Spanien Madrid: Weltstadt unter dem Radar 

Von Maximilian Mühlenweg | 23.07.2022, 07:30 Uhr

Madrid? Was gibt’s da denn schon zu sehen? Ein Besuch in der Stadt, die wie kaum eine andere Gemütlichkeit und Lebensfreude vereint und in der ein ganz besonderer Duft in der Luft liegt. 

Una cerveza, por favor!“ Kein Bier vor vier, gilt doch nicht im Urlaub, oder? Eine halbe Stunde bevor die urdeutsche Sperrstunde endet, bringt der freundliche Kellner das köstliche lokale Getränk in die Freiluftbar im 27. Stock des Riu Plaza España. Es ist Kaiserwetter in der spanischen Königsstadt, der Ausblick aus 100 Metern Höhe im Herzen der Metropole entsprechend traumhaft. Zwei bis drei Stunden Flugzeit aus Deutschland und eine vierzigminütige Metrofahrt direkt bis vor das Hotel – schneller als erwartet beginnt das Abenteuer in einer kulturreichen Stadt, die viel zu häufig unterschätzt wird.

Eine kühle Dusche im stylischen und penibel gesäuberten Zimmer mit Blick auf den namensgebenden Platz vor dem Hotel – den Plaza de España – ist bei Temperaturen von über 30 Grad jetzt genau das Richtige. Die Wärme ist trocken, so lädt die Stadt trotz Nachmittagshitze anschließend zu einer ersten Erkundungstour ein. Nur ein paar hundert Meter auf der Calle Gran Vía trennen das Hotel im Neubarockstil aus der Franco-Zeit vom ikonischen Edificio Carrión mit riesigen Leuchtreklamen und dem Metropolis-Haus. Große Häuserschluchten, in denen sich Barock- an Belle-Epoque-Fassaden aneinanderreihen, werden charmant von kleinen Gassen unterbrochen. An jeder Ecke sind darin kunstvoll und kreativ gestaltete Balkone mit maurischen Kacheln, unzähligen Kakteen oder Nationalflaggen zu entdecken. Die Madrilenen machen es sich gemütlich in ihren Wohnungen über den typischen Markthallen und kleinen Bodegas, die es noch zu entdecken gilt.

Bevor die kleinen Ausschänke, Markthallen und Restaurants entdeckt werden, geht es aber zunächst wieder zurück zum Hotel. Mit einem der sechs intelligent gesteuerten Aufzüge fährt man zügig wieder in die 360-Grad-Rooftopbar. Es ist voll geworden, denn Ausblick und Stimmung locken nicht nur Hotelgäste an. Wer keins der Zimmer bewohnt, muss je nach Tageszeit fünf bis zehn Euro zahlen, um ebenfalls in den Genuss zu kommen. Dafür gibt es dann aber auf jeden Fall auch ein Foto über der schwebenden Plexiglasplattform mit freiem Blick in alle Himmelsrichtungen – auch nach unten! Spektakulär und einzigartig unter den Rooftopbars in Madrid. Angenehmer Wind treibt neben den Housemusic-Klängen der Live-Djane auch die ersten Düfte von Tapas in die Nase. Kartoffelspalten mit rauchig-feuriger Paprikasauce, gefüllte Champignonbällchen, Minipizzen und kleine Käseteller: Tapas sind die perfekt portionierten Snacks, die entdeckungsfreudige Großstadttouristen mit genügend Energie versorgen, ohne dass sie übersättigt durch die Stadt rollen müssen. So denkt man, denn nach mehreren kleinen Tellern ist man natürlich genauso satt wie nach einem ausgedehnten Menü.

