Camping Wintercamping im Praxistest

Von Heidi Siefert | 02.12.2022, 06:00 Uhr

Wintercamping boomt - eine Zunahme von mehr als 140 Prozent an Wintercampern registrierte jüngst das Statistische Bundesamt. Längst haben sich zahlreiche Plätze darauf eingerichtet. Wir haben es ausprobiert.

Schneeschaufel, Trittleiter, der Handfeger mit dem extra langen Griff, Wolldecken, Wärmflaschen. Immer wieder gehe ich im Kopf die Liste durch, was auf keinen Fall fehlen darf. War das wirklich eine gute Idee mit dem Wintercamping? Bloß, weil der schöne Platz in den Dolomiten zum Wunschtermin keines der gemütlichen Chalets aus Holz frei hatte. Hätten wir nicht doch lieber eine andere Unterkunft suchen sollen? Andererseits ist so ein bisschen Abenteuer - zumal mit Kindern an Bord - ja nie verkehrt und im Camping Vidor in den Dolomiten wissen wir, dass ein gemütliches Lokal und ein warmes Schwimmbad nur ein paar Schritte entfernt sein werden.

So starten wir dann doch recht zuversichtlich zu unserer Jungfernfahrt im Schnee - und sind einigermaßen beruhigt, dass zumindest das ausgeliehene Wohnmobil erfolgreich im Wintercamping erprobt ist. Eine Abdeckung fürs Lüftungsgitter des Kühlschranks, damit die Winterkälte nicht durch die Ritzen nach drinnen kriecht, gehört ebenso zur Extra-Ausstattung, wie Thermoabdeckungen für die Fenster in der Fahrerkabine und ein kleines Vorzelt. Unter die Sitzecke haben wir auf Empfehlung von wintercampingerprobten Freunden schon mal einen kuscheligen Teppich gelegt. Die Sitzgarnitur haben wir aus dem Stauraum geräumt und stattdessen Schlitten, Ski und Schaufeln eingepackt. Plus saugfähige Schmutzfangmatte - auch das ein Tipp.

Auf der Fahrt über den Brenner beginnt es zu schneien. Nicht viel, aber die Flocken sind die richtige Einstimmung und je näher wir dem Val di Fassa kommen, desto winterlicher wird auch die Umgebung. „Was, wenn es uns einschneit und wir nicht mehr zur Tür hinauskommen?“, überlegen die Kinder. Und ob man denn nicht direkt mit den Skiern aus dem Camper starten könne. Während sie noch kichernd immer abenteuerlichere Pläne schmieden, biegen wir in die Einfahrt unseres Campingplatzes. Die rustikalen Chalets kennen wir von unserem letzten Aufenthalt. Jetzt steuern wir eine sauber geräumte Parzelle an - und genießen neben einem schnellen Blick auf die mächtigen Dolomiten direkt den ersten großen Vorteil dieses auf Wintergäste eingerichteten Platzes: An die Parzelle führt eine eigene Gasleitung. So müssen wir die Gasflaschen nicht anschließen und können sicher sein, dass es nicht irgendwann kalt wird, weil wir sie zu wechseln vergessen haben. Zwei bis drei Tage, sagt man, reicht die Füllung einer Elf-Kilo-Gasflasche. „Und nie die Heizung komplett ausschalten“, hat man uns eingebläut, weil bei aller Isolierung Wohnmobil- und Wohnwagenwände dünn sind. Und dabei geht es nicht nur ums persönliche Wohlbefinden, sondern auch darum, dass bei zu tiefen Temperaturen das Wasser in der Leitung nicht gefriert. Dafür ist der sogenannte Frostwächter zuständig.

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Fahrzeug: Grundvoraussetzung sind Winterreifen mit ausreichend tiefem Profil, dazu Schneeketten fürs Wohnmobil oder das Zugfahrzeug. Beim Wohnmobil nicht auf die Kraftstoffreste vom Sommer bauen. Auf jeden Fall Winterdiesel tanken. Isolierhauben decken von außen Fenster und Dachfenster ab.

