Ballermann und Preußens Gloria Warum Schützenfest eine tolle Sache ist

Eine Kolumne von Sören Becker | 09.06.2023, 14:15 Uhr 4 Leserkommentare

Schützenfeste gelten als uncool. Wer vom Land ist, weiß aber, dass das nicht stimmt. Denn sie machen aus einer abgelegenen Ansammlung von Häusern ein Dorf.

Ich wohne seit neuestem in Hamburg, aber an hohen Feiertagen bin ich für immer Sauerländer. Weihnachten, Ostern, Schützenfest. Jedes Jahr an einem Wochende im August stehe ich, komme was da wolle, in meinem Heimatdorf Elspe auf dem Schützenplatz.

Ballermann und Preußens Gloria

Dann höre ich mit einem Pils in der Hand verträumt zu, wie die Mallorca-Schlager aus den Auto-Scooter-Boxen und Preußens Gloria vom lokalen Tambourcorps um die Wette dröhnen. Immer wieder fallen mir Leute um den Hals, die ich in Grundschulzeiten zum letzten Mal regelmäßig gesehen habe. Ich bin vielleicht jetzt Fischkopp, aber trotzdem gehöre ich noch dazu.

Im Feuer aus Rinderwurst und Jägermeister-Bomben schmiedet das Schützenfest aus ein paar Häusern in abgelegenen Hügeln eine Dorfgemeinschaft. Und die ganze Sache beschränkt sich nicht nur auf den Höhepunkt der Feierlichkeiten. Schon im Mai werden die ersten blauweißen Dorffahnen gehisst. Jede einzelne ist ein Anlass für eine Feier, bei der das ganze Dorf eingeladen ist. Im März ist die Schützenweihe und so weiter und sofort. So ist auch in einer Gegend, in der sonst nicht so viel läuft, immer was los.

Schützenverein ist nicht nur Saufen und Ballern

Oft organisiert der Schützenverein nicht nur regelmäßige Saufgelage, bei denen mit scharfen Waffen auf einen Holzvogel geschossen und im Gleichschritt marschiert wird. Er bezahlt dem klammen Fußballverein den Kunstrasenplatz, hilft bei der Renovierung der maroden, aber historisch wertvollen Dorfkirche und und und. Und wer wenig Geld hat, kann sich trotzdem einen Besuch in der Dorfkneipe leisten, denn ein Grund, warum der Schützenkönig eine Runde schmeißen muss, findet sich immer – und der tut das gerne. Das geht ins Geld, doch um einmal König zu sein, machen das alle mit.

Schützenbrüder (und zunehmend Schützenschwestern) stehen schließlich füreinander ein und das seit hunderten von Jahren. Schließlich macht es ja niemand anders. Das Brauchtum entstand, um die Dörfer, die während des Dreißigjährigen Krieges nicht wichtig genug für eine Armeegarnison waren, vor den Truppen der Schweden, Franzosen und des Kaisers (je nach vorherrschender Religion) zu bewahren. Das jährliche Vogelschießen war ein Anreiz, besser mit der Muskete zu werden, damit man seine Nachbarn beschützen konnte. Wenn die dasselbe taten, konnte man schon einige Gefahren abwehren.

Das Schützenfest ist ein Grund nach Hause zu kommen

Sicher kann man den Waffeneinsatz und das Marschieren problematisch finden. Doch solange die Schützen nicht Polen überfallen, schadet das bisschen Ballern auch niemandem. Und obwohl Räuber und Schwedenheere heute keine Gefahr mehr sind, ist das Schützenfest für viele Dörfer noch immer lebenswichtig.

Sie sehen das alles ganz anders? Vielleicht gefällt Ihnen Katharina Preuths Kritik am Schützenfest besser.

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