Der Standort des Hotels im Herzen der Stadt ist ein großer Vorteil, denn praktisch alle Sehenswürdigkeiten lassen sich zu Fuß erreichen. Wer dennoch lieber auf das Laufen verzichten möchte, erreicht beispielsweise auch den Königspalast bequem mit der Metro an der Station Opera. An der Grenze zum großen Park Casa de Campo beeindruckt der Palacio Real zunächst allein von außen mit seinen enormen Ausmaßen. In der Mitte des Schlossgartens und Paradeplatzes befindet sich seit 1764 auf 135.000 Quadratmetern die offizielle Königsresidenz. Die Königsfamilie selbst lebt allerdings seit Jahrzehnten in einem Schloss vor den Stadttoren. Kein Wunder, denn bei mehr als 3.000 Räumen ist der Weg zum königlichen Frühstück unverhältnismäßig weit, oder? Für 16 Euro können ausgewählte Räume wie der Thronsaal besichtig werden. Auch die königlichen Küchen, aus denen 1962 die letzten Braten und Torten serviert wurden, sind ein echtes Highlight. Kupferne Kuchenformen und Töpfe, riesige Kohleherde oder handbetriebene Eismaschinen: Eindrucksvoll ist die authentische Küche in den kühlen Gemäuern zu bestaunen – natürlich in Ausmaßen, die großen Banketten und Feierlichkeiten gerecht wurden. Beim Anblick so vieler Kochutensilien kommt schnell Hunger auf.

Schlemmen in Madrid

Da passt es gut, dass Madrid eine kulinarisch enorm vielfältige Stadt ist und man gegenüber des Königspalastes direkt in die regionale Tapas-Küche eintauchen kann. Neben 21 Sternerestaurants und nahezu allen Küchen der Welt, vermitteln vor allem die kleinen Tapas-Bars und Märkte den kulinarischen Charme, den diese Weltstadt von so vielen anderen unterscheidet: einfach, köstlich und bezahlbar. Kleine, grüne Bratpaprikas mit Champignons im Mesón del Champiñon, Haifisch-Happen im El Lacon oder ein paar schnelle Knoblauch-Gambas am urigen Stehtisch in der Casa del Abuela – die Tapas-Bars bieten nie endende Abwechslung und führen beim Bar-Hopping auch gleich noch durch die gesamte Altstadt. Alle paar Meter führen die Gassen zu Prachtplätzen wie der Plaza Mayor. Zwar schön anzusehen, taugen sie als Touristenmagnete aber nicht mehr als zu einem kleinen Glas Wein. Auf der Suche nach leckeren Spezialitäten lohnt es sich viel eher, die unscheinbaren Markthallen wie am Plaza de la Cebada zu erkunden. Dort, wo es Touristen eher selten hinein verschlägt, sind Früchte, Fisch und kleine Tapas genauso frisch wie in den Gourmet-Hallen oder Restaurants, nur wesentlich günstiger. Der bekannteste Feinschmecker-Markt ist der Mercado de San Miguel, ein wunderschöner, eisengeschmiedeter Bau von 1919. Innen strömen sofort die Gerüche frischer Meeresfrüchte, süßer Fettgebäcken und teurer Parfüms dem Besucher aus allen Ecken der prall gefüllten Halle in die Nase. Die Herznote dieser faszinierenden Reizüberflutung ist jedoch ein mittlerweile bekannter Geruch. Der rauchig-feurige Paprikaduft liegt wie eine Geruchssignatur der gesamten Stadt in der Luft. Die Bravas-Sauce ist so allgegenwärtig wie köstlich.

Mehr Informationen:

Übernachten: Vom RIU Hotel Plaza España im Herzen der Stadt erreicht man nahezu alle Sehenswürdigkeiten zu Fuß. Weitere Informationen unter www.riu.com

Ansehen: Palacio Real, Calle de Bailén; Museo del Prado, Calle de Ruiz de Alarcón 23, 15 Euro; Museo Reina Sofía, Calle de Sta. Isabel 52, 12 Euro; Flamenco-Show „La Quimera“, Calle Cuchilleros 7, ab 35 Euro;
Palacio de Cristal, Parque del Retiro

