Sachsen Leipzig: Eine Altstadt zum Verlieben

Von Carsten Heinke | 23.09.2021, 06:00 Uhr

Ein Bummel durch das Herz der schönen Sachsenmetropole ist immer eine Reise durch die Zeiten. Besonders in den Höfen und Passagen gibt es jede Menge zu entdecken. Und wo fängt man am besten an? Im Hauptbahnhof!

„Der ICE nach München…“, tönt eine Damenstimme aus dem Off. Den Rest des Satzes schluckt der Bummelzug aus Döbeln. Durchsagen mischen sich mit Bahngeräuschen. Das Auto nimmt die letzte Schräge aufwärts und rollt neben einer alten Dampflok auf Museumsbahnsteig 24 ein.

Durch Parkhäuser zu fahren, ist sicher nicht der schönste Zeitvertreib. Im Hauptbahnhof von Leipzig hat das jedoch Erlebniswert – zumindest in den beiden oberen Etagen (Ost). Denn deren Parkdecks liegen – zum Reisen wirklich sehr bequem – offen in der hohen, hellen Bahnsteighalle, die zu den größten und auch schönsten in Europa zählt.

Mehr Informationen:
  • Vom 24. September bis 3. Oktober lädt das Marktamt zum 44. Mal zu den Leipziger Markttagen in die Innenstadt ein. An zehn Tagen können die Leipziger und ihre Gäste sich wieder auf einen abwechslungsreichen Mix aus Handel, Gastronomie und einem bunten Programm freuen. Bewusst großzügiger gestaltet mit umfangreichen Flanierbereichen bieten die Markttage rund 80 Teilnehmern Platz, um täglich von 10 bis 20 Uhr (am 3. Oktober bis 18 Uhr) zu öffnen. Unter www.leipzig.de/markttage gibt es einen Lageplan, auf dem alle Stände mit Sortiment und weiterführenden Daten zu finden sind. Neben dem Markt als Zentrum sind die angrenzenden Bereiche der Petersstraße und des Salzgäßchens mit in das Marktgeschehen eingebunden. Im Salzgäßchen können die Besucher bei mittelalterlicher Musik zwischen Handwerks- und Schankhütten spazieren. Zur Vielseitigkeit der Markttage gehört auch ein buntes Bühnenprogramm. Einheimische und auswärtige Künstler aller Genres geben der City alljährlich zum Herbstbeginn eine eigene musikalische Note.Nicht fehlen darf die Erntedankkrone auf dem Nikolaikirchhof. Am 3. Oktober um 10 Uhr in der Nikolaikirche und ab 11 Uhr am Brunnen feiert die Nikolaikirchgemeinde einen Erntedankgottesdienst, der allen Besuchern offensteht.Verkaufsoffener Sonntag
    Der 26. September ist in diesem Jahr wieder ein verkaufsoffener Sonntag. Die Geschäfte in der Innenstadt haben von 13 bis 18 Uhr geöffnet und bieten den Besuchern der Markttage eine Kombination aus Shopping und Markterlebnis.Weitere Höhepunkte
  • täglich ab 11 Uhr Rahmenprogramm mit Live-Musik auf der Marktbühne
  • Weltrekordversuch „Größtes Leipziger Allerlei – ein Klassiker richtig zubereitet“ am 25. September, 10 bis ca. 14 Uhr vor dem Alten Rathaus: Mit prominenter Unterstützung wollen die Mitglieder des Leipziger Kochkunstvereines nach Originalrezept (mit und ohne Flusskrebse) den Versuch wagen
  • 12. Internationales Drehorgeltreffen mit einer Vielzahl an Leierkastenleuten mit Instrumenten in allen Größen und Formen am 25. und 26. September
  • Open City Festival – Händler und Gastronomen der Leipziger Innenstadt laden am 25. und 26. September mit vielen Aktionen zum Einkaufsbummel

„Danke fürs Abholen“, sagt Sylvie Weidner, die mit dem Regio aus Rudolstadt gekommen ist. Die Leipzigerin ist gelernte Buchhändlerin und angehende Stadtführerin. An diesem Vormittag will sie sich selbst bei einem Übungsrundgang auf die Probe stellen. Und da die City vor der Tür liegt, eignet sich der Hauptbahnhof ganz wunderbar als Ausgangspunkt. Schon in den Bahnhofspromenaden geht es los.

