Italien Herz und Seele der Toskana

Von Ekkehart Eichler | 21.10.2021, 06:41 Uhr

Siena begeistert Menschen aus aller Welt. Mit Charme und Flair, mit Stil und Kolorit. Und mit dem Platz der Plätze.

Die erste Herausforderung heißt Torre del Mangia. Dieser gehört zum zinnengekrönten Palazzo Pubblico, dem Rathaus, und ragt wie ein mittelalterlicher Geschlechterturm stolze 102 Meter in die Höhe. Ein Magnet für Himmelstürmer und Fotografen, doch zu früher Stunde hält sich der Andrang noch im Rahmen. Gott sei Dank! Der Raum in dem rustikalen Gemäuer ist arg begrenzt und am Uhrwerk sogar so eng, dass Mann mit Bauch ernsthaft fürchtet, stecken zu bleiben. Und auch die Luft wird knapp auf steilen steinernen Treppen und hölzernen Stiegen. Doch die Mühe lohnt: Stufe um Stufe entfaltet sich das Panorama dieser gotischen Perle. Etage um Etage erlauben Maueröffnungen stets neue und noch schönere Blicke auf das toskanische Wunderwerk namens Siena.

Eine Stadt wie aus dem Bilderbuch

Eingebettet in die sanften grünen Hügel der Monti Chianti mit Weinbergen und Olivenhainen zeigt sich diese Stadt, in der gut 50.000 Menschen leben, wie dem Bilderbuch-Mittelalter entstiegen. Mit einem fast lückenlosen Teppich aus rostbraunen Dächern. Mit Klöstern und Kirchtürmen. Mit dem magischen Blickfang des Doms in den schwarz-weißen Wappenfarben der Stadt. Und – ganz tief unten – mit dem Platz der Plätze, auf dem allmählich das übliche Treiben seinen Lauf nimmt.

Die Piazza del Campo. Für viele der schönste Platz Italiens, wenn nicht sogar der ganzen Welt. Was der Schiefe Turm jedenfalls für Pisa und der Markusplatz für Venedig, ist für Siena der Campo, wie ihn die Sineser kurz und bündig nennen. Hier vereinen sich Herz und Seele dieser prachtvollen Stadt, die ihrerseits mitten im Herz der Toskana liegt. Schon sein Rahmen ist einmalig: Gesäumt von gotischen Palästen und geformt wie eine Muschel oder ein Fächer fällt der Campo zum Rathaus hin ab wie ein Amphitheater. Sein Pflaster zeigt ein Fischgrätmuster aus rotem Backstein, das von der toskanischen Sonne so angenehm durchgewärmt wird, dass sich alltäglich Gott und alle Welt auf diesem Gratis-Lagerplatz niederlässt. Wer es etwas bequemer, aber nicht ganz so preiswert mag, dem stehen hunderte bester Logenplätze zur Verfügung – in Restaurants und Cafés rund um den Platz, deren bunte Markisen mit den Ockerfassaden der Paläste kontrastieren.

Berühmte Filmkulisse - James Bond lässt grüßen

Weltweit berühmt ist der Campo aber auch und vor allem als Wettkampfarena, die es als Kult-Kulisse sogar in den Bond-Film „Ein Quantum Trost“ geschafft hat. Seit 1644 findet hier immer im Juli und August die wilde anarchische Hetzjagd des Palio statt – nur Corona hat dieses vielleicht härteste Pferderennen der Welt jetzt zwei Jahre radikal gestoppt. Bei dem Reiterwettkampf auf ungesattelten Pferden – eingeleitet von tagelangen Vorfeiern und Proben, einem prunkvollen Umzug in historischen Kostümen und einer Einsegnung der Pferde – liefern sich jeweils zehn der 17 Contraden (Stadtviertel), in die Siena seit dem Mittelalter aufgeteilt ist, einen erbarmungslosen Kampf. Mit knallharten Mitteln und allerlei schmutzigen Tricks. Das Rennen selbst dauert nicht mal zwei Minuten: Dreimal wird der Platz umrundet, dreimal geht´s vorbei an der mit Matratzen gesicherten Kurve von San Martino, an der trotzdem die meisten Stürze passieren. Der Sieger – das Ross, nicht der Reiter – bekommt beim anschließenden Festmahl der Gewinner-Contrada einen Ehrenplatz an der Tafel; die vorerst letzten Palios gewannen die Contrada der „Giraffe“ und des „Waldes“ im Juli und August 2019.

Vom Campo wiederum führen drei autofreie Hauptachsen sternenförmig durchs Zentrum. An ihnen aufgefädelt – imposante Adelspaläste, elegante Geschäfte, mit regionalen Spezialitäten vollgestopfte Läden. Erstklassige Weine zuallererst, kein Wunder, ist die Toskana doch eines der Hauptanbaugebiete Italiens. Aber auch Süßigkeiten wie das extrem kalorienreiche „starke Brot“ Panforte. Oder die ausgesprochen köstlichen Ricciarelli, eine Marzipanplätzchenkreation, die allein manch Leckermäulchen immer wieder nach Siena zieht. Zum Beispiel zu Nannini, der Familie von Rockröhre Gianna Nannini, ein alteingesessenes Sineser Patisserie- und Eis-Imperium.

Mehr Informationen:

Anreise: Zum Beispiel mit Lufthansa/Air Dolomiti von Berlin, Hamburg, Düsseldorf (jeweils 1 Stop) sowie München und Frankfurt direkt nach Florenz; weiter mit Mietwagen oder Zug (Fahrzeit 2 Stunden) nach SienaÜbernachtung: Hotel Minerva , DZ/F ab 90 EuroPauschal: Eine 8-Tage-Privatreise „Zauber der Toskana privat“ gibt es bei Gebeco ab 1.435 Euro (zzgl. Anreise), www.gebeco.deInfos: w ww.reise-nach-italien.de

Unermesslicher Reichtum

Genuss ganz anderer Art erlebt der Besucher, wenn sich, ein paar steile Gassen vom Campo entfernt, der Blick unverhofft weitet, und er mit offenem Mund und aufgerissenen Augen, sprachlos und staunend, vor Giovanni Pisanos überaus reich mit Skulpturen dekorierter Domfassade in Bann geschlagen wird. Und drinnen geht es genauso weiter: unermesslich der Reichtum, unbeschreiblich der Glanz, unfassbar die Schönheit. Selbst auf den Marmorböden mit ihren wundervollen Marmoreinlagen.

Kaum zu glauben, dass dieses überwältigende gotische Meisterwerk den Stadtvätern Anfang des 14. Jahrhunderts entschieden zu mickrig war. Damals strotzte Siena vor Reichtum und Selbstbewusstsein nur so und wollte unbedingt die verhassten Florentiner überflügeln. Beziehungsweise deren Dom. Also beschloss der Stadtrat, das Gotteshaus zu vergrößern, und zwar so extraordinär, dass der bisherige Bau nur noch ein Querschiff des neuen Dom bilden sollte. Ein gigantisches Vorhaben, das ebenso grandios in die Hose ging. Weil die Pest 1348 durch Siena fegte und der Bau die Stadt ohnehin schon fast völlig ruiniert hatte. Was vom einstigen Größenwahn übrig blieb, ist wiederum am besten zu sehen vom Rathausturm am Campo. Womit sich der Kreis für diese Geschichte nun endgültig schließt.