Aktivurlaub in den Bergen Mit Schneeschuhen durch die Kitzbüheler Alpen

Von Norbert Eisele-Hein | 27.12.2022, 06:00 Uhr

Nur wenige Kilometer von der Inntal-Autobahn entfernt offenbaren die Kitzbüheler Alpen eine weiße Wunderwelt. Beim Schneeschuhwandern bekommt man vom Trubel des Skizirkus rein gar nichts mit.

Ich bin gewarnt worden, ich gebe es zu. Dass Schneeschuhtouren, nicht bloß Wandern im Schnee für Leute ist, denen Skitouren und Langlaufen zu anstrengend sind. Dass dieser Sport mehr ist als breitbeinig und mit Stöcken ausgerüstet durch den tiefen Schnee zu stapfen, die Aussicht zu genießen und danach schön einzukehren. Das gehört dazu, ist aber längst nicht alles. Aber um das zu verstehen, musste ich selbst gehen. Also bin ich gegangen. Das Ziel: die Kitzbüheler Alpen. Der Treffpunkt: Hopfgarten auf der Südseite der Hohen Salve. Dort treffe ich Elke Henke, die Schneeschuhwanderführerin aus der Gemeinde Itter.

Dank Ihr wird schon die Einführungstour rund um Itter zum Schneeschuhmärchen. Vor uns die
Hohe Salve, links auf der anderen Talseite baut sich der markante Pendling auf und rechts blicken wir hinüber Richtung Wilder Kaiser, dessen steile Felswände in der Morgensonne glänzen. Zwischendrin ragt immer wieder der gut 1100 Jahre alte Turm des Schlosses Itter zwischen den Bäumen hervor. Auf den ersten Metern muss ich mich noch an den breitbeinigen Gang gewöhnen, aber bald schon genieße ich es, mit leichten Schritten im hohen Pulverschnee zu gehen. Mit normalen Schuhen würden wir hier gnadenlos einsinken.

Mit gleichmäßigen Bewegungen geht es weiter. Das leichte Terrain und die geringe Steigung sind gut machbar. Unsere Atemwölkchen explodieren förmlich im Gegenlicht. Die flankierenden Bäume tragen schwer an ihrer aufgebauschten Schneelast. Auf den Stadeln haben sich ganze Wolken von Pulverschnee mit windverblasenen Elvis Presley-Tollen gebildet. Winterwunderland - unsere Einstiegstour hat Suchtpotenzial. 

„Das Schöne am Schneeschuhwandern ist der direkte Einstieg in die Natur. Wir sind weder an Straßen noch an Wanderwege gebunden. Das ist Winterromantik pur“, sage ich zu Elke. Sie nickt und steigt sogleich auf meine Schwärmerei ein. „Freut mich, dass dich das Trapper-Virus gepackt
hat, dann wechseln wir morgen die Talseite und stapfen aus dem Kurzen Grund der Kelchsau hinauf zur berühmten Neuen Bamberger Hütte - eigentlich ein Paradeziel für Skibergsteiger.“

Mehr Informationen:

Anreise: Mit dem Auto über München auf der Autobahn A8 bis zum Inntaldreieck und weiter auf der Inntalautobahn Richtung Innsbruck bis zur Ausfahrt Wörgl-Ost und dort nach Osten Richtung Brixental bis Hopfgarten. Ab München mit ICE nach Wörgl (Hauptroute Richtung Brennerpass/Italien) und weiter mit der S-Bahn (Richtung Sankt Johann) nach Hopfgarten.

Schneeschuhtour: Immer Montags und Dienstags startet in Hopfgarten eine geführte Schneeschuhtour, incl. Schneeschuhen und Punsch für 32 Euro bzw. 17 Euro (incl. Gästekarte). 

Gesagt, getan. Am nächsten Morgen starten wir auf 1144 Metern Seehöhe beim Gasthof Wegscheid, einem bodenständigen Tiroler Wirtshaus. Das Anschnallen der Schneeschuhe funktioniert jetzt schon deutlich besser. Die Gamaschen an den Hosenbeinen fixiert, damit sich vor allem beim Bergabgehen kein Schnee unter die Hosenbeine oder gar in die Schuhränder mogelt, Getränk und das T-Shirt zum Wechseln im Rucksack verstaut, jetzt kann`s losgehen. Zuerst stapfen wir auf der Forststraße ein Stück taleinwärts und schwenken dann direkt in den verschneiten Zauberwald, passieren ein paar Lichtungen und gelangen auf offene Hänge. Der Wind hat feine Rillen und Kanten in den Schnee modelliert, unsere Schneeschuhe wippen fleißig, katapultieren kleine Pulverschneewolken in die Luft. Nach einer Brücke folgen wir dem Winterweg weiter hinein ins Tal bis zu einer Lichtung vor der Kuhwildalm. Hier offenbart sich unvermittelt ein gewaltiger Panoramablick.

Ganz hinten reckt der 2361 Meter hohe Tristkopf seinen kantigen Gipfel in die Höhe, rechts daneben bauen sich die weitläufigen Hänge des 2469 Meter hohen Salzachgeiers auf. Nach zwei Stunden und gut 600 Höhenmetern kommt die Neue Bamberger Hütte in Sichtweite. Der fast schon kitschig-schöne Anblick sorgt für einen zusätzlichen Energieschub. Nur noch wenige Höhenmeter auf dem offenen Gelände, dann schnallen wir die Bratpfannen an unseren Füßen ab, freuen uns auf die warme Gaststube und die herzhafte Tiroler Küche. Die Kaspressknödel in dampfender Brühe sind ein Gedicht, der hausgemachte Millirahmstrudl, mit Vanillesoße und feinem Puderzucker bestäubt, ein Traum für Leckermäuler. Derart gestärkt entsteht sofort neuer Tatendrang.

Wir könnten mit den Schneeschuhen schon auch den einen oder anderen Gipfel erreichen, den Schafsiedl oder auch das Kröndlhorn“, sinniert Elke, „aber dafür bräuchten wir eine vollständige Lawinenschutzausrüstung mit Pieps, Schaufel und Sonde“. Hm, am frühen Abend mit den Schneeschuhen zur Bamberger Hütte, dann übernachten und am nächsten Morgen eine schöne Gipfeltour. Das klingt ziemlich verlockend und ich sehe mich schon als Stammgast in der Kelchsau. Auf dem Weg zurück schmieden wir schon Pläne, wie wir es beim nächsten Mal angehen wollen. Dass uns bergab einige Tourengeher mit ihren Skiern locker überholen, ärgert mich nur für einen kurzen Moment. Klar, sie sind schneller unten, aber wir sind ja zur Entschleunigung unterwegs. Und dafür bieten die Schneeschuhe die bestmögliche Alternative. Wir sind die Genießer unter den Alpinisten - und Genuss darf auch mal länger dauern.

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