Lebensbilder: Wiebke Steffen Kriminologin erforschte Wurzeln der Gewalt

Von Werner Garbas

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Delmenhorst. Sie war Vorbild und Wegbereiterin einer qualitativ hochwertigen Kriminalprävention – in der Wertschätzung einer Kollegin war Wiebke Steffen „eine kleine Frau, die den Schatten eines Riesen geworfen hat“.

Geboren wurde Wiebke Steffen am 26. Mai 1946 in Delmenhorst. Sie wuchs gemeinsam mit ihrer drei Jahre älteren Schwester Heide in einem vom Geist der Sozialdemokratie geprägten Elternhaus auf, das ihr Eintreten für das Allgemeinwohl und ihr zivilgesellschaftliches Engagement begründete und förderte. Der Großvater, Wilhelm von der Heyde, von den Nazis verfolgt, war einer der Wiedergründer der Delmenhorster SPD und erwarb sich von 1946 bis 1968 als Oberbürgermeister der Stadt einen Ruf als beliebter „großer alter Mann der Delmenhorster Kommunalpolitik“. Der Vater, Hermann Steffen, war Pädagoge und langjähriger Vorsitzender des Schullandheimvereins Große Höhe, die Mutter, Gertrud, eine feste Größe in der SPD, Aktivistin der Arbeiterwohlfahrt und von 1974 bis 1976 Bürgermeisterin der Delmestadt.

Abitur am Max-Planck-Gymnasium

1965 bestand Wiebke Steffen das Abitur am Max-Planck-Gymnasium, danach studierte sie bis 1973 Soziologie, Politische Wissenschaften und Wirtschafts- und Sozialgeschichte an den Universitäten Hamburg und Freiburg. Mit erfolgreichem Master-Abschluss 1970 war sie zunächst für einige Zeit Mitarbeiterin des Forschungsbereiches „Sozialarbeit“ des Institutes für Soziologie der Universität Freiburg, bevor sie von 1973 bis 1978 eine Tätigkeit als wissenschaftliche Referentin am dortigen Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht ausübte. Im Jahr 1976 promovierte sie mit einer Abhandlung zum Thema „Analyse polizeilicher Ermittlungsarbeit aus der Sicht des späteren Strafverfahrens“.

Polizeipraktiker wissenschaftlich beraten

Das Jahr 1978 brachte für Wiebke Steffen eine berufliche Neuorientierung. Sie wechselte von Freiburg nach München zum Bayerischen Landeskriminalamt, wo sie die Kriminologische Forschungsgruppe der bayerischen Polizei ins Leben rief, die sie auch bis 2002 leitete. Von 1994 bis zum Ende ihrer aktiven Dienstzeit stand sie außerdem dem Dezernat „Forschung, Statistik und Prävention“ des Kriminalamtes vor. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte bildeten die Politik- und Praxisberatung, vor allem durch die Publikation sozialwissenschaftlich-kriminologischer Veröffentlichungen und Gutachten. Dabei engagierte sie sich vor allem in folgenden Themenbereichen: Junge Menschen als Opfer und Täter von Kriminalität, Migration und Kriminalität, Gewalt im sozialen Nahraum, Kriminalprävention sowie Zielsetzung und Erfolgsmessung in der polizeilichen Kriminalitätskontrolle.

Großes Engagement für Prävention und Opferhilfe

Neben der hauptberuflichen Arbeit gab es zahlreiche Institutionen und Gremien, in deren Tätigkeit sich Wiebke Steffen mit großem persönlichem Engagement einbrachte. So war sie von 1988 bis 1990 Mitglied der Gewaltkommission der Bundesregierung und von 1997 bis 2006 Vorsitzende der Kommission Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes. Für den Schutz von Opfern und die Opferhilfe setzte sie sich im Fachbeirat Vorbeugung und als Mitglied des Bundesvorstandes des Weißen Rings ein. Großes Ansehen erwarb sie sich zudem für ihr Wirken beim Deutschen Präventionstag.

Privates Glück und zu früher Tod

Privates Glück stellte sich für Wiebke Steffen ein, als sie 1996 den Kaufmann Karl-Günter Bilger kennenlernte, den sie einige Jahre später auch heiratete. Heiligenberg im Bodenseekreis wurde damit neben dem Dienstort München ihr zweites Domizil und bot ihr ein neues Lebensumfeld.

Die sportbegeisterte und vielseitig kulturell interessierte Kriminologin und Pionierin der Kriminalprävention starb nach kurzer schwerer Krankheit viel zu früh am 22. Juli 2017 im Alter von 71 Jahren.


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