Dampfer auf dem Vormarsch Immer mehr E-Zigaretten in Delmenhorst zu sehen

Von Frederik Grabbe

E-Zigaretten fallen durch die Dampfwolken auf, die sie erzeugen. Dk-Redakteur Eyke Swarovsky ist vor vier Monaten aufs Dampfen umgestiegen und bläst hier eine Ladung Erdbeer-Melone in die Luft. Foto: Frederik GrabbeE-Zigaretten fallen durch die Dampfwolken auf, die sie erzeugen. Dk-Redakteur Eyke Swarovsky ist vor vier Monaten aufs Dampfen umgestiegen und bläst hier eine Ladung Erdbeer-Melone in die Luft. Foto: Frederik Grabbe

Delmenhorst. E-Zigaretten befinden sich auf einem ungeahnten Siegeszug. Zwischen 2016 und 2017 hat sich der bundesweite Umsatz mit den elektrischen Glimmstängeln um 103 Prozent auf 33,5 Millionen Euro erhöht. Auch in Delmenhorst sind die Nutzer immer häufiger zu sehen – bestens zu erkennen an häufig üppigen Dampfwolken. Doch das gesundheitliche Risiko ist derzeit noch nicht vollends klar.

Wer aufmerksam durch Delmenhorst geht, sieht sie überall: Zumeist junge Leute, die eifrig an einem Stück Plastik saugen – und beim Ausatmen üppige Dampfwolken in die Luft stoßen. E-Zigaretten werden immer beliebter. Der Drang von Rauchern, ihre Sucht endlich abzulegen und eine schier endlose Auswahl bei den Geschmacksrichtungen machen es möglich. Der Erfolg des elektronischen Glimmstängels zeigt sich nicht nur im Stadtbild – sondern auch in der Kasse einschlägiger Händler.

Umsatz mit E-Zigarette stetig gestiegen

Ein Nachmittag unter der Woche bei Zigarren Berndt an der Bahnhofstraße: Die Kundenfrequenz ist hoch. Kaum ein Wort kann man mit dem Chef Willi Werk sprechen, ohne dass unter einem kräftigen Bimmeln ein neuer Kunde den Laden betritt. Viele fragen nach E-Zigaretten oder nach einzelnen Bauteilen, die das Rauchen – oder Dampfen, wie es korrekt heißt – komplett neu aufrollen. Tabak, Shisha-Zubehör, Spirituosen, Kaffee und Tee sind unter anderem Teile des Sortiments von Zigarren Berndt. Seit vor drei Jahren der Hype um die E-Zigarette losbrach, stieg der Umsatz in diesem Bereich immer mehr an. Heute, sagt Werk ohne Zahlen zu nennen, ist die E-Zigarette sein zweitwichtigstes Standbein.

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Inhalierter Genuss mit Lebenmittelzusatzstoffen

Die Funktionsweise ist grob skizziert wie folgt: In einem Verdampfer fließt sogenanntes Liquid in ein Stück Watte und wird darin über eine elektrische Spule erhitzt. Dass so verdampfte Liquid wird vom Nutzer ein- und wieder ausgeatmet. Durch das Saugen kommt neues Liquid in die Watte. Die Flüssigkeit selbst besteht aus den beiden Lebensmittelzusatzstoffen Propylenglycol und pflanzlichem Glycerin sowie zum Teil aus Wasser, Lebensmittelaromen und gegebenenfalls Nikotin. Propylenglycol ist beispielsweise auch in Kosmetik oder Kaugummis zu finden, Glycerin in Zahnpasta oder Frostschutzmitteln. Der Clou: Durch ihre chemische Zusammensetzung sind Liquide extrem vielseitig und in fast allen erdenklichen Geschmacksrichtungen zu haben. Allein 250 Sorten führt Werk. „Von Thymian bis Gummibärchen – es gibt nichts, was es nicht gibt“, sagt der 62-Jährige. Eine kurze Internetrecherche ergibt, dass der Markt sogar die Geschmäcker „Brathähnchen“ oder „Oktopus“ hergibt. Hinzu kommen 250 verschiedene Aromen, die Werk jenen Kunden anbietet, die sich ihre Liquide als „Dampfgut“ selber mixen. So lässt sich die Geschmacksvielfalt noch einmal erweitern.

Hobbybastler erstellen sich ihre individuelle Zigarette

Dieses „Selbermachen“ ist typischen Kennzeichen der Dampfer. Drähte zwirbeln, Watte stopfen, Liquide mischen – das alles ist möglich, jeder kann sich so einen individuellen Apparat bauen. „Das ist wie bei der elektrischen Eisenbahn, die unten im Keller steht“, zieht Werk einen Vergleich. Neben diesen Hobbybastlern sind es vor allem jene, die vom Tabak-Rauchen loskommen wollen, die die E-Zigarette nutzen, sagt Werk. Denn der Nikotingehalt kann reguliert oder ganz weggelassen werden und so zur Entwöhnung von der Sucht beitragen.

Langzeitfolgen des Dampfens bislang noch nicht absehbar

Willi Werk (62), Inhaber von Zigarren Berndt, mit einer Auswahl an E-Zigaretten. Foto: Frederik Grabbe

Skeptisch hingegen darf auf den gesundheitlichen Aspekt des E-Zigarette-Dampfens geblickt werden. „So richtig weiß bislang niemand, welche Substanzen man seinem Körper zumutet“, sagt der Delmenhorster Internist und Pneumologe Dr. Uwe Bülow über mögliche Langzeitfolgen. „Propylenglycol und Glycerin gelten als Lebensmittelzusatzstoffe als unbedenklich, aber es ist wenig erforscht, welche Folgen diese Stoffe als Inhalate verursachen.“ Sicher ist für den Lungenfacharzt aber, dass Kohlenmonoxid oder Rußpartikel, die als Schadstoffe beim herkömmlichen Rauchen in die Lunge geblasen werden, wegfallen. „Wenn jemand sich das Rauchen abgewöhnen will und er mit Nikotinpflastern bisher gescheitert ist, kann die E-Zigarette ein Hilfsmittel sein“, gesteht Bülow zu. All das erzählt Rauchwarenhändler Willi Werk und sein Team auch der Kundschaft – so ehrlich muss man schließlich sein. „Der Vorteil für die Atemwege liegt für uns aber auf der Hand.“