Die Rolltreppe bringt uns hinunter. Direkt unterm Querbahnsteig liegen zwei Etagen voller kleiner Läden, Supermärkte und Gastronomie. „Ich erinnere mich, wie groß in den 1990ern die Entrüstung war, als man von den Plänen hörte, dem geliebten alten Hauptbahnhof eine ganze Shopping Mall zu implantieren“, erinnert sich die 51-Jährige.

Mit dem Ergebnis jedoch freundete man sich sehr schnell an. Seit das vormals schmutziggraue Monstrum nach Umbau und Sanierung im alten, hellen Glanz erstrahlt, gehört es – samt schickem Einkaufszentrum (welches optisch überhaupt nicht stört, das Gebäude aber ungemein belebt) – zu den ersten Sehenswürdigkeiten, die die Einheimischen ihren Gästen zeigen. Bis heute gilt der Hauptbahnhof von Leipzig als gutes Beispiel dafür, wie sich historische Architektur bewahren und zugleich auf zeitgemäße Weise nutzen lässt.

Warmes Eckchen ist aus

Ich hol mir einen Kaffee. Nebenan entscheidet sich ein Mann für eine warme Bockwurst. Sylvie schmunzelt. „Dass es die noch gibt!“ Erinnerungen an die DDR-Zeit werden wach. 85 Pfennig mit Senf und Brötchen, fällt mir plötzlich ein, zahlten wir dafür. Der Snack war populär und oft zugleich der einzige, denn man unterwegs bekam.

Wegen des stark begrenzten Warensortiments sprach man deshalb in der Regel nicht vom Imbiss-, sondern Bockwurststand. Der auf dem Hauptbahnhof war zu unseren Jugendtagen meist geschlossen. „Doch am Querbahnsteig in der Mitropa (jetzt Buchhandlung) gab es fast immer irgendetwas“, fällt Sylvie ein. Viele Jahre war die stets verqualmte Großgaststätte rund um die Uhr geöffnet.

Zum Essen oder Trinken bieten die Bahnhofspromenaden heute Dutzende Gelegenheiten. Doch statt Bowu, „Warmem Eckchen“ (eine Scheibe Braten auf einer Scheibe Brot mit Soße) und Soljanka sind dort eher Pizza, Burger, Wraps und Sushi angesagt. Sächsische Klassiker wie echtes „Leipziger Allerlei“ (mit Flusskrebsen und Waldpilzen) werden eher in der Innenstadt serviert.

Dort fahren wir jetzt hin. Jawohl, wir machen uns den Spaß und nehmen für die knapp 500 Meter bis zum Markt die „U-Bahn“. Der Weg hinunter und hinauf dauert länger als die einminütige Fahrt durch den Citytunnel. Seit 2013 verbindet der den Haupt- mit dem Bayerischen Bahnhof durch eine unterirdische zweigleisige S-Bahntrasse mit insgesamt vier Tiefstationen. Als Teil des regionalen Streckennetzes bindet dieser Abschnitt Leipzigs Innenstadt perfekt ins Umland ein.

Via U-Bahn in die City

Per Rolltreppe geht es nach oben und ins Freie. Zwischen Blumen, Obst und Fisch landen wir vorm Alten Rathaus auf dem Wochenmarkt. „Etwas Süßes auf die Hand“, fragt uns die Frau am Bäckerstand. Ihre „Leipziger Lerchen“ sehen lecker aus. Wir nehmen zwei. Der kleine Krümelkuchen in Pastetenform mit zwei gekreuzten Streifen oben drauf besteht aus Mürbeteig mit Marzipan und Marmelade.

