Das neue Oldenburger Jahrbuch Graf Anton Günther war kein zimperlicher Herrscher

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Die Migranten aus Böhmen fanden Unterkunft in den Arbeiterhäusern in der „Enklave“ auf dem Gelände der NW&K. Darunter auch Franz-Reinhard Rupperts Urgroßmutter Theresa Ruppert. Foto: Franz-Reinhard RuppertDie Migranten aus Böhmen fanden Unterkunft in den Arbeiterhäusern in der „Enklave“ auf dem Gelände der NW&K. Darunter auch Franz-Reinhard Rupperts Urgroßmutter Theresa Ruppert. Foto: Franz-Reinhard Ruppert

Delmenhorst. Das neue Oldenburger Jahrbuch weist die gewohnte Vielfalt an heimatgeschichtlichen Themen auf. Auch Aspekte der Delmenhorster Geschichte werden behandelt.

In dem gerade angebrochenen Jahr jährt sich der Beginn eines verheerenden Krieges, der über Jahrzehnte auf deutschem Territorium wütete, zum 400. Mal: Nach dem Prager Fenstersturz begann im Mai 1618 der Dreißigjährige Krieg. Dieser nicht enden wollende Konflikt hat sich lange Zeit tief in das kollektive Bewusstsein der Deutschen eingebrannt, ehe ein noch schrecklicherer Krieg, verbunden mit den Verbrechen der Nazis, diese Erinnerung überlagerte.

Anton Günther setzte ganz auf Neutralitätspolitik

Angesichts der verheerenden Auswirkungen der immer neuen Feldzüge der Kriegsparteien ab 1618 in weiten Teilen des Reichs ist es umso bemerkenswerter, dass das Oldenburger Land weitgehend davon verschont blieb. War dies einer geschickten Diplomatie und Politik des Landesherrn zu verdanken, des Grafen Anton Günther von Oldenburg, die ihm gerne zugeschrieben wird? „Das Zauberwort seiner ganzen Außenpolitik im Dreißigjährigen Krieg und auch danach hieß: Neutralität“, urteilte der Historiker Professor Gerd Steinwascher im vergangenen Jahr in einem Vortrag im Niedersächsischen Landesarchiv in Oldenburg anlässlich des 350. Todestages Anton Günthers.

Glückliche Umstände kamen zu Hilfe

Zugleich gab er zu bedenken, dass auch andere Reichsstände auf dieselbe Karte setzten, jedoch mit weitaus weniger Erfolg. Durchmärsche und Einquartierungen zu verhindern, habe nur bedingt mit einer Neutralitätserklärung und Geschenken bewirkt werden können. Steinwaschers Fazit: Dass Anton Günther Erfolg hatte, „war vor allem dem Umstand zu verdanken, dass der Nordwesten ohnehin glimpflich davonkam“.

Reformbilanz des Herrschers eher bescheiden

In erweiterter Form fand der Vortrag unter dem Titel „Graf Anton Günther von Oldenburg – Wirken und Mythos eines Oldenburger Herrschers“ Aufnahme im jüngst erschienenen Oldenburger Jahrbuch 2017 des Oldenburger Landesvereins für Geschichte, Natur- und Heimatkunde. Steinwascher entwirft darin ein vielschichtiges Profil des bis heute wohl populärsten und bekanntesten der Oldenburger Herrscher. Er kommt zu dem Schluss, das sich ein zu geschöntes Urteil über Anton Günther gebildet hat. Angesichts seiner ungewöhnlich langen Regentschaft von 64 Jahren seien seine Reformen als Landesherr „eher bescheiden“, bilanziert der Verfasser. Der Graf sei „nicht zimperlich“ im Umgang mit seinen Untertanen gewesen.

Zuwanderung aus Böhmen untersucht

Mit zwei sehr unterschiedlichen Aspekten der Delmenhorster Geschichte befassen sich zwei weitere Beiträge im Oldenburger Jahrbuch. Franz-Reinhard Ruppert widmet sich der Zuwanderung von Arbeitsmigranten aus dem damals zu Österreich-Ungarn gehörenden Böhmen nach Delmenhorst ab 1885. Die rasante Entwicklung der „Nordwolle“-Fabrik ließ den Bedarf an auswärtigen Arbeitskräften rasch anwachsen.

Steven Heimlich und Björn Allmendiger begeben sich auf „Eine postkoloniale Spurensuche in Delmenhorst“, genauer gesagt, im „Kolonialforscherviertel“ in Annenheide. Dort zeugen noch heute Straßennamen wie Wissmann- oder Lettow-Vorbeck-Straße von der einstigen kolonialen Begeisterung in Deutschland. Der Beitrag der beiden Autoren beleuchtet die wechselvolle Geschichte der Diskussionen und Konflikte um diese Straßennamen und zeichnet so ein spannendes Bild vom Verlauf des Diskurses über die eigene koloniale Vergangenheit.


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