundheit engehe. Das führt er auch darauf zurück, dass Menschen zunehmend den Bezug zur Zucht verlieren würden. „Früher wussten noch viele, wie man ein Tier schlachtet. Heute ist das Wissen nicht mehr da.“ Daraus folge dann Verunsicherung über das Produkt – und so ein Zuwenden zu theoretischen Beratern wie aus Gesundheitsmagazinen.

Hinkehr zu „Convenience“-Produkten

Was er außerdem beobachtet, ist auch eine zunehmende Nachfrage nach „Convenience“-Produkten – also halbfertig oder komplett küchenfertig verarbeiteten Produkten: Frikadellen aus dem Haus, marinierte Steaks, Geschnetzeltes. Und das nicht einmal, weil den Menschen die Zeit in der Küche fehle: „Es ist vielmehr so, dass die Leute nicht mehr genau wissen, wie sie das Fleisch zubereiten.“ Also lasse man die Zubereitung lieber in den Händen des Fleischers, und nicht den eigenen Fähigkeiten.

Längeres Umdenken nötig

Ähnliche Beobachtungen macht auch Bernd Oetken, Chef der lokalen Supermarkt-Kette Inkoop. Der Absatz von allen Produkten aus Fleisch „sinkt nicht nennenswert“. Das umfasst die Umsatzzahlen an der Fleischtheke und auch den von weiteren fleischhaltigen Produkten wie etwa abgepackten Aufschnitt. Und: Auch ihn umtreibt eher die steigende Nachfrage nach geschnittenen, abgepackten – also schnell und ohne große Kenntnisse benutzbaren Produkten. Damit sich der Fleischkonsum tatsächlich ändere, „dazu braucht es beim Großteil der Kunden noch eine längere Zeit des Umdenkens.“

Kein Wandel beim Imbiss zwischendurch

Unverändert lange Schlangen gibt es bei der Fleischerei Lehnacker in der Delmenhorster Innenstadt. Auch hier bemerkt Geschäftsführer Thomas Nordbruch keinen spürbaren Wandel. Um sich vom Massenprodukt aus dem Supermarkt abzusetzen, setzt er auf eine besondere Ernährung der von ihm verwendeten Tieren. Der größte Wandel, den er in den vergangenen Jahren verkraften musste, war eine eingebrochene Laufkundschaft durch die Schließung des Hertie-Hauses. Er bietet an vielen Tagen auch fleischlose Gerichte an: Aber das nicht, weil die Kunden dem Fleisch zunehmend den Rücken kehren – sondern weil es schon seit Jahren ein beliebtes Zusatzgeschäft gewesen ist, ungeachtet aller öffentlicher Diskussionen.