Sein Aussehen wie auch der Name stammen aus der Zeit, als man die armen Vögel hier tatsächlich buk und aß und sogar exportierte. „1876 wurde das verboten“, erklärt die Gästeführerin in spe. Seitdem sind die Küchlein süß und ohne Lerchenfleisch – und machen dafür richtig satt, wie ich gerade wieder spüre.

Aber ein Stadtbummel ohne Naschen geht in Leipzig nicht. Früher gab es dafür sogar einen extra Ort. Er liegt hinterm Alten Rathaus, an der Alten Börse. Noch immer heißt er Naschmarkt. Sylvie weiß, warum: „Obst galt als Süßigkeit. Und hier hat man damit gehandelt.“

Als Gastro-Freisitz sowie Teil des Weihnachtsmarktes steht der Platz auch heute noch für Gaumenfreuden. Überragt wird er von einem Bronzeabbild des Genießers Goethe. Doch steht das Denkmal hier wohl eher für den Dichter. Leipzig war ein großer Meilenstein auf seinem Weg dorthin.

Knapp 16-jährig kam er aus dem damals eher provinziellen Frankfurt, um in der mondänen Sachsenstadt auf Wunsch der Vaters Jura zu studieren. Mehr Zeit und Hingabe als der Rechtswissenschaft widmete der schreibende und zeichnende junge Mann den Schönen Künsten und genoss in vollen Zügen das Studentenleben. Auch das verklärte Bild von Griechenland, dass ihn sein Leben lang begleitete, formte sich in Leipzig, wo zu dieser Zeit sehr viele Griechen lebten. „Das sogenannte Griechenhaus mit orthodoxer Kirche stand dort, wo wir uns nachher einen Eisbecher gönnen“, verrät mir Sylvie. Denn seit 1964 befindet sich an dieser Stelle die Milchbar Pinguin.

Nicht weit von dort, am Neumarkt, wohnte Johann Wolfgang fast drei Jahre lang. Gleich um die Ecke lag seine Lieblings-Zechadresse: Auerbachs Keller. Das berühmte Gasthaus, in dessen Gewölben schon im 15. Jahrhundert Wein ausgeschenkt wurde, ist ein Handlungsort der Sage um Herrn Dr. Faustus, die Goethe schon seit Kindertagen faszinierte. Indem er es in seinem Hauptwerk „Faust“ verewigte, ging das Leipziger Lokal in die Weltliteratur ein. Neben dem Harzer Brocken („Blocksberg“) ist es der einzige konkret benannte Ort in der Tragödie.

Wir lassen Goethe auf dem Naschmarkt stehen. Nach ein paar Schritten sind wir schon bei seinen Helden Faust, Mephisto und den „drei verzauberten Studenten“. Die bronzene Skulpturengruppe von Mathieu Molitor wird vom Reinigungsexperten Udo Faehse gerade liebevoll geputzt. Seit 1913 schmückt sie den Eingang zu Auerbachs Keller.

Zugleich markieren die Figuren den Anfang zum berühmtesten von Leipzigs wundersamen Wandelwegen – der Mädlerpassage. Kaum anderswo gibt es so viele „überdachte“ Ladengassen, von Licht- und echten Höfen unterbrochen. Fast verlaufen kann man sich in ihrem Labyrinth zwischen Nikolai- und Thomaskirche, Bildermuseum, Oper und Gewandhaus, Moritzbastei, Neuem Rathaus und den Höfen am Brühl.

Der Grund für diese bauliche Besonderheit war der einst knappe Platz. Gerade einmal 45 Fußballfelder maß die Stadt, in welcher seit dem Mittelalter der internationale Handel blühte. Kreuzten sich doch hier Europas Lebensadern Via Regia und Via Imperii.

