Polen Tierisch: Ein Büffel steht im Walde

Von Carsten Heinke | 31.12.2021, 05:14 Uhr

Die Belowescher Heide im Grenzgebiet von Polen und Belarus ist einer der letzten Flachlandurwälder des Kontinents. Zwischen alten Bäumen leben hier die meisten wilden Herden von Europas größtem Landbewohner, dem Wisent.

Wie eine weiße Daunendecke schmiegt sich der Morgennebel an die Wiese zwischen Wald und Sümpfen. In der Belowescher Heide (Puszcza Białowieska) hat die Dämmerung begonnen, doch Blicke in die Ferne schluckt auf halber Strecke noch die Dunkelheit. Vom Beobachtungsturm reicht das Auge ein Stück weiter. Da – endlich, mitten im diffusen Grau erkennt man plötzlich dunkle Flecken. Erdhaufen? Heuschober? Nein, was da fast reglos in der Landschaft steht, sind Wisente, die größten Landbewohner von Europa. Durchs Fernglas sieht man ihre Atemwolken.

Wisente zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgestorben

Einst waren diese friedlichen und scheuen Wildrinder fast auf dem ganzen Kontinent zu Hause. Das Waldgebiet, das sich vom heutigen Ostpolen bis weit nach Belarus hinein erstreckt, war schon vor vielen hundert Jahren ihr wichtigstes Refugium. Nachdem die Wisente zu Beginn des 20. Jahrhunderts in freier Natur bereits ausgestorben waren, startete hier, am Ostrand von Podlachien, ihr Comeback.

Ausgerechnet die Jagd, welche die Spezies fast vollständig vernichtet hatte, trug gewissermaßen auch zu ihrer Rettung bei. Denn als Exklusiv-Trophäen des Hochadels schützte man die Wildrinder noch lange, als es anderswo schon längst keine mehr gab. Mit den allerletzten zwölf in Gefangenschaft gehaltenen Tieren begann der Neuanfang. Die erste Herde wilderte man in den 1950er-Jahren in der Heimat ihrer Ahnen aus. Ihre Nachkommen leben inzwischen überall auf der Welt.

An die Zeit, als litauische Großherzöge, polnische Könige und Kaiser Russlands zum Jagen in die Heide kamen, erinnert der Name des Dorfes Belowesch (Białowieża), der so viel wie „Weißer Turm“ bedeutet. Ein solcher stand hier offenbar – als Teil von einem herrschaftlichen Anwesen. Im Laufe der Geschichte gab es mehrere davon. Doch alle sind verschwunden. Vom letzten, dem Ende des 19, Jahrhunderts gebauten Zarenpalast Alexanders III., blieben nur ein Tor und Nebengebäude erhalten. Darin sind heute unter anderem Verwaltung und Museum des Nationalparks untergebracht. Ebenfalls im ehemaligen Palastpark steht noch ein hölzernes Herrenhaus von 1845.

Wem es nicht gelingt, Wisente in freier Wildbahn zu entdecken, der kann sich im weitläufigen Schaugehege des Reservats ein Bild von diesen stattlichen wie liebenswerten Wesen machen. Auch Elche, Hirsche, Wildpferde und Wölfe kann man dort beobachten.

Hauptattraktion des Nationalparks ist jedoch sein scheinbar unendlicher Wald. Mit dem zum Teil recht hochbetagten Baumbestand und zahlreichen großen, tatsächlich unberührten Weiten gehört er zu den letzten Flachlandurwäldern des Kontinents.

Besonders imposant sind seine alten Eichen. Zwei Dutzend von den nach gekrönten Häuptern benannten Baumveteranen lassen sich am rund 500 Meter langen Rundweg der Königseichen bei Pogorzelce bewundern. Während man die meisten Bereiche des Nationalparks auf eigene Faust zu Fuß oder per Rad erkunden kann, sind streng geschützte Zonen nur mit befugten Führern zugänglich.

Seine Majestät, die Eiche

Märchenkönige tragen rote Mäntel und Pelz aus Hermelin. Dieser hier hat sich in leuchtend grünen Samt aus Moos gehüllt. Erhaben reckt er seine Krone in den Himmel tief im Osten Polens. Denn seine Majestät ist eine Eiche. Mit gut 30 Metern Höhe und vier Metern Bauchumfang zählt „August der Starke“ zu den mächtigsten Bewohnern dieses Walds nicht weit vom Nationalparkzentrum. Doch in der Belowescher Heide gibt es viele, die ihn überragen. Die höchsten schaffen es auf bis zu 50 Meter.

„Augusts“ kahle Äste sind verwachsen, faltig und vernarbt wie geschundene und greise Menschenglieder. Und ebenso wie diese nutzt sie der eine schmerzvoll und der andere mit Stolz und Würde. 1670, als der spätere Kurfürst Sachsens und Polen-König geboren wurde, war der hölzerne Hüne, der heute dessen Namen trägt, bereits ein Bäumchen. Nun ist er ein Denkmal – wie seine 23 Alterskameraden auf dem holzgepflasterten Parcours.

