Flusskreuzfahrt in Frankreich Meditative Adventsmomente auf der Seine

Von Roswitha Bruder-Pasewald | 05.12.2022, 06:00 Uhr

Auf Frankreichs drittlängstem Fluss kann es im Sommer zwischen dem Ärmelkanal und Paris recht voll werden. Ganz anders im Winter. Da geht es bei einer Flusskreuzfahrt deutlich entspannter zu.

Der Morgen präsentiert sich wie ein herbstliches Gemälde der Impressionisten, die sich gern von der Beschaulichkeit entlang der Seine inspirieren ließen. Am Ufer dominieren braune und goldene Töne, dazwischen schimmert das Grau von weichem Kalkstein. Darüber leuchtet der Himmel in einem strahlend klaren Blau. Obstwiesen säumen das Ufer. Alte Burgen und Schlösser verstecken sich im Morgennebel. Über allem liegt ein Hauch von Melancholie. Im Sommer kann es ganz schön voll werden auf dem 777 Kilometer langen Fluss, der sich erfolgreich der Epoche der Begradigungen widersetzt hat. Doch im Winter ist die Zahl der Flusskreuzfahrtschiffe deutlich kleiner. Dann zeigen sich die Île-de-France und die Normandie von ihrer stillen, meditativen Seite und die Städte präsentieren sich in vorweihnachtlichem Glanz.

In zahlreichen Schleifen mäandert die Seine Richtung Ärmelkanal. Sie knabbert sich durch weichen Kalkstein und ergießt sich in eine Handvoll Schleusen. Mit dem Auto wären es von der Küste bis nach Paris nur wenige Stunden, das Schiff nimmt sich für die Strecke eine Woche Zeit. So können Reisende ganz bequem die normannische Dreifaltigkeit entdecken: schwarz-weiß gescheckte Rinder auf den Feldern, kleine Schlösser mit Seine-Zugang und himmelwärts strebende Kirchtürme, die viel zu groß für die winzigen Dörfer sind.

Rouen, die alte Hauptstadt der Normandie, ist berühmt für ihre 2000 Fachwerkhäuser. Von der Anlegestelle sind es nur ein paar Minuten zu Fuß bis in die historische Altstadt mit ihren verwinkelten, schmalen Gassen. Als „Stadt der hundert Kirchtürme, deren Glockengeläut himmelauf schwingt“ hat der französische Schriftsteller Victor Hugo das städtische Schmuckstück der Normandie bezeichnet, wobei er wohl vor allem die sieben Türme der Kathedrale Notre-Dame im Auge hatte. Maßwerk im Stil des späten Flamboyant züngelt an der Fassade hoch, was sie wunderbar leicht und luftig wirken lässt.

Claude Monet verzückte der Anblick des gotischen Gotteshauses, in dem Richard Löwenherz und der Begründer der Normandie, Herzog Rollo, begraben liegen. Mehr als 30-mal malte der Impressionist dieses Meisterwerk, immer frontal, weil sein Atelier im ersten Stock eines Renaissancehauses gegenüber lag. Es muss eine ziemlich seltsame Konstellation gewesen sein: Monets Werkstatt, in der der Meister an mehreren Staffeleien gleichzeitig arbeitete, lag nämlich in einer Ecke eines Strumpf- und Trikotagengeschäfts. Angeblich fühlte sich der Künstler des öfteren von der Damenwelt gestört.

Zwischen all der Fachwerk-Seligkeit liegt eine höchst gewöhnungsbedürftige Kirche mit einer ungewöhnlichen Geschichte. Weil Frankreichs Nationalheilige Jeanne d‘Arc mitten in Rouen auf dem Scheiterhaufen starb, wurde hier 1979 eine Kirche zu ihren Ehren errichtet. Das auffällige Bauwerk aus grauem Sichtbeton soll an ein Wikingerboot erinnern - das kriegerische Volk war auf Beutezügen ein ums andere Mal die Seine hochgesegelt, bis ihr Anführer, der wilde Rollo, im Jahr 911 vom französischen König die Herrschaft über diesen Landstrich übertragen bekam. Das macht die Normandie zur einzigen französischen Region, die ihren Geburtstag genau datieren kann.

So irritierend das Äußere des modernen Kirchenbaus auf den ersten Blick ist, so gefällig präsentiert sich das Innere. Der schlichte Kirchenraum wirkt fast wie ein Amphitheater, verzichtet ganz auf Pomp. Der einzige Schmuck ist die Bronzestatue der jungen Frau sowie die raumhohen Fenster, die den ganzen Raum in ein überirdisches Licht tauchen. Einst waren sie der ganze Stolz der Pfarrgemeinde von Saint-Vincent. Doch während des Zweiten Weltkrieges wurde das Gotteshaus in Schutt und Asche gelegt. Die wertvollen Fenster hatte man vorsorglich ausgelagert und baute sie anschließend in die Église Sainte-Jeanne-d‘Arc ein.