Essen und Trinken: Mercado de la Cebada, Plaza de la Cebada; Mercado de San Miguel, Plaza de San Miguel; La Casa del Abuelo, Calle de la Victoria 12; Casa Ciriaco, Calle Mayor 84; El Lacon, Calle de Manuel Fernández y González 8; Mesón de Champiñon, Cava de San Miguel 17; Restaurante Botín, Calle de Cuchilleros 17

Zeit, durchzuatmen. In einer Stadt mit mehr als drei Millionen Einwohnern gar nicht so einfach. Zum Glück ist der Hotelpool ebenso erfrischend wie der Gin Tonic, der im Riu Hotel mit viel Liebe serviert wird. Noch mehr Erholung vom Stadtgeschehen gibt es aber circa 15 Gehminuten vom Hotel im größten Park Madrids – dem Casa de Campo. Alte Kiefern spenden auf den kleinen Schotterpfaden Schatten. Nur die Fassaden in der Ferne lassen nach wenigen Metern im Park angesichts der staubtrockenen Gräser und grünen Baumkronen noch erahnen, dass man in einer Großstadt und nicht in einer Wüstenoase spaziert. Wer es noch grüner mag, erkundet die madrilenische Version des New Yorker Central Parks auf der anderen Seite der Stadt. Eine halbe Stunde vom Hotel entfernt laden ausgedehnte Grün- und Wasserflächen im Parque del Retiro zum Picknicken oder entspannten Dösen ein. In seiner Mitte wurde 1887 ein kunstvoll verziertes Glashaus gebaut, in dem ursprünglich philippinische Pflanzenvielfalt ausgestellt werden sollte. Ein tolles Architekturhighlight und Fotomotiv, in dem kostenlose Kunstausstellungen stattfinden.

Große Kunst

Wem die Kunst im Gewächshaus nicht reicht, findet in Madrid mehrere große Kunstmuseen von Weltrang. Das Museo Reina Sofía und Thyssen-Bornemisza werden in ihrem Ruf nur vom Museo del Prado überstrahlt. Fünf Minuten vom Haupteingang des Retiro-Parks öffnet der Prado für 15 Euro Eintritt seine Tore. Die weltweit größte Sammlung spanischer Meister um El Greco, Franscisco de Goya oder Diego Velázquez dient auch als wunderschöner visueller Zeitstrahl, an dem sich die politische, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung des gesamten Königreichs ablesen lässt. Einzigartig ist auch die 15 Werke umfassende Sammlung Hieronymus Boschs – dem mysteriösen Hippie-Malers des 15. und 16. Jahrhunderts. Vor seinem „Garten der Lüste“ ließe sich ein ganzer Tag verbringen, so beeindruckend, kunterbunt und außergewöhnlich ist das Triptychon in Originalgröße.

Wer es doch noch vor der Nachtschließung aus dem Prado schafft, findet vielleicht noch Zeit für ein weiteres Kulturhighlight. In vielen Straßen wie der Calle de Cuchilleros führen kleine Türen zu Hinterzimmerbühnen, auf denen Flamenco-Shows aufgeführt werden. Mit dem Flamenco, den viele vielleicht noch aus dem Kurs in der Schulzeit kennen, hat dieses emotionale Tanz- und Musik-Feuerwerk aber nicht viel zu tun. Einnehmende Tänze, ausdrucksvoller Gesang und Gitarrenbegleitung ohne Mikrofone. So fühlt sich echter spanischer Flamenco an, pure Gänsehaut!

Madrid braucht keinen Eiffelturm, keine Hochhausskylines und liegt nicht mal am Meer oder Fluss. Die Stadt beweist, dass Weltstädte auch mit vielen kleinen Highlights aus Kunst, Kulinarik und Architektur eine unverwechselbare Stimmung kreieren können. Madrid haben wohl wenige als Reiseziel auf dem Schirm. Doch hier gibt es entspannte Großstadtkultur, die ihresgleichen sucht.

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