Die Tage dieser Riesen sind gezählt. Meistens sterben sie im Stehen und genauso langsam, wie sie wuchsen. So lange auch nur an den letzten Zweigen Knospen sprießen, steckt darin Leben – genau genommen sogar noch nach dem Tod. Denn jeder Baumleichnam bietet Nachbar-Organismen Raum und Nahrung. Pilze und Insekten machen mit der Zeit das tote Holz dem Boden gleich und schaffen damit Platz für Nachwuchs.

Der Wanderer genießt das Bild der Linien, das der an diesem Wintertag fast nackte Wald aus unzähligen Holzstrukturen zeichnet. Dazwischen flimmern neongrüne Flecken – dick bemooste Rinden alter Eichen, Buchen, Eschen, Linden. Je länger man auf eine Stelle schaut, umso deutlicher wird das System des Wirrwarrs, seine Ästhetik, seine Harmonie. Die Natur ist nicht nur Malerin. Sie ist auch eine Meisterin der Grafik.

Gefährdetes Paradies

Sümpfe, feuchtes Laub und Gras dämpfen jeden Tritt und jedes Knacken. Es ist völlig still am Wochenende. Werktags hatte man selbst noch in jüngster Zeit die Kettensägen kreischen hören. Denn obwohl größtenteils als länderübergreifender Nationalpark, Weltnaturerbe und Biosphärenreservat streng geschützt, war dieser Lebensraum von Wisent, Wildpferd, Elch und Wolf sowie hunderter anderer Tier- und Pflanzenarten durch Rodungen gefährdet. Eine Klage des Europäischen Gerichtshofes wurde letztlich respektiert und die Abholzung gestoppt.

Mehr Informationen:

Anreise: mit dem Auto inklusive Mautstrecke über Warschau und Białystok (von dort über die DW685 sind es 83 km) bis Belowesch (Białowieża) oder per Flug bis Warschau, von dort weiter per Zug oder Linienbus über Białystok und Hajnówka bis in den Nationalpark.Unterkünfte: Gemütliche Zimmer hat der Gästebauernhof Nad Stawami in Belowesch (ul. Mostowa 21, 17-230 Białowieża, Tel. +48 514 278 666, DZ ab PLN 90). Naturnah in historischen Bauernhäusern wohnt man bei Sioło Budy (Budy 41, 17-230 Białowieża, Tel. +48 608 400 272, DZ/F PLN 240). Im Bahnhof (1903) des Zaren Nikolai II. serviert das Carska polnische und russische Küche. Stillvoll übernachten kann man u. a. in Salonwagen (Stacja Towarowa 4, 17-230 Białowieża, Tel. +48 85 681 21 19, DZ/F ab PLN 400).Aktivitäten: Verwaltung und Besucherzentrum des B elowescher Nationalparks (BPN) befinden sich in Belowesch (park Pałacowy 11, 17-230 Białowieża, Tel. +48 85 681 29 01, Museum PLN 16, Aussichtsturm PLN 8). 6 km westlich liegt das Wisentreservat (Rezerwat Pokazowy Żubrów, Eintritt PLN 16). Viele Rad- und Wanderwege sind frei zugänglich. Die BPN-Schutzzone (Eintritt PLN 8–40) darf man nur mit zertifizierten Führern betreten, Kontakte siehe Website des BPN. Touren in Deutsch bieten z. B. Mieczysław Piotrowski (Tel. +48 691 748 382), Sławomir Przygodzki (Tel. +48 606 443 007) oder Arkadiusz Szymura (kiosk Sóweczka, Tel. +48 669 774 777) – alle ortsansässig. Gegen Eintritt (PLN 4) steht Besuchern auch der Weg der Königseichen offen (Szlak Dębów Królewskich, 7 km nordöstlich von Białowieża, an der Straße nach Budy). Fahrradverleih bei P olana Żubra (Pogorzelce 47a, 17-230 Białowieża, Tel. +48 607 531 995, PLN 5/h, 35/Tag). Regionale Tourist-Info: ul. 3 Maja 45, 17-200 Hajnówka Tel. +48 85 682 43 81, w ww.lot.bialowieza.pl, b ialowieza.travelI nfos: Po lnisches Fremdenverkehrsamt

Tannen tauchen aus dem Nebel auf. Mit ihren schwer herabhängenden Nadelzweigen erinnern sie an löchrige Gardinen. Beim Blick hindurch vermischt sich Freude mit Respekt. Auf einer Lichtung, keine hundert Meter weit, steht eine Gruppe dunkler, dampfender Gestalten.

Vor Kraft strotzend, wenden sie ganz langsam die Hörnerhäupter. Der Wanderer in seiner Phantasie erwischt sich bei der Suche nach dem nächsten Baum, auf den er klettern könnte, kämen sie jetzt auf ihn zu gerannt. Doch die großen, wunderschönen Tiere trollen sich – in aller Ruhe – in die entgegengesetzte Richtung.

Meisen zirpen. Ein hohler Stamm verstärkt das Klopfen eines Spechtes. Es wär so schön, wenn diese Stimmen der Natur die einzigen Geräusche blieben im Wald der Könige, wo Wisente und Eichen die wahren Herrscher sind.