Zubehör: Schneekratzer, Schaufel und Besen mit Teleskopstange und eine Trittleiter, die hoch genug ist, um sicher aufs Dach zu kommen, wenn dieses abgeschaufelt werden muss. Immer eine Reserve-Gasflasche mitnehmen und bei Gebläseheizungen mit Gas abends den Füllstand kontrollieren. Die Heizung im Camper oder Wohnmobil nie komplett ausschalten, um zu starkes Auskühlen zu verhindern. Regelmäßig (Stoß-)Lüften, um Feuchtigkeit im Innenraum und damit der Gefahr von Schimmelbildung vorzubeugen. Dazu gehört es auch, während des ersten Heizens Schränke, Klappen, Rollläden und Gardinen zu öffnen, um den Raum gleichmäßig zu erwärmen. Schmutzwasser nicht aufbewahren, sondern direkt in einen Eimer abfließen lassen, falls Wassertanks nicht beheizbar sind oder der Fußboden nicht doppelt isolierbar ist.

Tricks: Einen sonnigen Stellplatz aussuchen. Vorzelte oder ausgefahrene Markisen eignen sich gut als Kälteschleuse und zum Aufbewahren von Sportgeräten, Stiefeln, feuchter und schmutziger Kleidung. Schlaufen an den Reißverschlüsse am Vorzelt befestigen. Beim Heizen eines komplett kalten Fahrzeugs zunächst nur die Heizungsklappen im Wohnbereich öffnen und Bad und Schlafraum erst dann temperieren, wenn es dort schon warm ist. Mit Kleiderbügeln und einer Stange im Vorzelt oder in der Nasszelle Platz zum Trocknen schaffen. Abtropfschalen für Schuhe.

Spezialisten für Wintercamper: Es gibt immer mehr Anlagen, die auf Wintercamper eingestellt sind. Sie bieten Annehmlichkeiten wie Trockenräume für nasse Kleidung, Abstellmöglichkeiten für Sportgeräte und gemütliche Gemeinschaftsräume für lange Winterabende. Angenehm sind Plätze mit Sauna, Schwimmbad oder Wellness. Wintersportbegeisterte schätzen Campingmöglichkeiten direkt an Pisten, Bergbahnen oder Loipen.

Und noch etwas gibt es mit einem herrlichen Namen für die Fantasie von Moritz und Felix: unsere Kälteschleuse. Gemeint ist das kleine Vorzelt, das wir wie einen Windfang vor die Tür bauen. Vor allem, um all die nassen Sachen schon draußen ausziehen zu können. Nicht immer wird das gelingen, aber es ist eine sehr praktische Erleichterung. Und es erspart uns gleich am ersten Morgen beim Öffnen der Tür mit einer Ladung Neuschnee begrüßt zu werden. Schaufel, Besen und Eiskratzer, haben wir gelernt, sind griffbereit gleich bei der Tür. Wenn sie nicht gerade zum Iglubauen, Ski abfegen und dergleichen verwendet werden.

Die Ski kommen ins Depot, wo es für jeden Stellplatz einen verschließbaren Spind gibt, aus dem wir morgens gemütlich warme Stiefel und Handschuhe holen können. Dass es hier direkt in die Ski und auf die Piste geht, war der Hauptgrund unseres Aufenthaltes bei Familie Pezzei, die Liftpässe für das Dolomiti-Superski-Gebiet direkt an der Rezeption verkauft. Wer Abwechslung sucht oder lieber in die Loipe geht, kann bequem mit dem Skibus alle anderen Orte im Tal erreichen. Mobil ist man hier auch, wenn man sein rollendes Domizil nicht mehr bewegt.

Sind wir zunächst noch angespannt, ob es warm ist, ob es trocken ist oder ob uns auf den paar Quadratmetern schon bald die Decke auf den Kopf fällt, wird das Abenteuer Wintercamping schnell recht vertraut. Wir genießen die gemütliche Wärme im Camper, klopfen routiniert den Schnee vom Vorzeltdach, wenn wir ihn verlassen, fegen den Kamin regelmäßig frei - und freuen uns dann doch irgendwann wieder, nicht mehr ganz so diszipliniert mit nassen Klamotten, matschigen Schuhen und all unserem Zubehör sein zu müssen. Gelohnt hat es sich aber auf jeden Fall, und noch viel später werden die Kinder vom Frostwächter, der Kälteschleuse und dem coolen Schwimmbad erzählen.

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