Die schönste Gasse der Seine-Stadt ist die Rue du Gros Horloge mit ihren vielen kleinen Geschäften, wo Chocolatiers christbaumkugelgroße Schätze aus Schokolade verkaufen und Pâtissiers fluffige Macarons in allen Farben feilbieten - für zwei Euro das Stück. Über die nur ein paar Meter breite Gasse spannt sich ein Renaissancebogen mit der astronomischen Uhr. Die Gros-Horloge gilt neben der Kathedrale als die bedeutendste Sehenswürdigkeit Rouens. Seit 500 Jahren zeigt die mit mächtig Gold protzende Uhr in der Altstadt die Zeit an, wobei man diesen Begriff nicht zu eng fassen sollte. Auf dem zweieinhalb Meter großen Ziffernblatt gibt es nämlich nur einen einzigen Zeiger für die Stunden, neben einem Mondkalender. Letzterer war im Mittelalter wichtiger als ein Minutenzeiger, denn so wussten die Menschen, wann die nächste Flut kommt und damit Schiffe voller Ladung.

Zwischen Vernon und Les Andelys zeigt sich die Seine von ihrer schönsten Seite. Der Strom hat sich tief in das weiche Gestein gegraben, der Mensch hat verschlafene Örtchen an ausladenden Flussschleifen und spektakuläre Burgen auf mächtige Bergkuppen gepackt.

Les Andelys ist ein solch verträumtes Dörfchen, das Normandie im Hosentaschenformat bietet: bildschöne alte Fachwerkhäuser, herrschaftliche Villen und das Château Gaillard, das Richard Löwenherz in nur zwei Jahren hochziehen ließ, um die Seine und die Handelsstadt Rouen vor den Begehrlichkeiten der französischen Krone zu schützen. Den Ort selbst gibt es im Doppelpack: Grand Andely erstreckt sich in ein Seitental, das später gegründete Petit Andely schmiegt sich an die Seine.

Es gibt einige Schmuckstücke in dem Dorf: ein Museum für den Künstler Nicolas Poussin, die reizvolle gotische Kirche Saint Sauveur, die Promenade des Prés zwischen den beiden Ortsteilen sowie die mächtige Kuppel des Krankenhauses Saint-Jacques. Es wurde 1780 für kranke Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela errichtet. Die meisten Besucher kommen jedoch wegen des Château Gaillard, die stattlichste Ruine im Tal der Seine und ein herrlicher Aussichtspunkt über den Strom. Der gefeierte Kreuzritter Löwenherz, mehr Franzose als Engländer, hatte nicht viel Freude an der Verteidigungsanlage an der Ostgrenze seines Reiches. Keine zwei Jahre nach ihrer Fertigstellung wurde Richard 1199 in Chaluis getötet, und sein Bruder Johann war ein solcher Schwächling auf dem Thron, dass die französischen Könige ihre Chance witterten und das Château belagerten. Mehrfach wechselte die Festung zwischen England und Frankreich hin und her. Später nutzlos geworden diente sie im frühen 17. Jahrhundert als Baustofflager für Büßer- und Kapuzinermönche.

Vernon ist eng mit der Geschichte des Wikingers Rollo verbunden. Denn einen besseren Platz, um vorbeifahrenden Schiffen Zölle abzuknöpfen, gab es kaum. Leider haben Kriege der Stadt böse mitgespielt, sodass viele alte Bauten verschwunden sind. Von der einst stolzen Burg existiert nur noch ein jämmerlicher Bergfried. Das beliebteste Fotomotiv ist die alte Seine-Brücke, die Vieux Moulin. So romantisch die Bilder von der alten Mühle wirken, die auf zwei Brückenpfeilern zu schweben scheint - die Wirklichkeit ist nicht ganz so idyllisch. Rings um das alte Gemäuer braust der Autoverkehr.

Ein Ort bleibt Flusskreuzfahrern im Winter aber verschlossen: Monets Gärten in Giverny. Der Impressionist war so verzaubert von der Seine und ihren Landschaften, dass er sich 1883 mitsamt seiner Geliebten in dem 300-Seelen-Dorf niederließ. Das unkonventionelle Erscheinungsbild des exzentrischen Künstlers, mehr noch die familiären Verhältnisse sorgten für Gerede und Empörung in der vornehmlich ländlich geprägten Gegend. Doch heute ist das kleine Dorf an der Einmündung des Flusses Epte in die Seine froh über den damaligen Neuzugang. Sein verrückter Plan, das Flüsschen Epte umzuleiten und einen künstlichen See zu speisen, stieß bei den Einheimischen nicht auf Gegenliebe. Doch die Teiche, die japanische Brücke, die Seerosen und Alleen aus Blüten kamen ihnen gelegen.

Die letzte Station ist Paris, das sich im Advent wie ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum präsentiert. Millionen kleiner LED-Lämpchen hüllen die Champs-Élysées abends in ein rotes Kleid. In der „Avenue Montaigne“, wo Nobelmarken wie Gucci, Prada, Chanel und Louis Vuitton zuhause sind, erstrahlen kunstvolle Lichtinstallationen. „Printemps“ und die „Galeries Lafayette“, die wohl berühmtesten Konsumtempel, liefern sich einen öffentlichen Wettkampf um die aufwendigste Dekoration.

Wer sich einen Eindruck von der Pariser Festbeleuchtung machen möchte, bucht am besten eine Lichterfahrt. Der krönende Abschluss einer solchen Fahrt ist der Besuch des Trocadero, von dem aus man den besten Blick auf die abendliche Lichtershow am Eiffelturm hat. Der Wind pfeift eisig, die Menschenmassen sind abtörnend, doch der Blick ist einmalig. Und das Pariser Wahrzeichen weiß, was es seinen Bewunderern schuldig ist. Zur vollen Stunde lassen 20000 Lämpchen die alte Dame funkeln - eine Lichtershow, die anlässlich der Jahrtausendwende konzipiert wurde und bis heute beibehalten wird.

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