Südtirol Alte Liebe zum Neuen Wein

Von Hans-Werner Rodrian | 21.10.2022, 06:00 Uhr

Törggelen: Nur im Herbst servieren Südtirols echte Buschenschänken ihren Eigenbauwein

Ein Glas roter Wein funkelt in der milden Herbstsonne, dazu hat die Wirtin ein Speckbrett und geröstete Kastanien auf den rustikal gezimmerten Tisch gestellt. Im Abendlicht glühen die Dolomitengipfel, und nur das Klimpern der Kuhglocken durchbricht die erhabene Bergruhe. Nie ist Südtirol schöner als im Spätherbst.

Malerisch vergoldet sind die Weinberge zwischen Neustift und Kalterer See schon früh. Doch erst spät im Jahr offenbart die Bergregion ihre allerschönste Seite: das „Törggelen“. Das bedeutet, erst ausgiebig zu wandern und dann gemütlich beisammen zu sitzen, beim jungen Wein und einer herzhaften „Marende“ - einer Jause.

„Torggl“ nennen die Südtiroler von alters her die Weinpressen. Wenn die schweren Holz-Ungetüme früher ihre Arbeit getan hatten, dann begann das Törggelen. Bauern stellten ein paar Stühle und Tische vors Haus, und ihre guten Stuben verwandelten sich zu Buschenschänken. Heute tun auch auf den abgeschiedensten Höfen längst moderne Edelstahlpressen ihren Dienst. Doch den frisch gekelterten süßen „Most“ und den halbgegorenen „Nuien“ gibt es immer noch genau wie früher, dazu ein „G‘selchtes“ mit Kraut und hinterher „Köschtn“, die frisch gerösteten Esskastanien.

Den Urlaubsgästen zuliebe beginnen die ersten Törggelen-Partien als Ausflugsattraktion heute schon im September. Busse fahren einschlägige Großgaststätten an. Dort wird geschunkelt und gesungen, der süße Traubenmost fließt in Strömen. Dass er pasteurisiert ist und aus Süditalien stammt, stört da kaum jemanden.

Mit der Tradition des Törggelen hat das alles freilich wenig zu tun. Das findet im kleinen Freundeskreis statt und verträgt keine lauten Töne. Nach alter Sitte wird der neue Wein auch erst um Martini, dem 11. November, herum verkostet. Doch keine Angst: Dann wartet immer noch eine strahlende Herbstsonne auf alle, die zum Wein wandern. Denn der wächst ja nur in sonnigen Südlagen, wo es weder Nebel noch viel Frost gibt.

Den Weg zu den schönsten Buschenschänken weist entweder eine gute Spürnase oder ein paar gute Adressen (Infos am Textende). Am leichtesten fündig wird der Neuling natürlich in den Hochburgen des Törggelen: am Salten mit dem Hauptort Jenesien zum Beispiel, um Feldthurns im Eisacktal und um Völlan bei Meran. Doch nirgendwo sind so viele Buschenschänken auf einem Fleck wie am Ritten, dem Hausberg am Südhang von Bozen. Zudem gilt der Ritten auch als exzellentes Wandergebiet.

Denn ohne Fleiß kein Wein: Vor die Verkostung haben die Törggelen-Regeln das Wandern gesetzt. Auch wenn heute fast alle Höfe mit dem Auto zu erreichen sind, so geht man zu „seinem“ Törggelen-Hof doch am besten zu Fuß - und sei es nur, um sich bei der Weinverkostung nicht zurückhalten zu müssen.

Signat, ein winziger Weiler mit Paradeblick auf Bozen, ist ein Dorado der Buschenschanken. Zwischen Kastanien, Obst- und Weinhängen lässt sich fast ein Dutzend Höfe aufspüren, die zur Saison Speck, Käse und Wein aus eigener Produktion anbieten. Grüngolden schimmert das Laubdach des Lärchenwalds, unten breitet sich Bozen wie ein Spielzeugteppich aus, und am Wegesrand liegen Buschenschanken, eine uriger als die andere: Da ist der Loosmannhof, auf dem vom selbstgebackenen Brot bis zur Schlachtplatte nur eigene Produkte angeboten werden; ein paar Meter weiter der Baumannhof.

Ein anderer Klassiker unter den Buschenschanken am Ritten ist der Rielingerhof. Er liegt unterhalb von Klobenstein auf einem Sonnenhang, steil blickt man hinunter ins Eisacktal und hinüber zum Schlern. Vor einigen Jahren haben Matthias und Evi Messner Hof und Buschenschank übernommen, das Anwesen auf Bio umgestellt und sich beim Weinbau einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet. Neben dem klassischen Vernatsch werden heute auch Rosé ausgebaut und sogar ein Riesling - die Sorte hat Matthias von einer Fortbildung aus der Pfalz mitgebracht. Dazu gibt es die typische Hausmannskost der Rittner Bauern. Schlutzer, Knödel und Bauernkrapfen stehen auf dem Speiseplan, für den weiter Altbauer Heinl zuständig ist. Vom Brot über die Würste bis zum Speck ist alles hausgemacht.

Mehr Informationen:

Zuverlässige Tipps für hochwertige Törggelenhöfe enthält der Internetauftritt „Roter Hahn“ des Südtirolers Bauernbunds. Wer lieber etwas Handfestes in den Rucksack steckt, der bekommt auch weiterhin den gedruckten Prospekt „Bäuerlicher Feinschmecker“ zugeschickt, wenn er ihn im Internet bestellt. Bei der Quartiersuche behilflich sind ebenfalls die Webseite und die Broschüre. 

Der Tourismusverein Ritten hat im Internet eine Liste aller dortigen Buschenschänken veröffentlicht.

Buschenschänken sind meist mit einem gelben Straßenschild gekennzeichnet, auf dem das Wort „Buschenschank“ und der Hofname stehen. Die meisten Törggelen-Buschenschanken verkaufen ihren Wein auch gerne in Flaschen zum Mitnehmen. Hierzu eignet sich allerdings nur der „alte“, also Wein vom Vorjahr, denn der junge Wein gärt noch. Außer Wein erhalten Sie oft auch Äpfel, Kastanien und Speck. 

Wo wohnen? Puristen nehmen natürlich beim Bauern oben auf dem Berg Quartier. Neben dem Rielingerhof eine weitere gute Adresse ist zum Beispiel der Baumannhof in Oberlaitach mit herrlichem Blick über Bozen. Wem so viel Landluft dann doch zu viel ist, der kann sich auch problemlos in Bozen einquartieren. Denn mitten aus der Stadt führt die Seilbahn direkt hinauf nach Oberbozen am Ritten, vorbei übrigens an einigen schönen Exemplaren der kuriosen Erdpyramiden.

Von dort geht es mit einem ganz besonderen Verkehrsmittel weiter über das Hochplateau: der nostalgischen Rittnerbahn, einer einzigartigen Alpen-Trambahn, die im Frühjahr 115 Jahre alt wurde. Dank des rührigen Einsatzes eines privaten Vereins zuckelt die Jugendstil-Elektrische heute wie damals über saftige Almen, durch flammendgelbe Lärchenwälder und über Wiesen voller Herbstzeitlosen - hoffentlich noch lange!

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