Wunderbare Wandelwege

Man baute immer mehr und größer. Es wuchsen die Bevölkerung und auch die Warenmessen, die Leipzig mehrmals jährlich fast zum Bersten brachten. Denn bis zur Neuzeit zwängte es sich in die engen mittelalterlichen Grenzen. Die Stadtmauern blieben bis zum Ende des 18., Tore, Graben und Basteien bis weit ins 19. Jahrhundert hinein bestehen. Die Moritzbastei von 1554, heute Kulturzentrum, ist das letzte erhaltene Stück der ehemaligen Stadtbefestigung.

Mehr Informationen:

Anreise: Der Leipziger Hauptbahnhof liegt mitten in der City, ist aus allen Richtungen gut erreichbar (www.bahn.de) und per „Bimmel“ (Tram), Bus und S-Bahn mit dem ganzen Stadtgebiet vernetzt (www.l.de). Per Pkw via Autobahnen 9, 14 und 38 (Ausfahrten Leipzig-Mitte, -Ost, -Südwest).Parken: Günstig und nutzerfreundlich sind z. B. die Parkhäuser im Hauptbahnhof oder unterm Gewandhaus (Augustusplatz).Übernachten in der Altstadt: Vom Hostel bis zum Grand Hotel, z.B. Five Elements Hostel am Beginn der Kneipenmeile Barfußgässchen (https://5elementshostel.de/leipzig), Motel One an der Nikolaikirche (www.motel-one.com/de/hotels/leipzig/hotel-leipzig-nikolaikirche) oder Steigenberger an der Alten Börse (www.steigenberger.com/hotels/alle-hotels/deutschland/leipzig/steigenberger-grandhotel-handelshof).Essen & Trinken: Vom historischen, gutbürgerlichen Auerbachs Keller über das Bachstüb’l an der Thomaskirche bis zum extravaganten Max Enk am Neumarkt reicht das Spektrum der City-Gastronomie. Als kulinarische Institution gilt unter Leipzigern die Milchbar Pinguin mit einem Rest von DDR-Charme, zwischen Markt und Sachsenplatz. Das beste Leipziger Allerlei gibt es nach wie vor im Ratskeller im Neuen Rathaus, die besten Leipziger Lerchen im Café Corso, Brüderstr. 6.Auskünfte und Stadtführungen: Tourist-Information, Katharinenstr. 8, Tel. +49 341 710 42 60

Indem die alten Leipziger ihre Gebäude mit Durchfahrtswegen, Gastwirtschaften und Geschäften unterhöhlten, nutzten sie die Fläche mehrfach. Ganz unten fand das ganze Jahr der öffentliche Alltag statt. Darüber wohnte man. Die obersten Etagen dienten als Warenlager und als Messeräume. Auch wenn später daraus regelrechte Mustermessehäuser wurden: Die Passage war und ist in vielen Fällen das Wichtigste am ganzen Bauwerk.

So streifen wir noch lange weiter durch die inhäusigen Ladenstraßen, stoßen auf illustre Namen und Begebenheiten und lassen uns nicht stören, wenn es draußen regnet. Zum Naschen, Stärken und Erfrischen gibt es endlos viele Möglichkeiten – und in der Adventszeit noch viel mehr!

In Anbetracht des Herbstes freuen wir uns jetzt darauf, wenn es in der ganzen Innenstadt nach Glühwein, Tannennadeln, Kräppelchen und heißer Schokolade duftet. Denn außer auf dem Weihnachtsmarkt bieten auch die ringsum ansässigen Wirte oder Händler vor Lokalen und Geschäften Heißgetränke oder Leckereien feil – und locken damit Schlenderer wie uns in Seitenstraßen und Passagen.

In den Genuss von Sylvie Weidners Stadtgeschichten kommen hoffentlich bald viele Leipzig-Gäste. Von mir kriegt sie für diese wunderbare Probe-Tour auf jeden Fall die beste Note.

TEASER-FOTO: